Gern, sagte Manfred, hätt’ ich an diesen bizarren, phantastischen Dingen Theil genommen, ich habe jene Beschreibung nie ohne die größte Freude lesen können. Warum sollte denn nicht Furcht, Abscheu, Angst, Ueberraschung zur Abwechselung auch einmal in unser nächstes und alltäglichstes Leben hinein gespielt werden? Alles, auch das Seltsamste und Widersinnigste hat seine Zeit.
Freilich mußt du so sprechen, sagte Lothar, der du auch die Abentheuerlichkeiten des Höllen-Breughels liebst, und der du, wenn deine Laune dich anstößt, allen Geschmack gänzlich läugnest und aus der Reihe der Dinge ausstreichen willst.
Wüßten wir doch nur, sagte Manfred, wo diese Sphinx sich aufhält, die alle wollen gesehen haben, und von der doch Niemand Rechenschaft zu geben weiß: bald glaubt man an das Gespenst, bald nicht, wie an die Dulcinea des Don Quixote, und das ist wohl der Spaß an diesem Tagegeiste, daß er zugleich ist und nicht ist.
Seltsam, aber nicht selten, fiel Friedrich ein, ist die Erscheinung (die deinen Unglauben fast bestätigen könnte), daß Menschen, die von Jugend auf sich scheinbar mit dem Geiste des klassischen Alterthums genährt, die immer das Ideal von Kunst im Munde führen, und unbillig selbst das Schönste der Modernen verachten, sich doch plötzlich aus wunderlicher Leidenschaft so in das Abgeschmackte und Verzerrte der neuern Welt vergaffen können, daß ihr Zustand sehr nahe an Verrücktheit gränzt.
Weil sie die neue Welt gar nicht kannten, antwortete Lothar, war ihre Liebe zur alten auch keine freie und gebildete, sondern nur Aberglaube, der die Form für den Geist nahm. Mir kam auch einmal ein scheinbar gebildeter junger Mann vor, der, nachdem er lange nur den Sophokles und Aeschylus angebetet hatte, ziemlich plötzlich und ohne scheinbaren Uebergang als ächter Patriot unsern ungriechischen Kotzebue vergötterte.
Ich bin deiner Meinung, so nahm Ernst das Wort: kein Mensch ist wohl seiner Ueberzeugung oder seines Glaubens versichert, wenn er nicht die gegenüber liegende Reihe von Gedanken und Empfindungen schon in sich erlebt hat, darum ist es nie so schwer gewesen, als es beim ersten Augenblick scheinen möchte, die ausgemachtesten Freigeister zu bekehren, weil von irgend einer Seite ihres Wesens sich gewiß die Glaubensfähigkeit erwecken läßt, die dann, einmal erregt, alle Empfindungen mit sich reißt, und die ehemaligen Ansichten und Gedanken zertrümmert. Eben so wenig aber steht der Fromme, der nicht mit allen seinen Kräften schon die Regionen des Zweifels durchwandert hat, seine Seele müßte dann etwa ganz Glaube und einfältiges Vertrauen sein, auf einem festen Grunde.
Vorzüglich, sagte Friedrich, sind es die Leidenschaften, die so oft im Menschen das zerstören, was vorher als sein eigenthümlichstes Wesen erscheinen konnte. Ich habe Wüstlinge gekannt, wahre Gottesläugner der Liebe und freche Verhöhner alles Heiligen, die lange mit der stolzesten Ueberzeugung ihr verächtliches Leben führten, und endlich, schon an der Grenze des Alters, von einer höhern Leidenschaft, sogar zu unwürdigen Wesen, wunderbar genug ergriffen wurden, so daß sie fromm, demüthig und gläubig wurden, ihre verlorne Jugend beklagten, und endlich noch einigen Schimmer der Liebe kennen lernten, deren Himmelsglanz sie in besseren Tagen verspottet hatten.
Könnte man nur immer, fügte Anton hinzu, jungen Menschen, welche in die Welt treten, und sich nur leicht von den scheinbar Reichen und Freien beherrschen und stimmen lassen, die Ueberzeugung mitgeben, wie arm und welche gebundene Sklaven jene sind, die gern alle ihre falschen Flitterschätze um ein Gefühl der Kindlichkeit, der Unschuld, oder gar der Liebe hingeben möchten, wenn es sie so beglücken wollte, in ihren dunkeln Kerker hinein zu leuchten. Wie oft ist der überhaupt in der Welt der Beneidete, der sich selber mitleidswürdig dünkt, und weit mehr Schlimmes geschieht aus falscher Schaam, als aus wirklich böser Neigung, ein mißverstandner Trieb der Nachahmung und Verehrung verlockt viel häufiger den Verirrten, als Neigung zum Laster.
Wie aber das Böse nicht zu läugnen ist, sagte Ernst, eben so wenig in den Künsten und Neigungen das Abgeschmackte, und man soll sich wohl vor beiden gleich sehr hüten. Vielleicht, daß auch beides genauer zusammen hängt, als man gewöhnlich glaubt. Wir sollen weder den moralischen noch physischen Ekel in uns zu vernichten streben.
Aber auch nicht zu krankhaft ausbilden, wandte Manfred ein. — Ein Weltumsegler unsers Innern wird auch wohl noch einmal die Rundung unsrer Seele entdecken, und daß man nothwendig auf denselben Punkt der Ausfahrt zurück kommen muß, wenn man sich gar zu weit davon entfernen will.