Wir träumen ja auch nur die Natur, sagte Ernst, und möchten diesen Traum ausdeuten; auf dieselbe Weise entfernt und nahe ist uns die Schönheit, und so wahrsagen wir auch aus dem Heiligthum unsers Innern, wie aus einer Welt des Traumes heraus.

So könnte man denn wohl, unterbrach Theodor, aus witziger Willkühr mit der Wirklichkeit wie mit Träumen spielen, und die Geburten der Dunkelheit als das Rechte und Wahre anerkennen wollen.

Thun denn so viele Menschen etwas anders? fragte Wilibald.

Und thun sie denn so gar unrecht? antwortete Ernst mit neuer Frage.

Wir gerathen auf diesem Wege, sagte Emilie, in das Gebiet der Räthsel und Wunder. Doch führt uns vielleicht der Versuch, alles umkehren zu wollen, am Ende selbst wieder in das Gewöhnliche zurück.

Damit ich euch scheinbar kreuze, fiel Manfred ein, so bleiben nach meinem Gefühl Witz und Scherz immer etwas sehr Nüchternes, wenn sie nicht unter ihrer Verhüllung eine Wahrheit aussprechen können, so wie ich auch glaube, daß es keine Wahrheit giebt, der Witz und Scherz nicht das Lächerliche abgewinnen mögen. Lachen wir doch auch nur recht herzlich und gemüthlich, und wahrhaft nur ganz unschuldig, über unsre Freunde, die wir lieben, und derjenige, der sich noch nicht seinem Freunde zum Scherze gern hingegeben hat, hat noch keinen Freund recht von ganzer Seele geliebt; ja aus Aufopferungssucht hilft der Liebende selbst dem Spotte nach, und enthüllt freiwillig das Lächerliche in sich, um sich gleichsam dem Freunde zu vernichten; denn, um es heraus zu sagen, das Lachen ist den Thränen wohl näher verwandt, als die meisten glauben, endigt es doch auch, wie die Rührung, mit diesen.

Ernst fuhr fort: der Satz, den wir so oft haben wiederholen hören: daß die Menschen die Lächerlichkeit fürchten, und daß deshalb der komische Dichter, oder Satiriker, oder wie sie ihn nennen mögen, diese allgemeine höchste Reizbarkeit der Menschen benutzen müsse, um sie zu bessern; dieser Satz ist gewiß in der Anwendung falsch, und an sich selbst nur einseitig wahr. Das Lächerliche, welches sich mit dem Verächtlichen verbindet, und welches so manche Dichter zur Verfolgung, und wo möglich Vernichtung, dieser oder jener sogenannten Thorheit, oder einer Meinung, oder Verirrung haben brauchen wollen, ist allerdings so gehässig und bitter, daß wohl zu keiner Zeit ein edler Mensch sich diesem Lächerlichen hat bloß stellen mögen, denn ein feindliches Wesen, das irgend ein Leben zu vernichten strebte, kämpfte in diesem wilden, anmaßlichen Lachen; auch gestehe ich gern, daß ich diesen sogenannten Satirikern, besonders der neuern Zeiten, niemals Freude und Lust habe abgewinnen können, ich weiß auch nicht, ob ich eben bei ihren Darstellungen gelacht habe. Eben so wenig mögen wir uns an der Stelle des Narren befinden, der seine Menschheit wegwirft und sich unter den Affen erniedrigt, um seinem rohen Herrn ein Schauspiel des Ergötzens darzubieten, von welchem der Edlere sich mit Ekel hinweg wendet. Es gehört schon ein höherer, ein wahrhaft menschlicher Sinn dazu, um auf die rechte Art und bei den richtigen Veranlassungen zu lachen, und wenn die Thräne dich wohl hintergehn kann, so kann dich das Lachen eines Menschen schwerlich über das Niedrige oder Edle seiner Gesinnung täuschen. Wie unterschieden ist aber von jener hassenden Bitterkeit und traurigen Verächtlichkeit die Lust der Freude, das Entzücken unsrer ganzen Seele, (in der sich wohl, wie Manfred wähnt, alle Urkraft des Wahren in uns ahndungsvoll mit erregen mag) wenn alle unsere Anschauungen und Erinnerungen in jenem wundersamen Strudel der Wonne auf eine Zeit untergehn, welcher die Töne des Gelächters aus der Verborgenheit herauf erschallen läßt. Erregt ein wahrer Schauspieler diesen Zustand in uns, so ist er uns ein hoch verehrtes Wesen, und so wenig gesellt sich ein Gefühl der Verachtung zu unserer Freude, daß wir im Gegentheil ihn als unsern Freund und Geliebten in unser innerstes Herz schließen; der Dichter, der diesen Strom der Lust in der Wüste aus dem Felsen schlägt, erscheint uns wunderthätig. Ja, ich behaupte, daß unsre Liebe, wenn sie einen Gegenstand wahrhaft lieben soll, an diesem irgend einen Schein des Lächerlichen finden muß, weil sie ihn dadurch gleichsam erst besitzt; auch daß wir keinen Freund oder keine Geliebte haben möchten, über die wir in keinem Augenblick ihres Daseins lachen oder lächeln könnten; der Held eines Gedichts ist erst dann unsers Herzens gewiß, wenn er uns einigemal ein stilles Lächeln abgenöthigt hat, und dies ist ein Theil der Zauberkraft Homers und der Nibelungen Helden. Sogar (und ich sage wohl nichts Widersinniges, wenn ich diese Meinung ausspreche), sogar den heiligsten und erhabensten Gegenständen ist dieses Gefühl so wie das des Mitleidens nicht nachtheilig und feindlich, oder hebt unsere Liebe und hohe Rührung auf, sondern wir können den heiligen Wahnsinn der großen Religionshelden bewundernd beweinen, und doch kann ein geheimes Lächeln über der Verehrung schweben, denn diese seltsame Regung erhebt sich zugleich mit allen Kräften aus den Tiefen der Seele; wir fühlen, wie so vielen Gemüthern das, was wir anbeten, nur belachenswerth sein dürfte, und weil diese vor den Augen unsers äußern Verstandes nicht Unrecht haben, und sich für diesen Zweifel auch eine geheime Sympathie in unserm innersten Wesen regt, so eilen wir so dringender mit unserer Verehrung und unserem Mitleid hülfreich und rettend hinzu, um in angstvoller Liebe an dem Gegenstande unserer Bewunderung ein höheres Recht auszuüben. Der alte Ausdruck von den Helden der Religion: „sie haben sich zu Thoren gemacht vor der Welt,“ ist vortrefflich.

Gewiß, sagte Manfred, ist das Lächerliche in seiner Tiefe noch niemals angeschaut und die wunderbare Natur des Witzes auch nur einigermaßen erklärt; wer wird uns denn noch einmal etwas deutlicheres darüber sagen können, warum wir lachen? Das Lachen an sich selbst ist den meisten Menschen nur eine leichte Sache, aber woher es kommt und wohin es geht, ist noch schwerer als vom Winde zu sagen. Hier hatte ich meinen Jean Paul in seiner Vorhalle zur Aesthetik erwartet, und gerade hier habe ich nur so wenig von ihm gefunden.

Dieses Gespräch, sagte Theodor, erinnert mich an jene Unschuld des Komischen, welches ich immer allen andern bedeutenderen Arten des Lächerlichen vorgezogen habe. Ich meine jenes leichte Berühren aller Gegenstände, jenes gemüthliche Spiel mit allen Wesen und ihren Gedanken und Empfindungen, welches neben seiner kraftvollen kecken Darstellung einer der herrlichsten Vorzüge Shakspears ist, den man nicht leicht demjenigen deutlich machen kann, der im Witz nur eine Charade oder ein sinnreiches Räthsel sucht, der aus der Anwendung und dem Treffenden nach Außen erst rückwärts das Komische verstehn kann, und dem es leere Albernheit ist, wenn es ohne eine solche prosaische Bedeutung auftreten will.

Von hier aus, meinte Wilibald, müsse es eine vortreffliche Ausbeugung in das wahre Gebiet der Albernheit und in die Gründe ihrer Rechtfertigung geben, denn diese triebe die Unschuld sogar so weit, daß sie selbst ohne alles Leben und also vielleicht am meisten poetisch lebendig sei; doch Lothar, ohne auf diesen Angriff zu achten, oder ihn zu bemerken, bemeisterte sich des Gespräches und fuhr so fort: Da unser ganzes Leben aus dem doppelten Bestreben besteht, uns in uns zu vertiefen, und uns selbst zu vergessen und aus uns heraus zu gehn, und dieser Wechsel den Reiz unseres Daseins ausmacht, so hat es mir immer geschienen, daß die geistigste und witzigste Entwickelung unserer Kräfte und unsers Individuums diejenige sei, uns selbst ganz in ein anderes Wesen hinein verloren zu geben, indem wir es mit aller Anstrengung unsrer geistigen Stimmung darzustellen suchen: mit einem Wort, wenn wir in einem guten Schauspiel eine Rolle übernehmen und uns bestreben, die Erscheinung des Einzelnen wie des Ganzen mit der höchsten Wahrheit und in der vollkommensten Harmonie hervor zu bringen. Es giebt wohl auch nur wenige Menschen, die dem Reiz dieser Versuchung auf immer widerstehn können, und wenn das Talent des Schauspielers auch selten sein mag, so ist die Lust zur Mimik doch fast in allen Menschen thätig.