Dich nehm’ ich aus, sagte Manfred, und einer Hausfrau steht auch nichts so liebenswürdig, als eine stille, unerschütterliche Ordnung: aber auch nur die stille Ordnung, denn noch schlimmer als die Unordentlichen sind die für die Ordnung Wüthenden, in deren Häusern nichts als Einrichtung, Abrichten der Domestiken, Aufräumen und Staubabwischen zu finden ist; eine solche Frau haben, wäre eben so wie unter der großen Kirchenuhr und den Glocken wohnen, wo man nichts als den Perpendikel und das fürchterliche Schlagen der Stunden hört: auch eine männlich ordentliche und unternehmende Therese ist widerwärtig. Aber in aller liebenswürdigen weiblichen Unordnung schweift meine theure Schwester Auguste etwas zu sehr aus.

Das weiß Gott! fuhr Wilibald etwas übereilt heraus; denn wenn ein Spaziergang abgeredet ist, so muß man wohl anderthalb Stunden mit dem Stock in der Hand unten stehn und warten, und dann hat die liebenswürdige Dame entweder den Spaziergang ganz vergessen, und besinnt sich erst darauf, wenn man einigemal hat erinnern lassen, oder sie kommt auch wohl endlich, aber nun hat man nicht an Handschuh und Sonnenschirm und Tuch gedacht; man geht zurück, man kramt, und fällt dabei nicht selten wieder in eine Beschäftigung, die den Spaziergang von neuem mit Schiffbruch bedroht. O Gott! und nach allen diesen Leiden soll unser eins nachher noch liebenswürdig sein!

Das ist ja eben die Liebenswürdigkeit, sagte Auguste, denn wenn euch alles entgegen getragen, allen euren Launen geschmeichelt wird, wenn man euch so schlicht hin für Herrscher erklärt, daß ihr dann zuweilen ein wenig liebenswürdig seid, ist doch warlich kein Verdienst.

Um wieder auf die Suppe zu kommen, die jezt genossen ist, sagte Lothar, so rührt es wohl nicht so sehr von einem materiellen Bedürfniß her, daß man bei ihr wenig spricht, sondern mich dünkt, jedes Mahl und Fest ist einem Schauspiel, am besten einem Shakspearschen Lustspiel, zu vergleichen, und hat seine Regeln und Nothwendigkeiten, die sich auch unbewußt in den meisten Fällen aussprechen.

Wie könnte es wohl einem verständigen Menschen etwas anders sein? unterbrach ihn Wilibald mit Lachen; o wie oft ist doch unbewußt der Lustspieldichter selbst ein erfreulicher Gegenstand für ein Lustspiel!

Laß ihn sprechen, sagte Manfred, magst du doch die Mahlzeit nachher mit einer Schlacht, oder gar mit der Weltgeschichte vergleichen; am Tisch muß unbedingte Gedanken- und Eßfreiheit herrschen.

Daß die abwechselnden Gerichte und Gänge, fuhr Lothar fort, sich mit Akten und Scenen sehr gut vergleichen lassen, fällt in die Augen; eben so ausgemacht ist es für den denkenden und höhern Esser (ich ignorire jene gemeinere Naturen, die an allem zweifeln, und etwa in materieller Dumpfheit meinen können, das Essen geschehe nur, um den Hunger zu vertreiben), daß eine gewisse allgemeine Empfindung ausgesprochen werden soll, der in der ganzen Composition der Tafel nichts widersprechen darf, sei es von Seiten der Speisen, der Weine, oder der Gespräche, denn aus allem soll sich eine romantische Composition entwickeln, die mich unterhält, befriedigt und ergötzt, ohne meine Neugier und Theilnahme zu heftig zu spannen, ohne mich zu täuschen, oder mir bittre Rückerinnrungen zu lassen. Die epigrammatischen Gerichte zum Beispiel, die manchmal zur Täuschung aufgetragen werden, sind gerade zu abgeschmackt zu nennen.

Im nördlichen Deutschland, sagte Ernst, sah ich einmal Zuckergebacknes als Torf aufsetzen, und es gefiel den Gästen sehr.

O ihr unkünstlich Speisenden! rief Lothar aus; warum laßt ihr euch den Marzipan nicht lieber als die Physiognomien eurer Gegner backen, und zerschneidet und verzehrt sie mit Wohlgefallen und Herzenswuth? dürften die Rezensenten, oder sonst verhaßte Menschen, gleich so auf den Märkten zum Verkauf ausgeboten werden?

Von höchst abentheuerlichen Festen, sagte Clara, habe ich einmal im Vasari gelesen, welche die Florentinischen Maler einander gaben, und die mich nur würden geängstigt haben, denn diese trieben die Verkehrtheit vielleicht auf das äußerste. Nicht bloß, daß sie Palläste und Tempel von verschiedenen Speisen errichteten und verzehrten, sondern selbst die Hölle mit ihren Gespenstern mußte ihrem poetischen Uebermuthe dienen, und Kröten und Schlangen enthielten gut zubereitete Gerichte, und der Nachtisch von Zucker bestand aus Schädeln und Todtengebeinen.