Die Krönung wurde hierauf noch vierzig Tage verschoben, und man beschloß, den Grafen Roland mit einigen andern Herren abzusenden, mit denen der Graf Heymon immer in Frieden und Freundschaft gelebt hatte; denn König Carl traute seinem versöhnten Feinde immer noch nicht, auch wußte er es wohl, wie übel es der Graf empfunden, daß er bei der Heirath mit seiner Schwester sein Mahl verschmäht hatte. Er gab daher den Abgesandten allerlei köstliche Geschenke mit, und einem jeden einen Olivenzweig in seine Hand.
So näherten sie sich dem Schlosse Heymons, und Frau Aya gewahrte ihrer, denn sie saß am Fenster; sie erkannte alle sogleich und war für das Leben der Abgesandten besorgt, weil sie der Gemüthsart ihres Herrn wohl wissend war. Als die Ritter daher in den Saal getreten waren, verfügte sie sich auch dort hin, um zu sehen, wie es würde, sie hieß sie dort willkommen, und brachte ihnen einen Becher mit Wein; dann sprach sie bei ihrem Gemal für die Herren, die in der größten Ungewißheit da standen, denn sie hatten schon einigemale ihr Begehren angebracht, aber Heymon hatte auch nicht mit einem einzigen Laute geantwortet.
Da ihm nun jetzt seine eigene Gemahlin zuredete, so ging er ergrimmt im Saale auf und ab, so, daß alle zitterten, dann schlug er sich mit der Faust vor die Stirn, lehnte sich an einen Pfeiler des Gemachs und weinte bitterlich. Da das die anwesenden Ritter an einem solchen Helden gewahr wurden, so hätten sie beinahe mitgeweint, ohne zu wissen, was ihm sei, so erschütternd war der Anblick; aber die Hausfrau, die eines solchen Anblicks ungewohnt war, zerfloß in Thränen und warf sich zu seinen Füßen nieder, und beschwur ihn, daß er doch Rede und Antwort geben möchte.
Steh auf, unglückselige Frau, sagte er so leutselig, wie sie ihn noch nie hatte sprechen hören; wohl mag ich Dich, so wie mich selber unglückselig nennen, denn ich habe graues Haar davon getragen, ohne einen Sohn von mir zu sehn, dem ich meine Haabe hinterlassen könnte. Keines Siegs, keines Ruhmes mag ich mich freuen, denn alles stirbt mit mir weg, keiner aus meinem Geschlechte erwähnt dankbar meiner, und Fremde theilen sich in meine Güter, in die Fahnen und Waffenrüstungen, die ich so mühselig erbeutet habe, und nun soll ich hingehn und Carlmann, den Erben Carls, krönen helfen, ich selbst ohne Erbe, ohne Sohn. Ich weiß, er meints noch schlimmer mit mir, als der Vater; dürften sie mit mir handeln, wie sie wollten, sie ließen mich nimmermehr am Leben.
Heymon konnte vor Grimm und vor Thränen nicht weiter sprechen, aber seiner Gemahlin ging das Herz vor Freude auf, sie wußte erst nicht, was sie sprechen sollte, aber sie erinnerte ihn an den schrecklichen Eid, den er in der Nacht nach der Hochzeit geschworen hatte; doch Heymon sagte: o Frau, solche Eide zu halten, ist nichtswürdig, hätt’ ich nur einen Sohn, und es könnte ein Held aus ihm werden, so wollt’ ich ihn so lieben, wie Carl seinen Carlmann nimmer lieben kann. Nun entdeckte ihm Aya ihren verborgenen Handel, darüber wurde Heymon froh und drückte den angekommenen Rittern die Hand von Herzen; dann verließ er sie, um seine Kinder zu besehen.
Er kam mit seiner Hausfrau vor das verschlossene Gemach, in dem sie lebten, da stand er still, um ihr Gespräch mit anzuhören. Reinold tobte drinnen, und schrie über den Speisemeister, daß er ihnen nicht genug zu essen, und keinen guten Trunk bringe; Adelhart verwies seinem Bruder diese Heftigkeit, und sagte ihm, daß er sich vor Heymon hüten müsse, der ihn gewiß umbringen ließe, wenn er dem Speisemeister etwas zu Leide thäte.
Was kümmert mich Heymon, der graue Hund! rief Reinold erboßt, wenn ich ihn hier hätte, ich wollte ihn so mit Fäusten zusammenschlagen, daß er liegen bleiben sollte!
Dieser ist gewiß und wahrhaftig mein Sohn, sagte Heymon, aber jetzt will ich’s probiren, ob es auch die andern sind. — Ohne weiteres stieß er also mit seinem Fuß an die verschlossene Thür, so daß sie zersprang. Kaum aber stand er im Zimmer, so lief Reinold auf ihn zu und schrie: Was hast Du, alter Graubart, hier zu schaffen? und mit diesen Worten warf er ihn zu Boden. Die andern Brüder kamen auch herzugelaufen, und Heymon, der sich nichts Gutes versahe, rief: o ihr jungen Helden, schlaget mich nicht, denn ich bin Euer Vater, haltet Ruhe, und ich will Euch alle zu Rittern machen. Als Reinold hörte, daß das sein Vater sei, hob er ihn vom Boden auf und tröstete ihn über seinen harten Fall, darauf umarmte der Vater seine Kinder nach der Reihe, mit besondrer Inbrunst aber schloß er Reinold, den jüngsten, in seine Arme, so daß diesem die Nase zu bluten anfing. — Wärt Ihr nicht mein Vater: rief Reinold, seht, so wollt’ ich Euch dafür schlagen, daß Ihr solltet liegen bleiben. — Aber Heymon ward über dergleichen Reden noch mehr erfreut, und Frau Aya stand draußen, und wußte nicht, ob sie lächeln oder weinen sollte.
Viertes Bild.
Das Roß Bayart.
Die Söhne mußten sich nun in dem Saal versammeln, wo sie ihr Vater zu Rittern schlug, erst den Ritsart, dann Writsart, hierauf Adelhart, und endlich Reinold. Als er zu diesem kam, hatte der sich die goldnen Sporen schon angelegt, und das Schwert umgehängt, und so ging er stolz und übermüthig einher. Der Vater schenkte ihm seine Schlösser Pirlapont und Falkalon, weil er ihn für den würdigsten hielt.