Wie könnt ihr Weiber, fuhr Manfred in seinem Eifer fort, es nur dulden, daß man eure Mütterlichkeit, eure Liebe, euer zartes Hingeben, eure ehelichen Tugenden, eure Keuschheit, dort als verzerrte Bilder so öffentlich an den Pranger stellt? denn das ist es eigentlich, wie sehr sich alle diese Herren auch die Miene geben wollen, euch und euren Beruf zu verherrlichen. Und eben so mit den Romanen. In mein Haus soll mir gewiß kein Buch für Mütter, oder Gattinnen, oder Weiber wie sie sein sollen, und dergleichen Unkraut kommen, aus der Verkehrtheit unsers Treibens erwachsen und von der Eitelkeit des Zeitalters genährt. Und dieselben Herren, die dergleichen wahrhaft unmoralisches Zeug schreiben und preisen, wollen dem Bauer seinen Siegfried, Oktavian und Eulenspiegel nehmen, um die Moralität der niedern Stände nicht verderben zu lassen! Kann es etwas Tolleres und Verkehrteres geben?

Sollte denn aber, sagte Anton, meine Regierung gleich so verstümmelt beginnen, zum gefährlichen Beispiel aller meiner Thronfolger, und diese Abtheilung, die mir zugefallen ist, gar nicht vollendet werden? Was werden dazu unsre Freunde Friedrich, Wilibald und Theodor sagen? Warlich, wenn ich meine Pflicht nur irgend nachleben will, darf ich es nicht zugeben. Die liebenswürdige Clara wird also hiemit für eine Rebellin erklärt, und ihr eine Minute Frist gestattet, sich zu besinnen, widrigenfalls sie sich der Strafe aussetzen wird, daß man ihr ganz allein in der Einsamkeit die Oktavia, oder Armuth und Edelsinn, oder irgend etwas dem Aehnliches, Großartiges vorlesen soll.

Ich ergebe mich, sagte Clara; der furchtbare Herrscher, sehe ich, hat zu schreckliche Strafen in seiner Hand, er will uns zwar nicht mit Skorpionen, aber doch mit bösem Gewürm geißeln, und darum ziehe ich es vor, mich dem Lesen dieser Mährchen zu ergeben, wenn denn doch einmal gelesen werden soll. Nur lebe ich der Hoffnung, daß die drei Erzählungen, welche noch zurückbleiben, nicht crescendo dieses Grauen erhöhen, sondern uns decrescendo wieder in den ersten Ton zurück führen werden.

Vor allem laßt uns in den Saal treten, sagte Emilie; es ist ungewöhnlich kühl geworden, und unser genesender Beherrscher dürfte von der Abendluft mehr, wie wir von der Poesie zu befürchten haben.

Als man den Garten verlassen und sich im offnen Saale wieder geordnet hatte, sagte Theodor: ich kann wenigstens versichern, daß dasjenige, was ich mitzutheilen habe, schwerlich Schrecken erregen kann.

Von meiner Erfindung kann ich das nämliche zusagen, fügte Wilibald hinzu.

Wenn Friedrich uns dasselbe verspricht, sagte Clara, so möge denn also diese Mährchenwelt wieder erscheinen.

Nur mit Beschämung, sagte Friedrich, kann ich Ihnen diese Blätter mittheilen, da ich der einzige bin, der seine Erzählung nicht erfunden hat, sondern mich gezwungen sehe, Ihnen einen Jugendversuch vorzulegen, welcher nur eine alte Geschichte nacherzählt. Auch ist die Darstellung so gefaßt, daß ich fürchten muß, dem Gedicht das größte Unrecht gethan zu haben. Doch erlauben Sie mir ohne weitere Entschuldigung anzufangen.

Friedrich las: —

Liebesgeschichte
der
schönen Magelone
und des
Grafen Peter von Provence.
1796