Freilich, sagte Manfred, und das Gespräch erhebt sich zum Rührenden über die hohen idealischen Tugenden der Kleinen und ihrer unnennbaren Liebe zu den Eltern, und der Eltern hinwieder zu den Kindern.
Und wenn es recht hoch hergeht, sagte Theodor, so werden Thränen vergossen, als die letzte und kostbarste Flüssigkeit, die aufzubringen ist, und so beschließt sich das Mahl mit den höchsten Erschütterungen des Herzens.
Nicht genug, fing Lothar wieder an, daß man diese Unarten vermeiden muß, jede Tischunterhaltung sollte selbst ein Kunstwerk sein, das auf gehörige Art das Mahl accompagnirte und im richtigen Generalbaß mit ihm gesetzt wäre. Von jenen schrecklichen großen Gesellschaften spreche ich gar nicht, die leider in unserm Vaterlande fast allgemeine Sitte geworden sind, wo Bekannte und Unbekannte, Freunde und Feinde, Geistreiche und Aberwitzige, junge Mädchen und alte Gevatterinnen an einer langen Tafel nach dem Loose durch einander gesetzt werden; jene Mahlzeiten, für welche die Wirthin schon seit acht Tagen sorgt und läuft und von ihnen träumt, um alles mit großem Prunk und noch größerer Geschmacklosigkeit einzurichten, um nur endlich, endlich der Fete los zu werden, die man schon längst von ihr erwartet, weil sie wohl zwölf und mehr ähnliche Gastmahle überstanden hat, zu der sie nun zum Ueberfluß noch jeden einladet, dem sie irgend eine Artigkeit schuldig zu sein glaubt, und gern noch ein Dutzend Durchreisende in ihrem Garne auffängt, um ihrer Besuche nachher entübrigt zu bleiben; nein, ich rede nicht von jenen Tafeln, an welchen Niemand spricht, oder Alle zugleich reden, an welchen das Chaos herrscht, und kaum noch in seltnen Minuten sich ein einzelner Privatspaß heraus wickeln kann, wo jedes Gespräch schon als todte Frucht zur Welt kommt, oder im Augenblicke nachher sterben muß, wie der Fisch auf dem trocknen Lande; ich meine nicht jene Gastgebote, bei denen der Wirth sich auf die Folter begeben muß, um den guten Wirth zu machen, zu Zeiten um den Tisch wandeln, selbst einschenken und frostige Scherze in das Ohr albern lächelnder Damen niederlegen; kurz, schweigen wir von dieser Barbarei unserer Zeit, von diesem Tode aller Geselligkeit und Gastfreiheit, die neben so vielen andern barbarischen Gewohnheiten auch ihre Stelle bei uns gefunden hat.
Die krankhafte Karikatur von diesen Anstalten, fügte Wilibald hinzu, sind die noch größern Theegesellschaften und kalten Abendmahlzeiten, wo das Vergnügen erhöht wird, indem alles durch einander läuft, und wie in der Sprachverwirrung die Bedienten, gerufen und ungerufen, mit allen möglichen Erfrischungen balanzirend, dazwischen tanzen, jeder Geladene durch alle Zimmer schweift, um zu suchen, er weiß nicht was, und ein Ordnungsliebender gern am Ofen, oder an irgend einem Fenster Posto faßt, um in der allgemeinen Flucht nur nicht umgelaufen, oder von der völkerwandernden Unterhaltung erfaßt und mitgenommen zu werden.
Dieses, sagte Manfred, ist der wahre hohe Styl unsers geselligen Lebens, Michel Angelo’s jüngstes Gericht gegen die Miniaturbilder alter Gastlichkeit und traulicher Freundschaft, der Beschluß der Kunst, das Endziel der Imagination, die Vollendung der Zeiten, von der alle Propheten nur haben weissagen können.
Vergessen wir nur nicht, unterbrach Ernst, die Festlichkeiten des Mittelalters, wo nicht selten Tausende vom Adel als Gäste versammelt waren; doch hatte jener freimüthige frohe Sinn nichts von der Zerstreutheit unserer Zeit, und ihre glänzenden Waffenkämpfe, diese Spiele, bei denen die Kraft mit der Gefahr scherzte, vereinigten alle Gemüther zu einem herrlichen Mittelpunkte hin. Die Schätze der Welt sind wohl noch niemals so öffentlich und in so schönem großen Sinne genossen worden.
Wie soll denn nun aber nach deiner Vorstellung ein Gastmahl endigen? fragte Wilibald; was sollte denn wohl auf diesen lustigen Leichtsinn folgen können, um würdig zu beschließen, oder wieder in das gewöhnliche Leben einzulenken?
Der orientalische Ernst des Caffee, antwortete Lothar, und nach diesem, wie neulich schon ausgemacht wurde, vielleicht sogar die Pfeife. Da befinden wir uns plötzlich wieder in der Mitte eines herabgestimmten Lebens, und denken an unsere vorige Lust nur wie an einen Traum zurück.
Sollte man so bewußtlos leben, essen und trinken, warf Clara ein, so wäre es eben eine herzliche Last, sich mit dem Leben überall einzulassen.
Es kömmt wohl nur auf die Uebung an, sagte Theodor, haben doch Elephanten gelernt auf dem Seile tanzen. Die meisten Menschen machen sich außerdem ihr Leben noch viel beschwerlicher, und sie leben es doch ab: o warlich, hätten sie nur etwas Leichtsinn in den Kauf bekommen, so entschlössen sich viele, sich sterben zu lassen.