Wir haben diesem Triebe, fuhr Ernst fort, gewiß unendlich viel zu danken, unser innerlicher Mensch ahmt oft lange einen Gedanken, oder die Vortrefflichkeit einer Gesinnung, ja selbst eine Empfindung nur mimisch nach, bis wir, gerade wie die Kinder lernen, uns die Sache selbst durch Wiederholung und Angewöhnung zu eigen machen können.

Vergessen wir nur nicht, sagte Wilibald verdrüßlich, daß aus demselben Triebe auch alle Affektation, Ziererei, Unnatürlichkeit, kurz, alles äffische Wesen im Menschen entspringt, so daß diese Sucht wenigstens eben so schädlich ist, als sie, was ich nicht beurtheilen kann, wohlthätig sein mag.

Wir wollen diese Untersuchung fallen lassen, fuhr Lothar ungestört fort, da wir sie jezt doch nicht erschöpfen können; ich wollte nur auf die Bemerkung einlenken, wie es zu verwundern sei, daß es noch keinem von uns eingefallen ist, mit dieser zahlreichen und ohne Zweifel talentvollen Gesellschaft irgend ein dramatisches Werk, am liebsten eins von Shakspear, darzustellen. Welchen Genuß würde jedem von uns dieser Dichter gewähren, wenn wir eins seiner Lustspiele, zum Beispiel „Was ihr wollt,“ bis ins Innerste studirten, und neben dem Vergnügen, welches das Ganze gewährt, auf das vertrauteste mit jeder einzelnen Schönheit und ihrer Beziehung und Nothwendigkeit zum Ganzen bekannt würden, und so mit vereinigter Liebe eins seiner herrlichsten Gedichte auch äußerlich vor uns hinzustellen suchten.

Du hast ja diesen Einfall und Verstand für uns alle gehabt, versetzte Wilibald, auch kannst du zur Noth, wie Zettel, drei oder vier Rollen übernehmen. Schade nur, daß kein romantisch brüllender Löwe in diesem Lustspiel auftritt, um dein ganzes Talent zu entwickeln.

Die Eintheilung der Rollen, antwortete Lothar, habe ich schon ziemlich übersehn: den Malvolio würdest du selbst unvergleichlich darstellen, unser Manfred übernähme den Tobias und ich den Junker Christoph; den liebenswürdigen Narren Theodor, und Friedrich den Sebastian, Ernst den Antonio, Anton den Herzog; Auguste würde zierlich und witzig die Marie geben, Rosalia unvergleichlich die Viola und Clara höchst anmuthig die Olivia; alles übrige findet sich von selbst.

Wie kommt es nur, sagte Theodor, daß eine geistreiche Gesellschaft, ohne Rollen auswendig zu lernen, niemals auf den Gedanken verfällt, aus sich selbst unter gewissen angenommenen Bedingungen und Masken ein poetisches Lustspiel ohne vorgezeichnete Ver- und Entwickelung auszuführen? Der eine wäre der mürrische, mit sich und aller Welt unzufriedene Liebhaber, der andere der Eifersüchtige, jener der leichtsinnig Flatterhafte, dieser der Melankolische; die Damen theilten sich in witzige und zärtliche Charaktere, und alle suchten ihrer angenommenen Rolle treu zu bleiben, um Heiterkeit und Geselligkeit zu erregen und zu befördern. Warum streben wir in unsern Gesellschaften immer das eine ermüdende Bild eines negativen wohlgezogenen Menschen darzustellen, oder uns in hergebrachter Liebenswürdigkeit abzuquälen?

Die wahre gute Gesellschaft, sagte Ernst, thut schon unbewußt das, was du verlangst, und verwechselt auch mit Leichtigkeit die verschiedenen Rollen. Sonst erinnert deine Beschreibung an manche ehemaligen gelehrten Gesellschaften, und an die verschiedenen charakteristischen Beinamen ihrer Mitglieder.

Eine, wie die andre Darstellung, sagte Emilie, möchte für uns Frauen beschwerlich, wo nicht unmöglich sein, aber ich war schon gestern auf dem Wege, Ihnen einen andern Vorschlag zu thun. Ich weiß, daß Sie alle Dichter sind, und höre von Manfred, daß Sie glücklicherweise manche Ihrer Arbeiten mitgebracht haben; wie wäre es also, wenn Sie uns diese nach Lust und Laune mittheilten, und so manche Stunde angenehm ausfüllten, die uns die Musik, oder die Besuche und Spaziergänge übrig lassen?

O vortrefflich! rief Clara aus, und dann wollen wir Mädchen und Frauen nach der Lektüre die Rezensenten spielen, und uns über alles lustig machen, was wir nicht verstanden, oder was uns nicht gefallen hat.

Rosalie fügte ihre Bitten zu denen ihrer Mutter, auch Auguste vereinigte sich mit beiden, und als Lothar die Freunde stillschweigend ein Weilchen angesehn hatte, schlug sich auch Manfred zu der Parthei der Damen und rief: o ich bitte euch so inbrünstig, als man nur bitten kann, schlagt uns diesen bittenden Vorschlag nicht ab, denn schon längst habe ich Lust gehabt, einige meiner Thorheiten euch und diesen guten wißbegierigen Frauen mitzutheilen, und keine Gelegenheit dazu gefunden; o ihr Edlen, wenn ihr eine Ahndung davon habt, wie sehr dem Dichter sein Manuskript in der Tasche brennen kann, wenn ihn Niemand darum befragt, so laut man es auch rascheln hört, wenn ihr selbst jemals gerne vorgelesen habt, o so seid nicht so grausam, mir diesen Genuß zu rauben, und mein poetisch beladenes Herz auszuschütten. Aber vielleicht sind einige von Euch in derselben Verfassung.