Laßt es euch doch für diesmal so gefallen, sagte Manfred, wir wollen euch ein andermal einschläfern und Langeweile genug machen. Habt ihr aber was zu klagen, so klagt über Anton, den ihr selbst zum Könige dieses Tages erwählt habt, und der uns befohlen hat, dergleichen Zeug an den Tag zu fördern.

Es wäre unbillig, sagte Emilie, ihn zu schelten, der uns so anmuthig unterhalten hat, und der nur mit leisem Schreck, wie aus der Ferne, die Schilderung der stillen Einsamkeit wunderbarer und anziehender machte.

Wie ihr nun seid, fuhr Manfred fort, das eine ist vielleicht gut, und das andre darum noch nicht schlimm. Die Phantasie, die Dichtung also wollt ihr verklagen? Aber eure Wirklichkeit! Thut doch nur die Augen auf, angenehme Gegner und Widersacher, und seht, daß es dort, vor euren Augen, hinter eurem Rücken, wenn ihr euch nur erkundigt, weit schlimmer hergeht. Schlimmer und herber, und also auch viel gräßlicher, weil das Schrecken hier durch nichts Poetisches gemildert wird. Soll ich euch dergleichen Dinge aus dem alltäglichsten Leben, oder aus der Geschichte erzählen? Ich bin nicht von den schwächsten Nerven, aber ich weiß noch wohl, daß ich einige Nächte nicht schlafen konnte, weil mich das Bild des armen gefolterten Grandier die Tage hindurch bei allen meinen Geschäften verfolgte, so daß ich selbst das Buch, worin ich sein Schicksal gelesen, mit Grauen betrachtete. Dieser Mann, ein Geistlicher, ward durch den gemeinsten abgeschmacktesten Neid der Zauberei beschuldigt, unkluge Nonnen stellten sich besessen und klagten ihn als den Urheber ihres Zustandes an; Richelieu, der sich irrigerweise von dem gebildeten und nicht unwitzigen Manne beleidigt glaubte, ging in die verächtliche Kabale ein. Grandier lachte anfangs, aber er ward vor Gericht gezogen, unmenschlich, bis zum Sterben fast, zermartert, und dann auf die grausamste Weise verbrannt. Alle seine Richter waren von seiner Unschuld überzeugt, sein hoher Verfolger am innigsten; eine aufgeklärte witzige Nation spottete über den Prozeß, man besuchte von Paris die besessenen Nonnen als eine unterhaltende Abentheuerlichkeit: und doch wurde diese Abscheulichkeit verübt, unsern Tagen ziemlich nahe, in den Tagen der Philosophie (nicht etwa im sogenannten barbarischen Mittel-Alter), die ehrwürdige Form der Gerechtigkeit wurde gemißbraucht und geschändet, die Religion verhöhnt, und alles dies, worüber unser Eingeweide entbrennt und Rache schreit, hatte weiter keine Folgen, als daß die Pariser den Zermarterten gutmüthig bedauerten. Soll ich euch aus den causes celèbres diese ungeheure Begebenheit vorlesen? Oder jene Trauergeschichte, welche erzählt, wie ein Familien-Vater unschuldig auf die Galeeren gesandt wird und dort stirbt, sein Weib und seine unmündige Tochter aber lange im Kerker schmachten müssen, weil ein Prozeß über einen bedeutenden Diebstahl schlecht eingeleitet ward, und die Richter sich vom Stande des Klägers verleiten ließen, übereilt zu verfahren; der unschuldig Beklagte aber Vermögen, Ehre und Leben auf das schmählichste einbüßte? Die Kollekte, die das junge Mädchen nachher für ihre Mutter und sich erhielt und erbettelte, konnte ihnen den Vater nicht wieder geben, noch den ungeheuren Jammer von ihrer Seele nehmen. Nicht wahr, diese sind die ächten Gespenstergeschichten? Und wer lebt denn wohl, der nicht dergleichen zu erzählen wüßte, von der Grausamkeit der Menschen, der Bestechlichkeit der Aemter, der Unterdrückung des Armen? Von dem Elend, welches große und kleine Tyrannen erschaffen? Hier könnt ihr euch nirgend trösten und euch sagen: es ist nur ersonnen! die Kunstform beruhigt euer Gemüth nicht mit der Nothwendigkeit, ja ihr könnt oft in diesem Jammer nicht einmal ein Schicksal sehn, sondern nur das Blinde, Schreckliche, das was sagt: so ist es nun einmal! In dergleichen mährchenhaften Erfindungen aber kann ja dieses Elend der Welt nur wie von vielen muntern Farben gebrochen hineinspielen, und ich dächte, auch ein nicht starkes Auge müßte es auf diese Weise ertragen können.

Und wenn du auch Recht hättest, sagte Clara, so bleibe ich doch unerbittlich!

Nun gut, sagte Manfred,

Sei ganz ein Weib und gieb

Dich hin dem Triebe, der dich zügellos

Ergreift und dahin oder dorthin reißt.

Wie macht ihr Zarten, Weichen, Sanftgestimmten, es aber nur in unsern Theatern? Ich habe mich oft verwundern müssen, daß eure Nerven die Abscheulichkeiten aushalten können, die wir doch fast täglich dorten sehen und hören müssen. Ich rede nicht von jenen verfehlten Tragödien, die, um erhaben zu sein, das Oberste im Menschen zu unterst kehren, denn über diese kann man lächeln und sich an ihnen unterhalten, immer wird doch irgend eine That, Begebenheit oder Schicksal dargestellt, welches mich beruhigt, auch ist hie und da wohl ein Zug oder eine Scene gelungen, die für das Ganze dann gut stehn müssen; sondern von jenem kleinlichen Zwitterschauspiele spreche ich, von jenen Familiengemälden und Hofrathsstücken, von den Hunger- und Elends-Festen von der Noth und Angst, die bis in den fünften Akt die Seelen zerdrückt, und ein edles Mädchen fast dahin bringt, einen Lump zu heirathen und das brillanteste Herz sitzen zu lassen; oder wo ein hochstrebender Sohn den Vater bestiehlt und zur Verzweiflung bringt, oder Brüder mißhellig sind, Frauen den Schweiß des Gatten verschwenden, und so weiter: denn wer vermöchte die unendliche Variation des großen Einerlei auszusprechen? Bei diesen Jammer-Lustspielen, kann ich nicht läugnen, bin ich ein zu nervenschwacher Zuschauer, um nicht auf das Aeußerste verstimmt und im Innern unglücklich zu werden. Denn diese Dichter haben nicht daran genug, dergleichen Elend nach der Wahrheit zu schildern, wodurch ihre Kompositionen bloß unkünstlich würden, sondern sie ziehn mit einem Handgriff, den sie sich alle zu eigen gemacht haben, das Edelste und Höchste der Menschheit, Kindes- und Elternliebe, Freundschaft, die theuersten Verhältnisse, die menschlichsten, natürlichsten und herzlichsten Rührungen in ihre Karrikaturen hinein, und schlagen die Töne an, die immer anklingen müssen, wenn ein gutmüthiges Publikum kein heitres Kunstwerk, sondern nur eine prekaire Wahrheit verlangt, und erregen dadurch die Thränenschauer, auf welche sie in ihren Vorreden so stolz sind. Dieser Thränen (ich muß sie selbst vergießen, gesteh ich) sollten wir uns aber schämen, sie sollten uns gerade am meisten in Zorn gegen den Dichter entzünden, der das Höchste und Theuerste zum Niedrigsten macht, und auf dem Trödelmarkt ausbietet. Nicht wahr, es würde uns alle empören, ein Erbstück eines geliebten Vaters, das wir nur unserm kostbarsten Schranke anvertrauen, plötzlich in der schmuzigen Judengasse öffentlich ausstehn zu sehn? Gerade so empören mich jene Dinge, von denen sich unser Publikum so oft erhoben und gebessert fühlt, denn eben die unwürdigste Taschenspielerei jener Autoren ist es, an ihr Machwerk die Empfindungen zu knüpfen, die uns als Menschen ewig heilig und unverletzlich sein sollen.

Ich verstehe jezt, sagte Emilie, ihren Zorn etwas mehr, der mir oft genug paradox erschien, indem ich sah, daß sie sich einer gewissen Rührung nicht erwehren konnten.