Ihr wißt also nicht, fuhr Anton fort, daß er schon seit mehr als zwei Jahren verheirathet ist und hier wohnt?

Manfred verheirathet? rief Theodor aus; er, der so viel gegen alle Ehe deklamirt, so über alle gepriesene Häuslichkeit gespottet hat, der es zu seiner Aufgabe zu machen schien, das Phantastische mit dem wirklichen Leben aufs innigste zu verbinden, der vor nichts solchen Abscheu äußerte, als vor jener gesetzten, kaltblütig moralischen Philisterei? Wie ist es möglich? Ei! der mag sich denn nun auch schön verändert haben! Gewiß hat ihn „das Dreherchen der Zeit“ so umgedreht, daß er nicht wieder zu erkennen ist.

Vielleicht, sagte Ernst, konnte es ihm gerade am ersten gelingen, die Jugend beizubehalten, in welcher er sich scheinbar so wild bewegte, denn sein Charakter neigte immer zum Ernst, und eben darum war sein Widerwille gegen den geheuchelten, läppischen Ernst unserer Tage oft so grotesk und bizarr: bei manchen Menschen dient eine wunderliche Außenseite nur zum nothwendigen Gegengewicht eines gehaltvollen, oft fast melankolischen Innern, und zu diesen scheint mir unser Freund zu gehören.

Ich habe ihn schon im vorigen Jahre gesehn, sagte Anton, und ihn gar nicht verändert gefunden, er ist eher jünger geworden; seine Haushaltung mit seiner Frau und ihrer jüngern Schwester Clara, mit seiner eignen Schwester und Schwiegermutter ist die liebenswürdigste, die ich noch gesehn habe, so wie sein Landgut die schönste Lage im ganzen Gebirge hat: ihr thätet klug, mich dahin zu begleiten, was sich auch sehr gut mit deinen gelehrten antiquarischen Untersuchungen vereinigen läßt.

Er muß! rief Theodor, oder ich laß ihn im Stich der gothischen, oder, wie er will, altdeutschen Spitzgewölbe.

Darüber läßt sich noch sprechen, sagte Ernst halb zweifelnd; da ihm aber Anton noch erzählte, daß sie im nächsten Städtchen die beiden längst gesuchten Freunde Lothar und Friedrich finden würden, die ihn erwarteten, um mit ihm zum gemeinschaftlichen Freunde Manfred zu reisen, und sich einige Wochen bei diesem aufzuhalten, so ließ sich Ernst bewegen, seine Antiquitäten auch noch so lange beiseit zu thun, um nach vielen Jahren einmal wieder im Kreise seiner Geliebten eine neue Jugend zu leben, und die alten theuern Erinnerungen seinem Herzen zu erwecken.

Die Freunde wanderten weiter, und nach geraumer Zeit fragte Theodor: wie hast du nur so lange krank sein können?

Verwundre dich doch lieber, antwortete der Kranke, wie ich so bald habe genesen können, denn noch ist es mir selber unbegreiflich, daß meine Kräfte sich so schnell wieder hergestellt haben.

Wie wird sich der gute Friedrich freuen, sagte Theodor, dich einmal wieder zu sehn; denn immer warst du ihm unter seinen Freunden der liebste.

Sagt vielmehr, antwortete der Genesene, daß wir uns in manchen Punkten unsers Wesens am innigsten berührten und am besten verstanden; denn, meine Geliebten, man lebt, wenn man das Glück hat, mehre Freunde zu besitzen, mit jedem Freunde ein eignes, abgesondertes Leben; es bilden sich mannichfache Kreise von Zärtlichkeit und Freundschaft, die wohl die Gefühle der Liebe zu andern in sich aufnehmen und harmonisch mit ihnen fortschwingen, dann aber wieder in die alte eigenthümliche Bahn zurück kehren. Und eben so wie mir der Vertrauteste in vielen Gesinnungen fremd bleibt, so hebt eben derselbe auch vieles Dunkle in meiner eignen Natur bloß durch seine Gegenwart hervor, und macht es licht, sein Gespräch, wenn es diese Punkte trifft, erweckt es zum klarsten innigsten Leben, und eben so wirkt meine Gegenwart auf ihn zurück. Vielleicht war manches in Friedrich und mir, was ihr übrigen mißverstandet, was sich in uns ergänzte und durch unsre Freundschaft zum Bewußtsein gedieh, so daß wir uns mancher Dinge wohl sogar erfreuten, die andre uns lieber hätten abgewöhnen mögen.