Am frühsten, sagte Ernst, in den wenigen Zeilen unsers Dichters über den Münster in Straßburg, die ich niemals ohne Bewegung habe lesen können, dann in den Blättern von deutscher Art und Kunst; in neueren Tagen hat unser Freund, Friedrich Schlegel, mit Liebe an das deutsche Alterthum erinnert, und mit tiefem Sinn und Kenntniß manchen Irrthum entfernt, auch hat sich die Stimmung unsrer Zeit auffallend zum Bessern verändert, wir achten die deutsche Vorzeit und ihre Denkmäler, wir schämen uns nicht mehr, wie ehemals, Deutsche zu sein, und glauben nicht unbedingt mehr an die Vorzüge fremder Nationen. Das ökonomische Treiben, die Verehrung kleinlicher List, die Vergötterung der neusten Zeit ist fast erstorben, eine höhere Sehnsucht hat unsern Blick in die Vergangenheit geschärft, und neueres Unglück für die vergangenen großen Jahrhunderte den edlern Sinn in uns aufgeschlossen. In jenen früheren Tagen aber hatten wir noch mehr Ueberreste der alten Zeit selbst vor uns, man fand noch Klöster, geistliche Fürstenthümer, freie Reichsstädte, viele alte Gebäude waren noch nicht abgetragen oder zerstört, altdeutsche Kunstwerke noch nicht verschleppt, manche Sitte noch aus dem Mittelalter herüber gebracht, die Volksfeste hatten noch mehr Charakter und Fröhlichkeit, und man brauchte nur wenige Meilen zu reisen, um andre Gewohnheiten, Gebäude und Verfassungen anzutreffen. Alle diese Mannigfaltigkeit zu sehn, zu fühlen und in ein Gemälde darzustellen, war damals mein Vorsatz. Was unsre Nation an eigenthümlicher Malerei, Sculptur und Architektur besitzt, welche Sitten und Verfassungen jeder Provinz und Stadt eigen, und wie sie entstanden, zu erforschen, um den Mißverständnissen der neueren kleinlichen Geschichtschreiber zu begegnen; welche Natur jeden Menschenstamm umgiebt, ihn bildet und von ihm gebildet wird: alles dieses sollte wie in einem Kunstwerke gelöst und ausgeführt werden. Den edlen Stamm der Oesterreicher wollte ich gegen den Unglimpf jener Tage vertheidigen, die in ihrem fruchtbaren Lande und hinter reizenden Bergen den alten Frohsinn bewahren; die kriegerischen und fromm gläubigen Baiern loben, die freundlichen, sinnvollen, erfindungsreichen Schwaben im Garten ihres Landes schildern, von denen schon ein alter Dichter singt:
Ich hab der Schwaben Würdigkeit
In fremden Landen wohl erfahren;
die berührigen, muntern Franken, in ihrer romantischen, vielfach wechselnden Umgebung, denen damals ihr Bamberg ein deutsches Rom war; die geistvollen Völker den herrlichen Rhein hinunter, die biederben Hessen, die schönen Thüringer, deren Waldgebirge noch die Gestalt und den Blick der alten Ritter aufbewahren; die Niederdeutschen, die dem treuherzigen Holländer und starken Engländer ähnlich sind: bei jeder merkwürdigen Stelle unsrer vaterländischen Erde wollte ich an die alte Geschichte erinnern, und so dachte ich die lieben Thäler und Gebirge zu durchwandeln, unser edles Land, einst so blühend und groß, vom Rhein und der Donau und alten Sagen durchrauscht, von hohen Bergen und alten Schlössern und deutschem tapfern Sinn beschirmt, gekränzt mit den einzig grünen Wiesen, auf denen so liebe Traulichkeit und einfacher Sinn wohnt. Gewiß, wem es gelänge, auf solche Weise ein geliebtes Vaterland zu schildern, aus den unmittelbarsten Gefühlen, der würde ohne alle Affektation zugleich ein hinreißendes Dichterwerk ersonnen haben.
Oft, fiel Theodor ein, habe ich mich darüber wundern müssen, daß wir nicht mit mehr Ehrfurcht die Fußstapfen unsrer Vorfahren aufsuchen, da wir vor allem Griechischen und Römischen, ja vor allem Fremden oft mit so heiligen Gefühlen stehn und uns durch edle Erinnerungen entzückt fühlen; so wie auch darüber, daß unsre Dichter noch so wenig gethan haben, diesen Geist zu erwecken.
Manche, sagte Ernst, haben es eine Zeitlang versucht, aber schwach, viele verkehrt, und ein hoher Sinn, der Deutschland so liebte und einheimisch war, wie der große Shakspear seinem Vaterlande, hat uns bisher noch gefehlt.
Wir vergessen aber, rief Theodor, die herrliche Gegend zu genießen, auf die Vögel aus dem Dickicht des Waldes und auf das Gemurmel dieser lieblichen Bäche zu horchen.
Alles tönt auch unbewußt in unsre Seele hinein, sagte Ernst; auch wollten wir ja noch die schöne Ruine besteigen, die dort schon vor uns liegt, und auch mit jedem Jahre mehr verfällt: hier arbeitet die Zeit, anderswo die Nachlässigkeit der Menschen, an vielen Orten der verachtende Leichtsinn, der ganze Gebäude niederreißt, oder sie verkauft, um alles Denkmal immer mehr dem Staube und der Vergessenheit zu überliefern. Indessen, wenn der Sinn dafür nur um so mehr erwacht, um so mehr in der Wirklichkeit zu Grunde geht, so haben wir doch mehr gewonnen als verloren.
Ist diese Gegend nicht, durch welche wir wandeln, fing Theodor an, einem schönen romantischen Gedichte zu vergleichen? Erst wand sich der Weg labirinthisch auf und ab durch den dichten Buchenwald, der nur augenblickliche räthselhafte Aussicht in die Landschaft erlaubte: so ist die erste Einleitung des Gedichtes; dann geriethen wir an den blauen Fluß, der uns plötzlich überraschte und uns den Blick in das unvermuthete frisch grüne Thal gönnte: so ist die plötzliche Gegenwart einer innigen Liebe; dann die hohen Felsengruppen, die sich edel und majestätisch erhuben und höher bis zum Himmel wuchsen, je weiter wir gingen: so treten in die alten Erzählungen erhabene Begebenheiten hinein, und lenken unsern Sinn von den Blumen ab; dann hatten wir den großen Blick auf ein weit ausgebreitetes Thal, mit schwebenden Dörfern und Thürmen auf schön geformten Bergen in der Ferne, wir sahen Wälder, weidende Heerden, Hütten der Bergleute, aus denen wir das Getöse herüber vernahmen: so öffnet sich ein großes Dichterwerk in die Mannichfaltigkeit der Welt und entfaltet den Reichthum der Charaktere; nun traten wir in den Hain von verschiedenem duftenden Gehölz, in welchem die Nachtigall so lieblich klagte, die Sonne sich verbarg, ein Bach so leise schluchzend aus den Bergen quoll, und murmelnd jenen blauen Strom suchte, den wir plötzlich, um die Felsenecke biegend, in aller Herrlichkeit wieder fanden: so schmilzt Sehnsucht und Schmerz, und sucht die verwandte Brust des tröstenden Freundes, um sich ganz, ganz in dessen lieblich erquickende Fülle zu ergießen, und sich in triumphirende Woge zu verwandeln. Wie wird sich diese reizende Landschaft nun ferner noch entwickeln? Schon oft habe ich Lust gefühlt, einer romantischen Musik ein Gedicht unterzulegen, oder gewünscht, ein genialer Tonkünstler möchte mir voraus arbeiten, um nachher den Text seiner Musik zu suchen; aber warlich, ich fühle jezt, daß sich aus solchem Wechsel einer anmuthigen Landschaft ebenfalls ein reizendes erzählendes Gedicht entwickeln ließe.
Zu wiederholten malen, erwiederte Ernst, hat mich unser Freund Manfred mit dergleichen Vorstellungen unterhalten, und indem du sprachst, dachte ich an den unvergleichlichen Parceval und seine Krone, den Titurell. Jeder Spaziergang, der uns befriedigt, hat in unsrer Seele ein Gedicht abgelöset, und wiederholt und vollendet es, wenn er uns immer wieder mit unsichtbarem Zauber umgiebt.