Da der junge König sehr erboßt war, so versuchte es der falsche Ganelon, ihn zu trösten. Er schlug ihm vor, dem Adelhart auf den Kopf zuzusagen, daß er sich ermessen habe, ihn im Schachspiel zu überwinden, er sollte also mit ihm spielen und dabei ausmachen, daß derjenige, der fünf Spiele hinter einander gewönne, dem andern das Haupt abschlagen dürfe. Dem Könige gefiel dieser falsche Rath, und er ließ Adelhart kommen; dieser weigerte sich lange, um einen so hohen Preis zu spielen, aber Carlmann zwang ihn dazu, und Ganelon bezeugte, daß er sich vermessen habe, den König im Schachspiel zu besiegen. Carlmann gewann drei Spiele hintereinander, und Adelhart war seines Lebens wegen sehr besorgt. Aber er nahm allen seinen Verstand zusammen und gewann das folgende Spiel und eben so noch vier andre, womit er eigentlich das Haupt des jungen Königs gewonnen hatte. Er neigte sich gegen Carlmann, und sagte: Ich begehre nicht den Vertrag zu erfüllen, aber hüte sich Ew. Majestät vor Demjenigen, der Euch diesen Rath gegeben hat, denn er meint es wahrlich nicht gut mit Euch. Carlmann aber ergriff das silberne Spielbrett, und schlug damit Adelhart ins Angesicht, daß er blutete. Adelhart ging traurig fort in den Stall, lehnte seinen Kopf an Bayart und weinte; dort traf ihn Reinold und fragte ihn, was ihm fehle; er wollte es anfangs verschweigen, weil er den Grimm seines Bruders fürchtete, da ihn aber Reinold selber zu ermorden drohte, wenn er ihm die Wahrheit nicht gestünde, so erzählte er ihm aus Furcht den ganzen Verlauf des gefährlichen Spiels. Da ward Reinold sehr zornig, und sagte: Wie? darf man einem Bruder von mir so begegnen? Kann ich es leiden, daß ich so das brüderliche theure Blut zu Boden fließen sehe? Du hast sein Haupt gewonnen, und ich will es Dir bringen.
Er ließ hierauf Bayart nebst den andern Pferden heimlich aus der Stadt schaffen, dann ging er in Carlmanns Zimmer, bei dem sich Carl und viele Edle befanden; mit grimmigem Gesicht packte er den jungen König bei den Haaren und schlug ihm sein Haupt mit dem Schwerte ab; worauf er es seinem Bruder Adelhart gab und sagte: Hier hast Du Deinen Gewinnst!
Dann verließen die Brüder mit ihrem Vater die Stadt Paris.
Sechstes Bild.
Die Brüder in der Verbannung.
König Carl war von Schmerz und Erstaunen ganz bewußtlos, er versammelte schnell seine Ritter, und eilte den Flüchtigen nach. Vor dem Thore begann ein hitziges Gefecht. Heymon hielt sich mit seinen Söhnen sehr tapfer, doch wurden allen die Pferde unter dem Leibe umgebracht. Da sprangen die drei Brüder hinter Reinold auf sein Pferd Bayart, das sie alle viere so schnell davon trug, daß keiner sie ereilen konnte. Aber Heymon blieb zurück, und stritt noch lange zu Fuß, und gebrauchte sich ungemein tapfer. Aber endlich konnte er der Macht nicht länger widerstehn, und gab sich ritterlich gefangen in die Hände des Bischofs Turpin, weil er dem Könige Carl nicht allerdings traute und eine schwere Rache von ihm besorgte.
Als Carl daher den Gefangenen wollte hängen lassen, widersetzte sich Turpin und die übrige Ritterschaft, so daß Heymon nur schwören mußte, seine Söhne in die Gefangenschaft zu überliefern, so bald als es ihm möglich wäre.
Reinold kam mit seinen Brüdern auf seinem Schlosse an, sie nahmen zärtlichen Abschied von ihrer Mutter, und beluden sich mit vielen Kostbarkeiten und so entflohen sie nach Spanien; ihr Vater war ein Freund des Königs, und hatte ihm lange gedient, sie hofften daher dort eine gute Aufnahme zu finden.
Der König sah sie in der Ferne kommen, und erkannte sie sogleich an ihrem Familienwappen; er wunderte sich darüber, daß ihrer viere auf einem Pferde ritten, und beschloß, sie sogleich in seine Dienste zu nehmen, weil er sich erinnerte, wie treu und tapfer ihm ihr Vater Heymon ehemals gedient hatte. Er nahm sie daher sehr gnädig auf, versprach ihnen Sold und Unterhalt; sie freueten sich, und gaben ihm dafür ihren Schatz in Verwahrung, den sie mit sich gebracht hatten.
So lange sie am Hofe etwas Neues waren, wurden sie gut gehalten, aber bald wurde man ihrer und ihres treuen Dienstes überdrüssig, dazu warf man ihnen auch immer vor, daß sie ihren Vetter Carlmann erschlagen hätten, und deshalb Landes flüchtig wären.
Reinold war im Herzen ergrimmt, daß man ihrer mit jedem Tage weniger achtete; nach drei Jahren gab man ihnen gar keinen Sold, noch Kleider, noch Unterhalt. Reinold schickte einen Knappen Wendelin an den König, und ließ sich wenigstens seinen Schatz ausbitten, um weiter ziehen zu können; aber der König ließ den Abgesandten mit Schlägen zum Pallast hinauswerfen, und Reinold bekam diese üble Botschaft. Er ließ daher sein Roß Bayart satteln, und vor die Stadt führen, nahm seinen Bruder Adelhart mit sich, und ging so in den Pallast des Königs.