Fünfzehntes Bild.
Reinolds Kampf mit Roland.

Roland wurde sehr zornig auf König Ivo, daß er nun sein Wort doch nicht gehalten habe, die Brüder auszuliefern; es war ihm lieb, daß sie auf die Art errettet waren, aber er wollte durchaus eine Rache an Ivo nehmen. Er zog daher mit den Genossen vor das Kloster, in welches Ivo geflohen war und hielt es belagert, in der Meinung, Ivo aufzuhängen, sobald er ihn in seiner Gewalt haben würde. Ivo vernahm die traurige Botschaft und schrieb einen überaus kläglichen Brief an Reinold, seinen Schwiegersohn, daß er ihm helfen möchte, weil er sonst eines schmählichen Todes sterben müsse. Reinold wollte sich nichts um den Verräther kümmern. Clarisse, seine Hausfrau, saß mit ihrem jüngsten Söhnlein, das sie Adelhart genennt hatte, grade neben ihm, als dieser klägliche Brief ankam, und sie weinte über das Unglück ihres Vaters so heftig und so von Herzen, daß Reinold dadurch über die Maaßen gerührt wurde und sogleich seinen Harnisch anzog, und auf Bayart stieg, um den Verräther zu retten.

Als er vor das Kloster kam, war es schon erobert, und Roland machte eben Anstalt, den König Ivo aufzuhängen. Reinold ritt schnell hinzu, nahm im zornigen Muthe seinen Schwiegervater hinter sich auf’s Pferd und floh mit ihm davon. Roland verfolgte ihn, weil er seinen Raub nicht fahren lassen wollte, hatte aber kein so gutes Pferd als Bayart war, deshalb entkam ihm Reinold. Darüber wurde er sehr ergrimmt und schalt Reinold einen Verräther, und die beiden Ritter setzten sich einen Tag fest, um ihre Sache auszukämpfen.

Reinold brachte daher seinen Schwiegervater nach Montalban, und wollte dann bald wieder zurück, weil er mit Roland einen Streit halten müsse. Clarisse weinte sehr, als sie diese Nachricht hörte, denn Roland war ein Mann, der, wenn er gepanzert war, weder von Schwert und Spieß verwundet werden mochte. Aber Reinold ließ sich nicht irre machen und reiste ab.

Er bezeugte sich erst demüthig gegen Roland, weil er ein Vetter war, da aber Roland trotzig war, sagte er: Ihr müßt nicht etwa glauben, daß ich mich vor Euch fürchte, nein wahrlich nicht, und wenn gleich Eurer fünfe wären, und zog gleich seinen Harnisch an und stieg auf Bayart. Sie stießen heftig auf einander und mit solcher Gewalt, daß Roland sammt seinem Pferde zu Boden stürzte, welches ihm sonst noch in keinem Kampfe mit keinem Ritter begegnet war. Er erstaunte selber darüber, und raffte sich wieder auf, aber die übrigen Genossen litten es nicht, daß der Kampf fortgesetzt wurde.

So ritt Reinold mit frohem Herzen nach Montalban zurück, und Roland that eine Wallfarth zum heiligen Jakob von Compostella.

Sechzehntes Bild.
Reinold errettet seinen Bruder Ritsart.

Als Roland von seiner Wallfahrt zurückkam, traf er in einem Walde den Ritsart, der dort jagte. Roland ritt auf ihn zu und sagte, daß er sich gefangen geben müsse. Ritsart wollte sich ihm anfangs widersetzen, aber da ihm Roland versprach, ihn gegen König Carl zu schützen, so ergab er sich in sein Geleit und zog mit ihm nach Paris.

Malegys, der im Walde verborgen war, brachte diese Kundschaft sogleich den Brüdern auf Montalban, sie machten sich bereit, Ritsart zu erlösen; Malegys aber ging nach Paris, um zu sehen, wie es mit Ritsart werden würde.

Malegys kam als ein kranker Pilgrimm mit geschwollenem Bein und einem dicken Bauche, dazu in einen rauhen Mantel gehüllt, ganz alt und unansehnlich zu König Carl und begehrte um Gottes Barmherzigkeit willen eine Mahlzeit von ihm. Carl aber schlug ihn derbe mit einem Stecken und sagte: ich traue keinem Pilgrimm mehr, seit mich Malegys betrogen hat. Da geberdete sich Malegys gar kläglich und fing als ein kranker Mann an zu weinen und zu schluchzen, so daß es König Carl wieder gereute, daß er einen heiligen Pilgrimm geschlagen hatte, der noch überdies krank war. Er ließ ihn also an einen Tisch niedersetzen und Speise und Trank reichen, dazu bediente er ihn selbst, aus demüthiger Reue. Malegys dachte in seinem schalkhaften Sinne: ich sollte dir wohl gerne deinen Schlag wieder vergelten; als ihm daher der König einen so schmackhaften Bissen in den Mund stecken wollte, ergriff er gar behende mit den Zähnen dessen Finger und biß ihn tüchtig. Der König setzte sich vor Schmerzen abseits und sagte: Du schelmischer Pilgrimm, warum thust du mir also? Du hättest mir beinahe den Daumen abgebissen, wenn ich dich hätte gewähren lassen. — Malegys sagte: Verzeihen mir Ew. Majestät, ich war so gar sehr hungrig, daß ich nicht recht Acht darauf gab, ob es die Speise oder Euer Daumen war, daher geschah es ohne meinen Vorsatz.