Der Bote verfügte sich nun in die Stadt, und ging an den Hof zu König Carl, wo er seinen Auftrag ausrichtete. Er ließ sich aber vorher den König Carl selber zum Bürgen setzen, daß er frei zurückkönne, und es war gut, daß er es gethan hatte, denn König Carl wurde ungemein ergrimmt über Reinold und seinen Abgesandten, so daß er ihn gewiß würde habe hängen lassen, wenn er ihm nicht so sichere Bürgschaft zugesagt hätte.
Reinold wartete im Walde auf seinen Boten, er war vom Pferde gestiegen und ging unter den Bäumen auf und ab, sein Pferd hatte er an einen Stamm gebunden. Indem er so wartete und über das Schicksal seiner Brüder nachdachte, überfiel ihn eine Schläfrigkeit. Er legte sich nieder, und ehe er es noch bemerkte, war er unter dem Rauschen der alten Bäume fest eingeschlafen. Indem bekam Bayart ein Gelüste nach dem frischen Grase, weil er hungrig war, er schüttelte sich also so lange, bis er vom Baume los war, dann ging er nach seiner Lust auf der Weide, weil er seinen Herrn schlafen sah. Dreißig Bauerknechte waren von ohngefähr im Walde, wo sie Holz fällten, diese wurden das Roß Bayart gewahr und erkannten es sogleich, daß es Reinolds Pferd sei. Sie machten den Plan, das Roß zu fangen, und umgaben es mit Bäumen und Zweigen von allen Seiten, so daß es nicht davon kommen konnte. Dann banden sie es und führten es nach Paris. Carl war erfreut, daß er das Roß erobert hatte, er schenkte es sogleich dem Grafen Roland, der sich im Herzen heimlich darüber betrübte, daß man es seinem Vetter Reinold entwendet hatte.
Reinold erwachte und sah, daß sein treues Roß fort war, er suchte es lange im Walde und war überaus bekümmert. Als er es aber nicht wiederfand, ward sein Jammer groß, er zog den Harnisch aus und warf ihn in’s Gebüsch, eben so sein Schwert und seinen Schild. Wohl bin ich nun wie ein Thor bestraft, rief er aus, ich Unglückseliger! der ich dem Könige Carl so große Worte sagen lasse, und nun nichts davon in’s Werk richten kann. Was für Macht soll ich nun daran strecken, um sie zu befreien? Bayart ist mir gestohlen, und ich möchte hier im wilden Walde lieber gleich umkommen, denn meine Brüder sind verloren, und ich kann gar nichts thun um sie zu erretten.
Solche Klagen trieb Reinold und warf sich dann auf den Boden und machte die wunderlichen Geberden eines Menschen, der in Verzweiflung ist.
Zehntes Bild.
Die Kunst des Malegys.
Indem trat ein alter Pilgrimm aus dem Gebüsche und ging auf Reinold zu. Er hatte weiße Haare und einen langen Bart, seine Augenbraunen hingen ihm über das Gesicht, so daß er durch die Haare sehen mußte, und man von ihm glauben konnte, daß er wohl an zwei hundert Jahr alt sei. Er ging an einem Pilgrimmsstabe und hinkte langsam daran einher. Reinold verwunderte sich über die alte Gestalt, die auf ihn zukam.
Der Alte sagte: ei, junger Herr, worüber trauert Ihr denn so sehr? Ich bin weit und breit die Länder durchzogen, aber nirgends, das mag ich sagen, habe ich eine Person angetroffen, die so traurig gewesen wäre, als Ihr es zu sein scheint. — Ich habe auch die größte Ursache zur Traurigkeit, antwortete Reinold, denn meine Brüder sind verloren, und ich kann ihnen nunmehro auch nicht helfen, weil man mir mein Roß Bayart gestohlen hat. Ich hatte mir große Thaten vorgesetzt, und wollte sie befreien, aber Gott hat es anders gelenkt, darum will ich auch nicht länger widerstreben, sondern mich für überwunden erkennen und mein ganzes Leben aufgeben, denn ich fühle eine große Lust in mir zu sterben. — Das muß nie sein, antwortete der alte Pilgrimm, richtet Euch wieder auf, die Hülfe ist oft am nächsten, wenn man sie am wenigsten vermuthet, und verehret mir ein Almosen, damit ich für Euch und Eure Brüder beten könne.
Reinold bedachte sich, weil er kein Geld bei sich hatte, da fielen ihm seine goldenen Sporen ein, die ihm jetzt gar nichts mehr nütze sein konnten, da er Bayart verloren hatte. Er band sie also los und gab sie dem Pilgrimm, der sie sogleich in einen Sack steckte. Wenn Ihr mir noch etwas zu geben habt, sagte der alte Pilgrimm, so gebt es mir, und ich will in meinem Gebete Eurer dafür gedenken. — Wenn ich mich nicht schämte, fuhr Reinold auf, so wollte ich Dich das Bettlerhandwerk lehren, daß Du daran gedenken solltest. Er meinte nemlich, ihm mit dem Schwerte eins zu versetzen, wenn der Pilgrimm nicht zu alt und hinfällig gewesen wäre.
Warum werdet Ihr böse? fuhr der Alte fort, der guten Gaben kann man niemalen zu viele sammeln, und im Alter kommen sie einem gut zu statten; darum, wenn Ihr noch etwas zu geben habt, so gönnt es mir lieber, als einem andern.
Reinold zog hierauf sein kostbares Unterkleid aus, und sagte: siehe, ich gebe Dir das, davon magst Du eine lange Zeit leben. Der Pilgrimm nahm das Kleid und steckte es in den Sack und sagte: Ich danke Euch, Herr Ritter, wenn Ihr noch etwas zu geben habt, so gebt es mir, ich will Eurer Brüder dafür in meinem Gebete gedenken. Da ward Reinold zornig, und zog sein Schwert und hieb nach dem Pilgrimm; der aber sprang zurück und verwandelte sich in einen schönen Jüngling von zwanzig Jahren, aber gleich darauf war er wieder der Alte. Reinold erstaunte, und holte noch einmal mit dem Schwerte aus, der Pilgrimm sprang aber wieder zurück und stand als ein schöner Jüngling da. Darauf wurde Reinold verwirrt und sagte: Jetzt ist mein Unglück auf das Höchste gestiegen, meine Brüder sind todt, dazu ist mein Roß Bayart gestohlen, mich selber wird man aufhängen, und der Teufel kömmt nun gar noch und fängt an mich zu vexiren: das kann und soll nicht so sein! Er stürzte mit Wuth auf den Jüngling zu, um ihn niederzuhauen, der aber fürchtete sich und rief: Seht Euch vor, was Ihr thut, denn ich bin Euer Vetter Malegys!