Dies führt, sagte Theodor, indem er mit Wilibald anstieß, zur liebenswürdigen Billigkeit und Humanität.

Es führt, antwortete dieser, wie alles, was die letzte Spitze und den wahrhaften Schwindel mit einem gewissen Witze sucht, zu gar nichts. Theurer Lothar, laß uns wieder vernünftig sprechen, und führe deine Vergleichung einer Mahlzeit und des Schauspiels noch etwas weiter.

Um deiner Wißbegier genug zu thun, fuhr Lothar fort, erklär’ ich also, daß bei einem Schauspiele die Einleitung eine der wichtigsten Parthien ist; sie kann hauptsächlich auf dreierlei Art geschehen. Entweder, daß in ruhiger Erzählung die Lage der Dinge auf die einfachste und natürlichste Weise auseinander gesetzt wird, so wie in „den Irrungen,“ oder daß uns der Dichter sogleich in Getümmel und Unruhe wirft, woraus sich nach und nach die Klarheit und das Verständniß eröffnen, so wie im „Romeo“ und dem „Oldcastle,“ die gar mit Schlägerei beginnen, oder auf die dritte Weise, die uns zwar auch sogleich in die Mitte der Dinge führt, aber mit ruhiger Besonnenheit, wie in „Was ihr wollt.“ Es ist keine Frage, daß die letztere Art beim Gastmahl die vorzüglichere sei, und daß deshalb die zivilisirten Nationen, und Menschen, die nicht bizarr leben und essen wollen, ihre Mahlzeit mit einer kräftigen, aber milden, ruhig bedächtigen Suppe eröffnen. Wie nun alle Menschen Hang zum Drama haben, und dunkel die Ahnung in ihnen schläft, daß alles Drama sei, so hüten sie sich mit Recht, zu witzig, zu geistreich, oder auch nur zu gesprächig zu sein, so lange die Suppe vor ihnen steht.

Emilie lachte und winkte ihm Beifall, und Lothar fuhr also fort: so wie sich in dem eben genannten Lustspiele nach der fast elegischen Einleitung die anmuthigen Personen des Junkers Tobias, der Maria und der Fieberwange als reizende Episode einführen, so genießt man zum Anbeginn der Mahlzeit Sardellen, oder Kaviar, oder irgend etwas Reizendes, welches noch nicht unmittelbar das Bedürfniß befriedigt, und so, um nicht zu weitläufig zu werden, wechselt Befriedigung und Reiz in angenehmen Schwingungen bis zum Nachtisch, der ganz launig, poetisch und muthwillig ist, wie jenes Lustspiel sich nach seinem Beschluß mit dem allerliebsten albernen, aber bedeutenden Gesang des liebenswürdigsten Narren beschließt, wie „Viel Lärmen um nichts,“ und „Wie es euch gefällt“ mit einem Tanze endigen, oder das „Wintermährchen“ mit der lebendigen Bildsäule.

Ich sehe wohl, sagte Clara, man sollte das Essen eben so gut in Schulen lernen, als die übrigen Wissenschaften.

Gewiß, sagte Lothar, ziemt einem gebildeten Menschen nichts so wenig, als ungeschickt zu essen, denn eben, weil die Nahrung ein Bedürfniß unserer Natur ist, muß hiebei entweder die allerhöchste Simplizität obwalten, oder Anstand und Frohsinn müssen eintreten und anmuthige Heiterkeit verbreiten.

Freilich, sagte Ernst, stört nichts so sehr, als eine schwankende Mischung von Sparsamkeit und unerfreulicher Verschwendung, wie man wohl mit vortrefflichem Wein zum Genuß geringer und schlecht zubereiteter Speisen überschüttet wird, oder zu schmackhaften leckern Gerichten im Angesicht trefflicher Geschirre elenden Wein hinunter würgen muß. Dieses sind die wahren Tragikomödien, die jedes gesetzte Gemüth, das nach Harmonie strebt, zu gewaltsam erschüttern. Ist das Gespräch solcher Tafel zugleich lärmend und wild, so hat man noch lange nachher am Mißton der Festlichkeit zu leiden, denn auch bei diesem Genuß muß die Schaam unsichtbar regieren, und Unverschämtheit muß in edle Gesellschaft niemals eintreten können.

Dazu, sagte Anton, gehört das übermäßige Trinken aus Ambition, oder wenn ein begeisterter Wirth im halben Rausch zudringend zum Trinken nöthigt, indem er laut und lauter versichert, der Wein verdien’ es, diese Flasche koste so viel und jene noch mehr, es komme ihm aber unter guten Freunden nicht darauf an, und er könne es wohl aushalten, wenn selbst noch mehr darauf gehn sollte. Dergleichen Menschen rechnen im Hochmuth des Geldes nicht nur her, was dieses Fest kostet und jeder einzelne Gast verzehrt, sondern sie ruhen nicht, bis man den Preis jedes Tisches und Schrankes erfahren hat. Wenn sie Kunstwerke oder Raritäten besitzen, sind sie gar unerträglich, und ihr höchster Genuß besteht darin, wenn sie in aller Freundschaftlichkeit ihren Gast können fühlen machen, daß es ihm, gegen den Wirth gerechnet, eigentlich wohl an Gelde gebreche.

Das führt darauf, fuhr Lothar fort, daß so wie in den Gefäßen und Speisen Harmonie sein muß, diese auch durch die herrschenden Gespräche nicht darf verletzt werden. Die einleitende Suppe werde, wie schon gesagt, mit Stille, Sammlung und Aufmerksamkeit begleitet, nachher ist wohl gelinde Politik erlaubt, und kleine Geschichtchen, oder leichte philosophische Bemerkungen: ist eine Gesellschaft ihres Scherzes und Witzes nicht sehr gewiß, so verschwende sie ihn ja nicht zu früh, denn mit dem Confect und Obst und den feinen Weinen soll aller Ernst völlig verschwinden, nun muß erlaubt sein, was noch vor einer Viertelstunde unschicklich gewesen wäre; durch ein lauteres Lachen werden selbst die Damen dreister, die Liebe erklärt sich unverholner, die Eifersucht zeigt sich mit unverstecktern Ausfällen, jeder giebt mehr Blöße und scheut sich nicht, dem treffenden Spott des Freundes sich hinzugeben, selbst eine und die andre ärgerliche Geschichte witzig vorgetragen darf umlaufen. Große Herren ließen ehemals mit dem Zucker ihre Narren und Lustigmacher hereinkommen, um am Schluß des Mahls sich ganz als Menschen, heiter froh und ausgelassen zu fühlen.

Jezt, sagte Theodor, bringt man um die Zeit die kleinen Kinder herein, wenn sie nicht schon alle in Reih’ und Glied bei Tische selber gesessen haben.