Es fehlt unsrer Zeit, sagte Friedrich, so sehr sie die Natur sucht, eben der Sinn für Natur, denn nicht allein diese regelmäßigen Gärten, die dem jetzigen Geschmacke zuwider sind, bekehrt man zum Romantischen, sondern auch wahrhaft romantische Wildnisse werden verfolgt, und zur Regel und Verfassung der neuen Gartenkunst erzogen. So war ehemals nur die große wundervolle Heidelberger Ruine eine so grüne, frische, poetische und wilde Einsamkeit, die so schön mit den verfallenen Thürmen, den großen Höfen, und der herrlichen Natur umher in Harmonie stand, daß sie auf das Gemüth eben so wie ein vollendetes Gedicht aus dem Mittelalter wirkte; ich war so entzückt über diesen einzigen Fleck unsrer deutschen Erde, daß das grünende Bild seit Jahren meiner Phantasie vorschwebte, aber vor einiger Zeit fand ich auch hier eine Art von Park wieder, der zwar dem Wandelnden manchen schönen Platz und manche schöne Aussicht gönnt, der auf bequemen Pfaden zu Stellen führt, die man vormals nur mit Gefahr erklettern konnte, der selbst erlaubt, Erfrischungen an anmuthigen Räumen ruhig und sicher zu genießen; doch wiegen alle diese Vortheile nicht die großartige und einzige Schönheit auf, die hier aus der besten Absicht ist zerstört worden.

Hier wurde das Gespräch unterbrochen, indem der Bediente meldete, daß angerichtet sei.

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Man ging durch die großen offenen Thüren des Speisesaales, der unmittelbar an den Garten stieß, und aus dem man den gegenüber liegenden Berg mit seinen vielfach grünenden Gebüschen und schönen Waldparthien vor sich hatte; zunächst war ein runder Wiesenplan des Gartens, welchen die lieblichsten Blumengruppen umdufteten, und als Krone des grünen Platzes glänzte und rauschte in der Mitte ein Springbrunnen, der durch sein liebliches Getön gleich sehr zum Schweigen wie zum Sprechen einlud.

Alle setzten sich, Wilibald zwischen Auguste und Clara, neben dieser ließ Anton sich nieder, und ihm zunächst Emilie, zwischen ihr und Rosalien hatte Friedrich seinen Platz gefunden, an welche sich Lothar schloß, und neben ihm saßen die übrigen Männer. Auf dem Tische prangten Blumen in geschmackvollen Gefäßen und in zierlichen Körben frische Kirschen. Wie kommt es, fing die ältere Emilie nach einer Pause an, daß es bei jeder Tischgesellschaft im Anfang still zugeht? Man ist nachdenkend und sieht vor sich nieder, auch erwartet Niemand ein lebhaftes Gespräch, denn es scheint, daß die Suppe eine gewisse ernste, ruhige Stimmung veranlaßt, die gewöhnlich sehr mit dem Beschluß der Mahlzeit und dem Nachtische kontrastirt.

Vieles erklärt der Hunger, sagte Wilibald, der sich meistentheils erst durch die Nähe der Speisen meldet, besonders, wenn man später zu Tische geht, als es festgesetzt war, denn Warten macht hungrig, dann durstig, und wenn es zu lange spannt, erregt es wahre Uebelkeit, fast Ohnmacht.

Sehr wahr, sagte Rosalie, und die Herren sollten das nur bedenken, die uns Frauen fast immer warten lassen, wenn sie eine Jagd, einen Spazierritt, oder ein sogenanntes Geschäft vorhaben.

Lassen denn die Damen nicht eben so oft auf sich warten, erwiederte Wilibald, und wohl länger, wenn sie mit ihrem Anzug nicht einig oder fertig werden können? Da überdies die meisten niemals wissen, wie viel es an der Uhr ist, ja daß es überhaupt eine Zeitabtheilung giebt.

Recht! sagte Manfred; neulich wollten sie einen Besuch in der Nachbarschaft machen, noch vorher eine Oper durchsingen, und ein wenig spazieren gehn, um dabei zugleich das kranke Kind im Dorfe zu besuchen, dann wollte man bei Zeiten wieder zu Hause sein und etwas früher essen als gewöhnlich, weil wir den Nachmittag einmal recht genießen wollten; als man aber, um doch anzufangen, nach der Uhr sah, fand sichs, daß es gerade nur noch eine halbe Stunde bis zur gewöhnlichen Tischzeit war, und die lieben Zeitlosen kaum noch Zeit sich umzukleiden hatten.

Doch bitt’ ich mich auszunehmen, sagte Rosalie, tadelst du mich doch sonst immer, daß ich zu pünktlich, zu sehr nach der Stunde bin, sonst würde es auch mit den Einrichtungen der Wirthschaft übel aussehn.