Das Volk war indessen mit seinen Anführern angerückt, und es entstand ein blutiges Treffen; alle vier Brüder gebrauchten sich so tapfer, wie es nur je die größten Helden haben thun können, vorzüglich aber Reinold, der mehr Thaten that, als sonst ein Mensch zu thun im Stande ist. So dauerte das Gemetzel bis in die Nacht; da zogen die Brüder die Harnische der Erschlagenen an und stiegen auf die Pferde.

Am Morgen erneuerte sich der Kampf, und Writsart wurde im Gedränge gefangen genommen, denn das Pferd war ihm unter dem Leibe zu Tode gekommen. Eine Schaar führte den Gefangenen weg um ihn König Carln zu überliefern; Adelhart wurde es zuerst inne, daß ein Bruder fehle und sagte es dem Reinold; dieser wurde wüthend und drang darauf, daß man Writsart wieder frei machen müsse; aber Adelhart sagte: Lieber Bruder, es ist uns für dieses mal unmöglich, wenn wir ihnen nachsetzen, wird uns die Menge umzingeln und überwältigen; immer noch besser, daß der eine verloren geht, als wir alle. Aber Reinold wurde zornig und sagte: Sollen wir es dulden, daß ein Bruder von uns gehenkt werde? daß man nachher sage: sehet, das sind die Brüder, die so lange gegen König Carl gestritten haben, und es doch am Ende haben leiden müssen, daß man einen von ihnen gehenkt hat? Nein, lieber will ich mein Leben daran setzen, denn fürwahr, das wäre uns eine sehr schlechte Ehre.

Er ritt also durch das Gedränge und traf auf die Schaar, die seinen Bruder Writsart wegführte; der eine von ihnen sah sich um und sagte: seht, da kömmt Reinold und geberdet sich nicht wie ein Mensch, sondern wie ein wahrer Teufel, lasset uns alle davon fliehen! Reinold kam herangesprengt und hieb die ersten nieder, die übrigen flohen, und so war Writsart wieder frei; worauf Reinold sagte: Bruder, ich habe Euch diesmal wieder frei gemacht, aber ich sage es Euch, es geschieht nicht wieder; warum lasset Ihr Euch so gar leichtlich fangen? Writsart sagte: Bruder Reinold, es war nicht meine Schuld, mein Pferd war todt, dazu so hatten sie mir im Handgemenge mein Schwert zerschlagen. Nun, es soll Euch für diesmal vergeben sein, sagte Reinold; und so ritten sie wieder in den Kampf hinein.

Die Schlacht dauerte fort, aber es kam zu den Feinden eine Verstärkung. Ritsart war schwer verwundet, und so mußte endlich Reinold mit seinen Brüdern die Flucht ergreifen.

Vierzehntes Bild.
Die Belagerung auf dem Berge.

Reinold nahm den verwundeten Ritsart hinter sich aufs Pferd und er und die andern Brüder flohen auf einen nah gelegenen Berg. Derselbe Berg war sehr hoch und steil und ganz aus Marmorstein, und so beschaffen, daß nur immer ein Mann heraufgehn konnte. Von oben warf Reinold nun mit gewaltigen Steinen herunter, so daß Roß und Mann starb und Niemand sich dem Berge zu nähern getraute. Graf Calon, der das Heer anführte, sprach mit Ogier, der gerne seinen bedrängten Verwandten beigestanden hätte, wenn ers gewagt hätte, ohne für einen Verräther angesehn zu werden. Er ging dem Berge näher, um mit Reinold Unterhandlungen zu pflegen und ihn zu fragen, ob er sich ergeben wolle, oder noch länger zu fechten gedächte; er rief daher hinauf, daß Reinold mit Steinwürfen inne halten solle, er habe etwas mit ihm zu reden. Als er oben kam, sah er, daß die andern drei Brüder auf ihren Knieen lagen, und Gott um Hülfe anflehten, und daß Reinold nur noch allein wacker sei. Er rieth ihnen hierauf, den Berg nicht zu verlassen und ging wieder fort, indem er sie in den Schutz Gottes befahl.

Reinold hatte auf Montalban einen Jüngling zurückgelassen, der die Wissenschaft verstand, in den Sternen des Firmaments bei der Nacht zu lesen; dieser stand oben auf der Burg und sah aus dem Laufe der Gestirne, daß Reinold sich mit seinen Brüdern in der größten Gefahr befinde, und daß er auf einem Berge belagert sei, imgleichen, daß König Ivo ihn um eine große Summe Goldes an Carl verrathen habe. Er lief sogleich zu Malegys, um es ihm anzusagen; dieser stand lustig in der Küchen und ordnete ein Abendessen an, weil er glaubte, daß die Brüder noch in dieser Nacht wiederkehren würden. Da Malegys das Unglück hörte, wollte er sich selber erstechen, so sehr war er in Verzweiflung; aber der Jüngling sagte: Malegys, was sollte Euch das helfen, wenn Ihr Euch umbrächtet? Suchet lieber Eure Vettern zu erretten, und nehmt derohalben Kriegesknechte mit Euch und setzt Euch auch auf das gewaltige Roß Bayart. Malegys fand den Rath gut, er foderte die Knechte auf und ging in den Stall, um auf Bayart zu steigen. Aber Bayart schlug und biß um sich, wollte Niemand aufsteigen lassen, denn allein Reinold; Malegys aber erwischte einen Prügel, in der Meinung, das Roß mit Gewalt zu bezwingen, aber Bayart setzte sich auf die Hinterbeine und hätte den Malegys fast zerrissen, wenn er nicht schnell zurückgesprungen wäre. Da wurde Malegys betrübt und sagte: O du schändliches Roß! willst du nun in der Noth deinen Herrn Reinold verlassen, der sich in Lebensgefahr befindet? Kaum hörte Bayart diese Worte, so ließ er sich demüthig auf seine Kniee nieder, so stieg Malegys auf und der Zug folgte ihm.

Oben auf dem Berge lagen nun die vier Heymonskinder und waren von einer großen Macht belagert, Ritsart lag schwer verwundet und konnte sich nicht aufrichten. Adelhart und Writsart waren auf ihren Knieen und flehten zum barmherzigen Gott um Rettung und Hülfe, nur der starke Reinold war noch wacker und munter und hielt den Feind von dem steilen Berge zurück, indem er beständig große Felsensteine hinunterwarf. So verging ein Tag und eine lange Nacht und keine Hülfe war sichtbar. Auch der mächtige Reinold wurde schon ermüdet und alle Brüder waren in ihren Herzen tief betrübt, so daß sie endlich beschlossen, sich zu ergeben und zu sterben. Indem gewahrt Reinold in der fernen Morgensonne einen Reiter und verkündigte seinen Brüdern: ach, theure Brüder, rief er aus, ich erkenne mein Roß Bayart und meinen Vetter Malegys. — Da erhoben sich Writsart und Adelhart von den Knieen und sahen hin und erkannten ebenfalls das Roß und seinen Reiter. Da wurden sie voll Muths, und jauchzten und dankten Gott dem Herrn. Ritsart, der alles gehört hatte, sagte: meine lieben Brüder, ich bin sehr schwer verwundet, daß ich mich nicht durch eigene Kraft auf meine Beine stellen kann, ich bitte Euch, Ihr wollet mir aufhelfen, damit ich doch auch zu meinem Troste das Roß Bayart gewahr werde. Da hoben sie ihn auf und hielten ihn brüderlich in ihren Armen, und er sah ebenfalls das Roß Bayart, worauf er sagte: Ach! mich dünkt, ich bin nun schon ganz gesund und von allen meinen Wunden genesen, seitdem ich dieses gute Roß gesehn. — Bayart aber machte sehr große Sprünge, um zu seinem Herrn zu kommen, es warf mit einem gewaltigen Stoß den Malegys ab, senkte dann vor Reinold seine Kniee und ließ ihn aufsteigen.

Es entstand ein neues blutiges Gefecht, Reinold brachte den Grafen Calon um, und die Kriegsknechte, die Malegys gebracht hatte, hielten sich sehr tapfer, so daß der Feind endlich die Flucht ergreifen mußte. Die Brüder waren ungemein erfreut und dankten Gott aus tiefem Herzen; aber Reinold schwur: den verrätherischen König Ivo mit dem Schwerte hinzurichten. Dieser aber hatte schon Nachricht erhalten, und war in ein Kloster geflohen, dort war er ein Mönch geworden, um seine Sünden abzubüßen.

Als Reinold zurückkam auf Montalban, wollte er erst seine Hausfrau Clarissa nicht ansehn, weil ihr Vater ihn ohne Ursach verrathen habe. Aber sie versöhnten sich bald und aßen und tranken, und Reinold gedachte der verlaufnen Thaten nicht mehr.