Ueber diese Anrede ward König Carl sehr ergrimmt; er antwortete: daß er dem Grafen Heymon nie in etwas willfahren wolle. Hugo sagte hierauf sehr ernsthaft, daß jedes redliche Gemüth das Betragen des Königs tadeln müsse. Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, so sprang Carl auf, zog sein Schwert und hieb den Jüngling nieder, daß er sogleich todt blieb. Alles gerieth in die größte Verwirrung, Ritter und Edle sprangen auf, die Tische fielen über den Haufen, die Musik verstummte, und die Spielleute entflohen, kurz, aus der größten Freude entstand plötzlich die größte Traurigkeit.

Zweites Bild.
Krieg; endlich wird Friede geschlossen.

Der Graf Heymon verließ sogleich mit seinem Anhange die Stadt; er bot alle seine Freunde auf und überfiel das Land, um den Tod seines Vetters Hugo zu rächen. Da war groß Rauben und Morden allenthalben; da sah man verwüstete Dörfer und geplünderte Klöster, die Leichen der Erschlagenen lagen auf den Heerstraßen, denn Heymon war in gewaltiger Wuth entbrannt. Carl stellte sich dem Feinde entgegen, aber sein Volk mußte immer der Tapferkeit des Grafen weichen.

Carl versammelte seinen Rath und verbannte den Grafen im zornigem Muthe aus seinem Lande, so daß er aller seiner Güter und Titel verlustig war und gleich einem armen Flüchtlinge umherirrte. Dadurch wurden Heymon und seine Freunde nur noch mehr aufgebracht, sie verbrannten und verheerten das Land noch ärger als zuvor, sie raubten alles Gold und Silber das sie fanden, und streuten allenthalben das Elend des Krieges aus. Malegys, ein Vetter Heymons, that besonders großen Schaden, denn er war in der schwarzen Kunst ein wohlerfahrner Mann. Dieser Krieg währte sieben Jahre, und die Einwohner des Landes kamen endlich demüthig zum König Carl und baten ihn, daß er mit dem furchtbaren Heymon einen Frieden schließen möchte. Carl war anfangs über diese Vorstellung unwillig, schickte aber doch Gesandten mit freundlichem Anerbieten an seinen Feind, denn er sah selbst ein, daß ihm ein solcher Krieg sein Land verderbe. Heymon, der jetzt im Vortheile war, wollte von keinem Frieden hören, aber Carl schickte eine zweite Gesandtschaft, und ließ ihm sogar seine Schwester Aya zur Gemahlin anbieten, wenn er sich versöhnen wolle. Hierauf ging Heymon den Vertrag ein und der Friede ward geschlossen.

Drittes Bild.
Carlmann soll zum Könige gekrönt werden.

Heymon führte nun seine Braut in die Kirche, wo sie eingesegnet wurden. Roland begleitete sie dorthin. Das hochzeitliche Mahl sollte eingenommen werden, und Heymon bat König Carl, bei ihm zu bleiben; dieser aber brach schnell wieder auf, und zog nach Paris zurück. Heymon ward ergrimmt, und zog nach seinem Schlosse, wo er mit seinen Freunden die Hochzeit in vierzig Tagen und vierzig Nächten auf’s prächtigste feierte. Heymon hatte immer noch die abschlägliche Antwort des Königs im Sinne, und als er mit seiner Gemahlin das Bette besteigen wollte, zog er sein Schwert und schwur darauf, den Tod Hugo’s an allen Nachkommen Carls zu rächen. Seine Hausfrau Aya erschrak, denn sie sah die ernsten und zornigen Geberden, und fürchtete sehr das Gemüth des Ritters.

Sie ward schwanger, und als sich die Zeit ihrer Entbindung nahte, gedachte sie an Heymons Schwur. Er war grade auswärts in einen Krieg verwickelt. Sie begab sich daher in ein Kloster und gebar einen Sohn, den sie Ritsart nannte, Bischof Turpin und Graf Roland waren die Pathen: darnach ließ sie ihn heimlich erziehn.

Heymon kam zurück und seine Gemalin ward zum zweitenmale schwanger, sie gebar einen zweiten Sohn, Writsart, als Graf Heymon wieder auswärts war. Eben so geschah es noch einmal, und der Sohn ward Adelhart genannt. Alle diese Kinder wurden heimlich Säugammen übergeben, und nachher wurden sie in einem verborgenen Zimmer des Schlosses erzogen.

Graf Heymon zog von neuem in den Krieg gegen die Ungläubigen, und dieser Krieg dauerte ganzer sieben Jahre. Nach dieser Zeit kam er wieder in sein Vaterland zurück, und hatte sieben tiefe Wunden an seinem tapfern Leibe und dennoch saß er geharnischt mit Helm und Schild zu Pferde, so, als wenn ihm nichts zugestoßen wäre, aber sein Sinn war groß, denn er hatte gesiegt, und brachte eine kostbare Reliquie, die Dornenkrone unsers Heilandes, mit sich. Seine Hausfrau empfing ihn mit großer Freude, beide gingen in das Schlafzimmer und sie gebar nach neun Monaten wieder heimlich einen jungen Sohn, der Reinold getauft wurde. Nun hatte Graf Heymon vier Söhne, von denen er allen nichts wußte, denn seine Gemahlin fürchtete immer noch, daß er sie diesem Eide gemäß umbringen würde, wenn sie ihm die Sache entdeckte. König Carl hatte auch einen Sohn, Namens Carlmann, dieser war mit Reinold von einem Alter und von einer Größe, aber in seinem funfzehnten Jahre wuchs Reinold dergestalt in die Höhe, daß er einen Fuß länger war, als Carlmann. Schon damals war Reinold der größte und stärkste von seinen Brüdern.

König Carl war jetzt ein Greis geworden und gedachte seinem Sohne Carlmann die Krone aufzusetzen. Er berief daher die Vornehmsten des Reichs, sammt den zwölf Genossen von Frankreich und dem berühmten Bischofe Turpin. Als alle versammelt waren und eine Stille ausgerufen war, erhob sich König Carl und hielt eine Rede, wie er nun schon alt sei, und das wahre Einsehn in das Reich nicht mehr besitze, er habe daher alle gegenwärtige Herren versammelt, um seinen Sohn, der jung und stark sei, zum König krönen zu lassen. Die Fürsten waren sich dieses Antrags nicht vermuthet und wußten daher lange nicht, was sie antworten sollten, bis endlich Turpin, der weise Bischof, aufstand und sagte: Mein König, es fehlt in dieser Versammlung noch ein Mann, der zu dieser Krönung unentbehrlich ist, denn er ist fast der tapferste Ritter im ganzen Lande. — Gewiß meint Ihr, antwortete Carl, den Grafen Heymon von Dordone, der mir so großes Leidwesen zugefügt hat, mit Rauben, Brennen und Plündern, aber ich muß es bekennen, er ist ein tapfrer Mann, so daß er fast seines Gleichen nicht hat. Nun, ich will nach ihm schicken, wenn Ihr meint, daß es so besser sei.