Gewiß, sagte Ernst, manche der ältern Reisen nähern sich auch diesem Bilde, und es verhält sich ohne Zweifel damit eben so, wie mit der Kunst zu reisen selbst. Wie wenigen Menschen ist das Talent verliehn, Reisende zu sein! Sie verlassen niemals ihre Heimath, sie werden von allem Fremdartigen gedrückt und verlegen, oder bemerken es durchaus gar nicht. Wie glücklich, wem es vergönnt ist, in erster Jugend, wenn Herz und Sinn noch unbefangen sind, eine große Reise durch schöne Länder zu machen, dann tritt ihm alles so natürlich und wahr, so vertraut wie Geschwister, entgegen, er bemerkt und lernt, ohne es zu wissen, seine stille Begeisterung umfängt alles mit Liebe, und durchdringt mit freundlichem Ernst alle Wesen: einem solchen Sinn erhält die Heimath nachher den Reiz des Fremden, er versteht nun einheimisch zu sein, das Ferne und Nahe wird ihm eins, und in der Vergleichung mannigfaltiger Gegenstände wird ihm ein Sinn für Richtigkeit. So war es wohl gemeint, wenn man sonst junge Edelleute nach Vollendung ihrer Studien reisen ließ. Der Mensch versteht wahrhaft erst das Nahe und Einheimische, wenn ihm das Fremde nicht mehr fremd ist.
An diese Reisenden schließe ich mich noch am ersten, sagte Theodor, wenn du mir auch unaufhörlich vorwirfst, daß ich meine Reisen, wie das Leben selbst, zu leichtsinnig nehme. Freilich ist wohl in meiner Sucht nach der Fremde zu viel Widerwille gegen die gewohnte Umgebung, und sehr oft ist es mir mehr um den Wechsel der Gegenstände, als um irgend eine Belehrung zu thun.
Die zweite und vielleicht noch schönere Art zu reisen, fuhr Ernst fort, ist jene, wenn die Reise selbst sich in eine andächtige Wallfahrt verwandelt, wenn die jugendliche Neugier und die scharfe Lust an fremden Gegenständen schon gebrochen sind, wenn ein reifes Gemüth mit Kenntniß und Liebe gleich sehr erfüllt, an die Ruinen und Grabmäler der Vorzeit tritt, die Natur und Kunst wie die Erfüllung eines oft geträumten Traums begrüßt, auf jedem Schritte alte Freunde findet, und Vorwelt und Gegenwart in ein großes, rührend erhabenes Gemälde zerfließen.
Diese elegischen Stimmungen würden mich nur ängstigen, unterbrach ihn Theodor. Ihr andern, ihr ernsthaften Leute, verbindet so widerwärtige Begriffe mit dem Zerstreutsein, da es doch in einfachen Menschen oft nur das wahre Beisammensein mit der Natur ist, wie mit einem frohen Spielkameraden; eure Sammlung, euer tiefes Eindringen sehr häufig eine unermeßliche Ferne. Auf welche Weise aber, mein Freund, würdest du deine Ansicht über dergleichen Gegenstände mittheilen, im Fall du einmal deinen Widerwillen künftig etwas mehr bezwingen solltest.
Schon früh, sagte Ernst, bevor ich noch die Welt und mich kennen gelernt hatte, war ich mit meiner Erziehung, so wie mit allem Unterricht, den ich erfuhr, herzlich unzufrieden. War es doch nicht anders, als verschwiege man geflissentlich das, was wissenswürdig sei, oder erwähnte es zuweilen nur, um mit hochmüthigem Verhöhnen das zu erniedrigen, was selbst in dieser Entstellung mein junges Herz bewegte. Dafür aber suchte ich nachher auch, gleichsam wie der Zeit zum Trotz und ihrer falschen Bildung, alles als ein Befreundetes und Verwandtes auf, was mir meine Bücher und Lehrer nur zu oft als das Abgeschmackte, Dunkle und Widerwärtige bezeichnet hatten; ich berauschte mich auf meinem ersten Ausfluge in allen Erinnerungen des Alterthums, begeisterte mich an den Denkmalen einer längst verloschenen Liebe, ja that wohl manchem Guten und Nützlichen mit erwiedertem Verfolgungsgeist unrecht, und stand bald unter meiner Umgebung selbst wie eine unverständliche Alterthümlichkeit, indem ich ihr Nichtbegreifen nicht begriff, und verzweifeln wollte, daß allen andern der Sinn und die Liebe so gänzlich fehlten, die mich bis zum Schmerzhaften erregten und rührten.
Freilich, fiel Theodor lachend ein, erschienst du damals mit deiner Bekehrungssucht als ein höchst wunderlicher Kauz, und ich erinnere mich noch mit Freuden des Tages, als wir uns vor vielen Jahren zuerst in Nürnberg trafen, und wie einer deiner ehemaligen Lehrer, der dich dort wieder aufgesucht hatte, und für alles Nützliche, Neue, Fabrikartige fast fantastisch begeistert war, dich aus den dunkeln Mauern nach Fürth führte, wo er in den Spiegelschleifereien, Knopf-Manufakturen und allen klappernden und rumorenden Gewerben wahrhaft schwelgte, und deine Gleichgültigkeit ebenfalls nicht verstand und dich fast für schlechten Herzens erklärt hätte, da er dich nicht stumpfsinnig nennen wollte: endlich, bei den Goldschlägern, lebtest du zu seiner Freude wieder auf, es geschah aber nur, weil du hier die Gelegenheit hattest, dir die Pergamentblätter zeigen zu lassen, die zur Arbeit gebraucht werden; du bedauertest zu seinem Verdruß sogar die zerschnittenen Meßbücher, und wühltest herum, um vielleicht ein Stück eines altdeutschen Gedichtes zu entdecken, wofür der aufgeklärte Lehrer kein Blättchen Goldschaum aufgeopfert hätte.
Es ist gut, sagte Ernst, daß die Menschen verschieden denken und sich auf mannigfaltige Weise interessiren, doch war die ganze Welt damals zu einseitig auf ein Interesse hingespannt, das seitdem auch schon mehr und mehr als Irrthum erkannt ist. Dieses Nord-Amerika von Fürth konnte mir freilich wohl neben dem altbürgerlichen, germanischen, kunstvollen Nürnberg nicht gefallen, und wie sehnsüchtig eilte ich nach der geliebten Stadt zurück, in der der theure Dürer gearbeitet hatte, wo die Kirchen, das herrliche Rathhaus, so manche Sammlungen, Spuren seiner Thätigkeit, und der Johannis-Kirchhof seinen Leichnam selber bewahrte; wie gern schweifte ich durch die krummen Gassen, über die Brücken und Plätze, wo künstliche Brunnen, Gebilde aller Art, mich an eine schöne Periode Deutschlands erinnerten, ja! damals noch die Häuser von außen mit Gemälden von Riesen und altdeutschen Helden geschmückt waren.
Doch, sagte Theodor, wird das jezt alles dort, so wie in andern Städten, von Geschmackvollen angestrichen, um, wie der Dichter sagt: „zu malen auf das Weiß, ihr Antlitz oder ihren Steiß.“ — Allein Fürth war auch bei alle dem mit seinen geputzten Damen, die gedrängt am Jahrmarktsfest durch die Gassen wandelten, nebst dem guten Wirthshause, und der Aussicht aus den Straßen in das Grün an jenem warmen sonnigen Tage nicht so durchaus zu verachten. Behüte uns überhaupt nur der Himmel, (wie es schon hie und da angeklungen hat) daß dieselbe Liebe und Begeisterung, die ich zwar in dir als etwas Aechtes anerkenne, nicht die Thorheit einer jüngeren Zeit werde, die dich dann mit leeren Uebertreibungen weit überflügeln möchte.
Wenn nur das wahrhaft Gute und Große mehr erkannt und ins Bewußtsein gebracht wird, sagte Ernst, wenn wir nur mehr sammeln und lernen, jene Vorurtheile der neuern Hoffarth ganz ablegen, und die Vorzeit und also das Vaterland wahrhafter und inniger lieben, so kann der Nachtheil einer sich bald erschöpfenden Thorheit so groß nicht werden. — In jenen jugendlichen Tagen, als ich zuerst deine Freundschaft gewann, gerieth ich oft in die wunderlichste Stimmung, wenn ich die Beschreibungen unsers Vaterlandes, die gekannt und gerühmt waren, und welche auf allgemein angenommenen Grundsätzen ruhten, mit dem Deutschland verglich, wie ich es mit meinen Augen und Empfindungen sah; je mehr ich überlegte, nachsann und zu lernen suchte, je mehr wurde ich überzeugt, es sei von zwei ganz verschiedenen Ländern die Frage, ja unser Vaterland sei überall so unbekannt, wie ein tief in Asien oder Afrika zu entdeckendes Reich, von welchem unsichre Sagen umgingen, und das die Neugier unsrer wißbegierigen Landsleute eben so, wie jene mythischen Gegenden reizen müsse; und so nahm ich mir damals, in jener Frühlingsstimmung meiner Seele, vor, der Entdecker dieser ungekannten Zonen zu werden. Auf diese Weise bildete sich in jenen Stunden in mir das Ideal einer Reisebeschreibung durch Deutschland, das mich auch seitdem noch oft überschlichen und mich gereizt hat, einige Blätter wirklich nieder zu schreiben. Doch jezt könnt’ ich leider Elegien dichten, daß es nun auch zu jenen Elegien zu spät ist.
Einige Töne dieser Elegie, sagte Theodor, klingen doch wohl in den Worten des Klosterbruders.