Die Gattin unsers Manfred, erzählte Lothar weiter, ist sehr still und sanft, von zartem Gemüth und rührend schöner Gestalt, er hat noch das Betragen des Liebhabers, und sie das blöde geschämige Wesen einer Jungfrau; ihre jüngere Schwester Clara ist der Muthwille und die Heiterkeit selbst, launig, witzig, und fast immer lachend, im beständigen kleinen Kriege mit Manfred; man sollte glauben, wenn man sie beisammen sieht, er hätte diese lieben müssen, und die ältere, ihm so ungleiche Schwester, hätte ihn nicht rühren können. Allein die Liebe fordert vielleicht eine gewisse Verschiedenheit des Wesens und des Charakters.
Ich komme darauf zurück, sagte Ernst, daß wir immer noch nicht wissen können, wie viel in Manfred angewöhnte Manier ist, und wie viel Natur; ich habe oft bemerkt, daß er ernst, ja traurig war, wenn die Umgebung ihn für ausschweifend lustig hielt. Er hat es von je gescheut, seine innersten Gefühle kund zu thun, und so wirft er sich oft gewaltthätig in eine Laune, die ihn quälen kann, indem sie andre ergötzt.
Wie wird es aber, fragte Theodor weiter, mit den Kindern gehalten? Wahrscheinlich hat sich doch auch zu ihm die neumodische und weichliche Erziehung erstreckt, jene allerliebste Confusion, die jeden Gegenwärtigen im ununterbrochenen Schwindel erhält, indem die Kinderstube allenthalben, im Gesellschaftszimmer, im Garten und in jedem Winkel des Hauses ist, und kein Gespräch und keine Ruhe zuläßt, sondern nur ewiges Geschrei und Erziehen sich hervor thut, eine unsterbliche Zerstreutheit im scheinbaren Achtgeben; jenes Chaos der meisten Haushaltungen, das mir so erschrecklich dünkt, daß ich die neuen Pädagogen, die es veranlaßt haben, und jene Entdecker der Mütterlichkeit gern als Verdammte in einen eignen Kreis der Danteschen Hölle hinein gedichtet hätte, der nur eine solche neuerfundene allgegenwärtige Kinderstube mit all ihrem Wirwarr und Schariwari moderner Elternliebe darzustellen brauchte, um sie als einen nicht unwürdigen Beitrag jener furchtbaren Zirkel anzuschließen.
Auch von dieser neuen, fast allgemein verbreiteten Krankheit, erzählte Lothar, findest du in seinem Hause nichts: seine junge Gattin ist eine wahre Mutter, fast so, wie es unsre Mütter noch waren; sie liebt ihre beiden Kinder über alles, und hat eben darum eine Art von Schaam, in Gesellschaft die Mutter zu spielen, und die Kinder wie Dekorationen an sich zu hängen; die Wartung und alle Erziehung der Kleinen wird von ihr still im Heiligthum eines entlegenen Zimmers besorgt, und weil sie ordentlich ist, und weiß, was sie befiehlt, so darf sie die Kinder zu Zeiten dem gehorsamen Gesinde überlassen, und sie kann ruhig und heiter an der Gesellschaft Theil nehmen, weil sie die Stunde beobachtet; kurz, man nimmt an den allerliebsten Creaturen nur so viel Theil, als man selbst will, und ich, der ich die Kinder kindlich liebe, bin immer gezwungen, sie aufzusuchen.
Vortrefflich! sagte Ernst, dies beweist am meisten für die Schwiegermutter, die die Töchter sehr gut und zur Ordnung muß erzogen haben. In deiner Beschreibung finde ich gerade die ehrwürdigsten Mütter wieder, die ich je gekannt habe. Alles Gute und Rechte soll nur so geschehn, daß es ein unachtsames Auge gar nicht gewahr wird. Unser Vaterland aber ist das Land der geräuschvollsten Erziehung, und die Nation wird bald nur aus Erziehern bestehen; für Mütter und Kinder sind Bibliotheken, und hundert Journale und Almanache geschrieben, alle ihre Tugenden und Pflichten hat man tausendfältig in Kupfer gestochen und zur größern Aufmunterung illuminirt, und aus dem Natürlichsten und Einfachsten, was kaum viele Worte zuläßt, haben wir mit Kunst einen Götzen der vollständigsten Thorheit geschnitzt, und es im ausgeführten System so weit gebracht, daß wir durch Beobachtung, Philosophie und Natur uns von allem Menschlichen und Natürlichen auf unendliche Weite entfernt haben. Nicht genug, daß man die Kinder fast von der Geburt mit Eitelkeit verdirbt, man ruinirt auch die wenigen Schulen, die etwa noch im alten Sinn eingerichtet waren; man zwingt die Kinder im siebenten Jahr, zu lernen, wie sie Scheintodte zum Leben erwecken sollen, man verschreibt Erzieher aus den Gegenden, in welchen diese Produkte am besten gerathen; ja die Staaten selbst verbieten das Buchstabiren, und machen es zur Gewissenssache, das Lesen anders als auf die neue Weise zu erlernen, und fast alle Menschen, selbst die bessern Köpfe nicht ausgenommen, drehen sich im Schwindel nach diesem Orient, um von hier den Messias und das Heil der Welt baldigst ankommen zu sehen; aber gewiß, nach zwanzig Jahren verspotten wir aus einer neuen Thorheit heraus diese jetzige. Dies sind auch nur Schildwachen, die sich ablösen, und so viel neue Figuren auch kommen, so bleiben sie doch immer auf derselben Stelle wandelnd. Jeder Mensch hat etwas, das seinen Zorn erregt, und ich gestehe, ich bin meist so schwach, daß die Pädagogik den meinigen in Bewegung setzt.
So scheint es, sagte Lothar; ein geistreicher Mann sagte einmal: wir sind schlecht erzogen, und es ist nichts aus uns geworden, wie wird es erst mit unsern Kindern aussehn, die wir gut erziehn!
Mir däucht, sagte Theodor, es wäre nun wohl an der Zeit, auch eine Wochenschrift „der Kinderfeind“ zu schreiben, um die Thorheiten lächerlich zu machen, und der ehemaligen Strenge und Einfalt wieder Raum und Aufnahme vorzubereiten.
Du fändest keine Leser, sagte Ernst, unter dieser Ueberfülle humaner Eltern und gereister, ausgebildeter Erzieher.
Friedrich war schon vor einiger Zeit vom Tisch und Gespräch aufgestanden, und auf seinen Wink hatte sich Anton zu ihm gesellt. Sie gingen unter einen Baumgang, von welchem man weit auf die Landstraße hinaus sehen konnte, die sich über einen nahe liegenden Berg hinweg zog. Mich kümmern alle diese Dinge nicht, sagte Friedrich, treib’ es jeder, wie er mag und kann, denn mein Herz ist so ganz und durchaus von einem Gegenstande erfüllt, daß mich weder die Thorheiten noch die ernsthaften Begebenheiten unserer Zeit ernstlich anziehn. Er vertraute seinem Freunde, der seine Verhältnisse schon kannte, daß es ihm endlich gelungen sei, alle Bedenklichkeiten seiner geliebten Adelheid zu überwinden, und daß sie sich entschlossen habe, auf irgend eine Weise das Haus ihres Oheims, des Geheimeraths, zu verlassen; dieser wolle einen alten Lieblingsplan fast gewaltthätig durchsetzen, sie mit seinem jüngeren Bruder, einem reichen Gutsbesitzer, zu vermälen, weil er sich so an die Gesellschaft des schönen liebenswürdigen Kindes gewöhnt habe, daß er sich durchaus nicht von ihr trennen könne, er sei gesonnen, nach der Heirath zu diesem Bruder zu ziehn, um in seinem kinderlosen Wittwerstande gemeinschaftlich mit ihm zu hausen. Es scheint vergeblich, so endete Friedrich, diesem Plan unsre Liebe entgegen zu setzen, wenigstens hält es Adelheid für unmöglich, und zwar so sehr, daß der Oheim noch gar nicht einmal von meinem Verhältnisse zu ihr weiß; so erwarte ich nun bei Manfred morgen oder übermorgen einen Boten, der unser Schicksal auf immer entscheiden wird. Eine drückende Lage wird oft am leichtesten durch eine Gewaltthätigkeit gelöst, und ich hoffe, daß Manfred mir durch seine Klugheit und seinen Muth beistehen wird. Ich würde mich unserm Ernst auch gern vertrauen, wenn er nicht gar zu gern tadelte, wo aller Rath zu spät kömmt.
Doch kann Vorsicht nicht schaden, sagte Anton, und hüte dich nur, dich von Manfred, der alles Abentheuerliche übertrieben liebt, in einen Plan verwickeln zu lassen, dessen Verdrießlichkeiten vielleicht dein ganzes Leben verwirren. Denn es ist gar zu anlockend, auf Unkosten eines andern muthig und unternehmend zu sein, der Mensch genießt alsdann das Vergnügen des Wagehalses zugleich mit der Lust der Sicherheit.