Kaum hatte Reinold diese Worte vernommen, so fiel er auf seine Kniee nieder und bat um Verzeihung und Beistand. Malegys nahm ihn nun in die Arme, tröstete ihn mit kräftigen Worten und versprach ihm, ihm sein Roß Bayart wieder zu verschaffen. Reinold wurde wieder froh und so machten sich beide Ritter auf den Weg nach Paris.

Malegys verwandelte den Reinold in einen ganz alten und schwachen Pilger, und so machte er sich auch selber wieder zu einem alten Mann. So kamen sie in die Stadt und setzten sich auf die große Brücke nieder, und die Vorbeigehenden gaben ihnen Allmosen, denn sie sahen gar zu erbärmlich aus, besonders Reinold, der für einen Todtkranken in einer Ecke der Brücke lag. Es war grade an demselben Tage, an welchem Roland sein geschenktes Pferd probiren wollte und es lief viel Volks zusammen, und viele Ritter und Damen, um den Kurzweil mit anzusehn. Reinold hatte sich seine Sporen wieder anlegen müssen, ohne daß man sie sehn konnte, um desto besser gerüstet zu sein.

Es kam nun König Carl über die Brücke mit dem Grafen Roland, und Bayart ward hintennach geführt. Der König sah die Pilgrimme, gab dem Malegys ein Allmosen und ließ sich mit ihm in eine Unterredung ein. Malegys erzählte viel von den Ländern, durch die er gereiset war, eben so auch von der seltsamen Krankheit seines Gefährten; indem so kam Bayart näher, weil er seinen Herrn witterte, und schnupperte den Reinold freundlich an. Da Malegys das sah, schlug er das Roß mit seinem Stabe zurück, gleichsam als wenn sich sein Gefährte davor fürchtete. Darauf sagte er zum Könige, daß ihm ein weiser Einsiedler gesagt hätte, sein Geselle würde sogleich gesund werden, wenn er nur einmal so glücklich sein könnte, auf dem Rosse Bayart zu reiten. Der König antwortete: welch ein glücklicher Zufall, denn das ist eben das Roß Bayart, welches wir mit uns führen, und seht, das unverständige Thier schnuppert immer nach Eurem Gesellen hin, das muß fürwahr ein wunderbarer Mann sein.

Darauf befahl er, daß Graf Roland den kranken Pilgrimm nehmen und auf das Pferd setzen möchte; es geschah, aber der Pilgrimm fiel sogleich wieder ab. Roland setzte ihn zum zweitenmal hinauf, und der Pilgrimm fiel von der andern Seite wieder ab, endlich als Reinold zum drittenmale in den Sattel gesetzt ward, blieb er aufrecht sitzen und das Roß spürte nun seinen Herrn wieder und bäumte sich, und wollte von dannen laufen. Da gab ihm Reinold noch die Sporen und ließ ihm den Zügel schießen, und das Roß sprang gar behende davon und kam den Rittern bald aus den Augen. Malegys erhob über seinen Gefährten ein großes Klagegeschrei, der gewiß den Hals brechen würde, und Turpin der Bischof, Roland, Olivier und Ogier ritten dem entflohenen Pferde nach.

Im Walde hielt Reinold still, weil er diese Herren nachkommen sah, und gab sich ihnen zu erkennen, denn er wußte, daß sie es alle gut mit ihm meinten. Sie versprachen ihm auch, bei dem Könige für seine Brüder zu bitten, und ritten so zur Stadt zurück. Zum Könige sagten sie, sie hätten das Roß nicht ereilen können, worüber Malegys ein noch lauteres Klagegeschrei erhob; der König bedauerte ihn und gab ihm eine Verehrung. Dann entfernte sich der listige Zauberer, als wenn er zum Besten seines verlornen Gefährten eine heilige Wallfahrt vornehmen wollte.

Eilftes Bild.
Malegys errettet die Brüder aus dem Gefängnisse.

König Carl ließ nunmehr seinen Rath versammeln, um über die drei gefangenen Brüder ein Urtheil zu sprechen. Er ließ sie in den Saal bringen und ihnen wie Missethätern die Hände auf den Rücken binden. Darwider setzte sich Bischof Turpin und behauptete, daß sich das nicht gezieme, weil diese Herren von fürstlichem Geblüte seien. Carl aber that einen Schwur, daß er sie wollte henken lassen, weil sie seinen Sohn Carlmann umgebracht hätten. Turpin versetzte dagegen, daß er es nimmermehr zugeben würde, und daß gewiß der größte Theil der Ritterschaft seiner Meinung wäre, weil die meisten mit den Gefangenen verwandt wären. Darüber wurde König Carl zornig und schlug nach Bischof Turpin, der Bischof aber ergriff den König beim Halse und hätte ihn beinahe erwürgt, wenn nicht Roland und andre Genossen hinzugesprungen wären und die Einigkeit wieder hergestellt hätten. Es wurde endlich beschlossen, daß die Gefangenen noch auf einige Zeit verwahrt gehalten werden sollten, worauf man sich denn nachher noch einmal bedenken wollte.

So entgingen die Brüder noch dem Tode, denn dieser Tag war für sie ein gefährlicher Tag gewesen, und sie hatten ihr Leben schon für verloren geachtet.

In der Nacht machte sich Malegys auf und ging nach dem Gefängnisse. Vor seiner Kunst sprangen sogleich alle Thüren auf, auch fielen den Gefangenen die Ketten von den Händen. Er gab sich ihnen zu erkennen und führte sie bis an die Brücke vor Paris, dann sagte er: ich muß nun noch zum König Carl gehn, denn ich habe vergessen ihn um Erlaubniß zu fragen. Ritsart antwortete: Ach, Vetter, diese Erlaubniß wird er Euch nimmermehr geben, denn er hat seine Freude daran, daß er uns will henken lassen.

Aber Malegys ging vor das Bett des Königs Carl, der noch im tiefsten Schlafe lag, und fragte ihn, ob er ihm erlauben wolle die Brüder aus dem Gefängnisse zu führen. Carl antwortete: Führe sie, wohin Du Lust hast, denn mich kümmert es nicht; es wußte nämlich der König nicht, was er redete oder sagte. Somit nahm Malegys zugleich auch das Schwert und die Krone Carls, so daß dieser es sah, dann verließ er ihn und eilte mit den erretteten Brüdern nach Montalban.