Darum, fuhr Friedrich fort, sind Teiche, Bäche, Quellen, sanfte blaue Ströme, für den Landschafter so vortreffliche Gegenstände, und dienen ihm vorzüglich, jene sanfte Rührung und Sehnsucht hervor zu bringen, die wir so oft beim Anblick des ruhigen Wassers empfinden.

Die Menge der lebendigen rauschenden Brunnen, sagte Ernst, gehört zu den Wundern Roms, und sie tragen mit dazu bei, den Aufenthalt in dieser Stadt so lieblich zu machen. Entzückt uns in freier Landschaft oder in den Gärten das Spiel des Wassers, so ergreift uns neben Pallästen und Kirchen, im Geräusch der Straßen und Märkte, dieses tönende Rauschen und Sprudeln noch seltsamer. Ich kann nicht sagen, wie in der stillen Nacht der Abreise mich diese Brunnen rührten, denn mir dünkte, daß sie alle Abschied von mir nähmen, mir ein Lebewohl nachriefen, und mich an alle Herrlichkeiten dieser Hauptstadt der Welt so wehmüthig erinnerten; ich begriff in dieser Stunde nicht, wie ich mich vorher oft so innig nach Deutschland hatte sehnen können, denn schon bevor ich aus dem Thor gefahren war, sehnte ich mich herzlich nach Rom zurück, wie viel mehr nicht seitdem!

So ist der Mensch, fiel Theodor ein, nichts als Inkonsequenz und Widerspruch! So hat Lothar uns heut weitläuftig auseinandergesetzt, mit welcher Heiterkeit und mit welchem ausgelassenen Witze sich ein Mahl beschließen müsse, und wir endigten es höchst unbedacht mit Rührung, was ganz gegen die Abrede war.

Doch nicht minder gut, sagte Ernst, denn wir waren auch in dieser Bewegung fröhlich. Ich verstehe überhaupt die Freude der meisten Menschen nicht. Scheint es doch, als müßten sie alle Erinnerungen des wahren Lebens von sich entfernt halten, um nur in blinder Zerstreutheit auf kümmerliche Weise sich das anzueignen, was sie Ergötzung und Fröhlichkeit nennen. Die Fülle des Lebens, ein gesundes kräftiges Gefühl des Daseins bedarf selbst einer gewissen Trauer, um die Lust desto inniger zu empfinden, so wie diese Gesundheit die Tragödie erfunden hat, und auch nur genießen kann. Je schwächer der Mensch, je lebensmüder er wird, um so mehr hat er nur noch Freude am Lachen, und an dem kleinlichen Lustspiel neuerer Zeit. Geh dem aus dem Wege, der nur noch lachen mag und kann, denn mit dem Ernst und der edlen Trauer ist auch aller Inhalt seines Lebens entschwunden; er ist bös, wenn er etwas mehr als Thor sein kann. Je höher wir unser Dasein in Lust und Liebe empfinden, je lauter wir in uns aufjauchzen in jenen seltenen Minuten, die uns nur sparsam ein geizendes Schicksal gönnt, um so freigebiger und reicher sollen wir uns auch in diesen Sekunden fühlen; warum also in diesen schönsten Lebensmomenten unsre ehemaligen Freunde und ihre Liebe von uns weisen? Hat der Tod sie denn zu unsern Feinden gemacht? Oder ist ihr Zustand nach unsrer Meinung so durchaus bejammernswerth, daß ihr Bild unsre Lust zerstören muß? In jenen seligen Stimmungen möchte ich ausrufen: laßt sie zu uns, in unsre Arme, in unsre Herzen kommen, daß unser Reichthum noch reicher werde! Könnt ihr euch aber mit dem Glauben vertragen, daß sie vielleicht hülflos, auf lange in Wüsten hinaus gestoßen sind, o so laßt ihnen einige Tropfen von der Ueberfülle eurer Lust zufließen! Aber nein, du theurer geliebter Abgeschiedener, in diesen Empfindungen fühl’ ich mich zu dir in den Zustand deiner Ruhe und Freude hinüber, und du bist mehr der meine, als nur je in diesem irdischen Leben, denn neben meiner ganzen Liebe gehört dir nun auch mein höchster Schmerz um dich, jener namenlose, unbegreifliche, jenes angstvollste Ringen mit dem fürchterlichsten Zweifel, als ob ich dich auf ewig verloren hätte; da hat meine Liebe erst alle ihre Kräfte aufrufen und erkennen müssen, da hab’ ich dich erst im Triumph dem Tode abgewonnen, um dich nie mehr zu verlieren, und seitdem bist du ohne Wandel, ohne Krankheit, ohne Mißverständniß mein, und lächelst jedes Lächeln mit, und schwimmst in jeder Thräne: wo kann ich dich besser herbergen, als in diesem Herzen, wenn es der Freude geöffnet ist? Mit diesem Gaste sprech’ ich nicht mehr zu ihr: was willst du? oder: du bist toll! denn sie ist durch deine holde Gegenwart edler, milder und menschlicher.

Clara weinte, und Anton überließ sich seiner Wehmuth. Höre auf, rief dieser, ich fühle diese Wahrheit trotz ihrer Freundlichkeit zu schmerzlich, eben weil sie so ganz das Wesen meines Lebens ist.

Was ist es nur, fing Clara nach einiger Zeit wieder an, das uns in der Heiligkeit des Schmerzes oft wie im Triumph hoch, hoch hinauf hebt, und das uns, möcht’ ich doch fast sagen, mit der Angst eines Jubilirens befällt, eines tiefen Mitleidens, einer so innigen Liebe, eines solchen Gefühls, das wir nicht nennen können, sondern daß wir nur gleich in Thränen untergehn und sterben möchten? So ist es mir oft gewesen, wenn ich im Plutarch von den großen Menschen las, wie sie unglücklich sind, und wie sie ihre Leiden und den Tod erdulden, oder wie Timoleon sein Glück und Schicksal trägt. Das Leben möchte brechen vor Lust und Schmerz, und wenn dann ein Fremder fragt: was fehlt dir? so möchte man antworten: „o ich habe eine Welt zu viel! Warum kann ich in Demuth als Seufzer nicht für den verwehen, den ich so innig verehren muß?“

Wer nicht auf diese Weise, sagte Friedrich, das Evangelium lesen kann, der sollte es nie lesen wollen, denn was kann er anders dort finden, als die höchste Liebe und ihre heiligen Schmerzen? Diese Begier sich aufzuopfern, sich ganz, ganz hinzuwerfen dem geliebten Gegenstande unsrer Verehrung, ist das Höchste in uns; es ruft aus uns über Jahrtausende hinüber: fühlst du mich denn auch? Siehe, du hast nicht umsonst gelebt, ich weiß von dir, nur ein Herold der Menschheit bin ich, nur ein Laut aus der unzählbaren Schaar! — Sollte ein solches Gefühl nicht unmittelbare Gemeinschaft mit dem geliebten Wesen erzeugen können?

Und so ist die Welt unser, fuhr Lothar heftig fort, wenn wir dieser Welt nur würdig sind! Aber leider sind wir meist zu träge und todt, um die zu bewundern, deren Leben ein Wunder war; denn nicht was unser leeres Erstaunen erregt, was wir nicht begreifen, sollten wir so nennen, sondern die Kraft jener Weltüberwinder, die über Schicksal und Tod siegten, diese Helden sollten wir als Wunderthäter verehren; unser äußerer Mensch versteht und faßt sie auch nicht, aber der innere fühlt sie, und in Andacht und Liebe sind sie ihm vertraut und mehr als verständlich.

Alles, was wir wachend von Schmerz und Rührung wissen, sagte Anton, ist doch nur kalt zu nennen gegen jene Thränen, die wir in Träumen vergießen, gegen jenes Herzklopfen, das wir im Schlaf empfinden. Dann ist die letzte Härte unsers Wesens zerschmolzen, und die ganze Seele fluthet in den Wogen des Schmerzes. Im wachenden Zustande bleiben immer noch einige Felsenklippen übrig, an denen die Fluth sich bricht.

Gewiß, fuhr Friedrich fort, sollten wir die Zustände des Wachens und Schlafens mehr als Geschwister behandeln, wir würden dann klarer wachen und leichter träumen. Suchen wir doch am Tage mit der Phantasie auf diesem Fuße zu leben, und wie viel könnten wir von ihr als Nachtwandlerin lernen, wenn wir sie als solche mehr achteten und beachteten. So finden wir auch in der alten Welt die Träume nicht so vernachläßigt, sondern aus ihren Ahndungen ging oft durch den Glauben der Menschen eine glänzende Wirklichkeit hervor.