Sophie lächelte; der junge Dietrich sah sie erröthend an, und Eulenböck trank mit großem Wohlbehagen, indeß der Fremde den Alten mit Ernst anhörte, der, seiner Sache gewiß, um so eifriger fortfuhr: Nein, wohl dem Manne, der, mit dieser verkehrenden Leidenschaft völlig unbekannt, den vernünftigen Entschluß faßt, sich in den Stand der Ehe zu begeben, und Heil dem Mädchen, das züchtig den Gemahl findet, ohne jene Scenen des Wahnsinns je mit ihm gespielt zu haben, denn alsdann findet sich jene Zufriedenheit, jene Ruhe und jener Segen, der unsern Vorfahren nicht unbekannt war, und den die heutige Welt nicht mehr achten will. In diesen Ehen, welche nach vernünftiger Ueberlegung, in Demuth und stiller Ergebenheit geschlossen wurden, fanden die Menschen damals im wachsenden Vertrauen, in zunehmender Zärtlichkeit und im gegenseitigen Ertragen der Schwächen ein Glück, welches dem jetzigen hochfahrenden Geschlechte zu geringe erscheint, und das auch darum nur Elend und Noth, Unzufriedenheit und Mißverständniß, Zwietracht und Verachtung im Garten seines Lebens baut. Früh schon an den Rausch der Leidenschaft gewöhnt, suchen sie auch diesen in der Ehe, und verachten die Nothwendigkeit des alltäglichen Lebens, erneuern dann rechts und links in mannigfaltigen und immer geringeren Abwechselungen die Kunststücke ihres Liebeshandwerks, und gehen so in Schlechtigkeit und Selbstbetrug unter.
Sehr bitter, aber wahr, sagte der Unbekannte mit nachdenklicher Miene.
Es ist wie mit allen Bitterkeiten, flüsterte Sophie ihrem Nachbar zu, sie fallen zu schwer auf die Zunge; man kann nicht recht unterscheiden, ob es schmeckt, oder nur allen Geschmack betäubt; dergleichen ist natürlich für den wahr, der Liebhaber davon ist.
Eulenböck, der diesen Ausspruch auch gehört hatte, lachte, und der Vater, der die Sache nur halb verstanden, wandte sich mit Heiterkeit zu seinem fremden Gaste: wir sind also darüber einig, daß nur die sogenannten Conventionsheirathen glücklich seyn können; ich werde auch niemals Anstand nehmen, meine einzige und nicht unbegabte oder arme Tochter einem Manne zu geben, sei er, von welchem Stande er wolle, dessen Charakter mir werth ist, und dessen Kenntnisse ich, vorzüglich in der Kunst, achten muß, damit auch meine Enkel noch die Früchte meines Fleißes ärnten, und nicht in alle Winde und in die Häuser der Unwissenden das verstreut werde, was Liebe, Aufopferung, Studium und unermüdeter Fleiß in dieser Wohnung versammelt haben.
Er sah den Fremden mit gefälligem Lächeln an; doch dieser, der bis jetzt ihm freundlich erwiedert hatte, machte eine fast finstere Miene und sagte nach einer kleinen Pause: die Sammlungen von Privatpersonen können niemals lange bestehen; wer die Kunst liebt, sollte, falls er gesammelt hat, seine Schätze um ein Billiges Fürsten verkaufen, oder sie größern Gallerieen durch Testament einverleiben. Darum kann ich auch den Plan mit Ihrer Tochter nicht billigen, wenn ich auch mit Ihren Ansichten von der Ehe einverstanden bin. Und überhaupt ist es in Ansehung jeder Heirath eine mißliche Sache. Wenn ich nicht versprochen wäre und tausend dringende Ursachen mich zwängen, mein Wort nicht zu brechen, so würde ich meiner Neigung nach immer unverheirathet bleiben.
Der Alte wurde roth und sah vor sich nieder, dann fing er mit seinem Nachbar, nicht ohne Verlegenheit, ein anderes Gespräch an. Die neuliche Auction der Kupferstiche, sagte der Gemäldehändler, ist bei weitem nicht so ergiebig ausgefallen, als es der Eigenthümer sich versprochen hatte. Das ist häufig mit Auctionen der Fall, warf die Tochter mit schnippischem Tone dazwischen: darum sollte sich kein Mensch damit einlassen, den nicht die äußerste Noth dazu treibt.
Dietrich war noch zu unerfahren, um den Zusammenhang dieser Gespräche einzusehen; er redete treuherzig und eifrig über die Barbarei der Auctionen, in denen oft die kostbarsten Seltenheiten übersehen, viele Kunstwerke durch die Gaffer und Handlanger beschädigt, und der Ruhm großer Meister, so wie das Gefühl ächter Bewunderer, schmerzlich verletzt würden. Dadurch gewann er die gute Meinung des Vaters, der die getrübte Miene erheiterte und ihm mit Freundlichkeit Recht gab. Sophie, welche fürchten mochte, daß ein neuer Antrag im verdeckten Wege des Kunstenthusiasmus vorgeschoben werden sollte, fragte schnell den jungen Maler, ob er mit seinem Marienbilde bald fertig sei, oder ob er vorher die Abnahme vom Kreuz vollenden wolle?
Sie malen also auch dergleichen rührende Gegenstände? fragte der Unbekannte, indem er mit einem fast schielenden Blicke zum jungen Manne herüber blinzelte. Mich wundert es immer von Neuem, daß Menschen in ihren besten und heitersten Jahren mit dergleichen Gegenständen ihre Zeit und Imagination verderben können. Der heiligen Familien haben wir wohl, dächte ich, in der Kunst genug; da ist nichts Neues anzubringen und zu erfinden, und jene Leichname und Verzerrungen des Schmerzes widerstreben so völlig allem Reiz und dem Genuß der Sinne, daß ich mein Auge immer davon abwenden muß. Die Kunst soll unser Leben erhöhen und erheitern, alle Dürftigkeiten desselben und aller Jammer der Welt soll uns in ihrer Nähe verschwinden; nicht aber darf unsre Phantasie durch ihre Hervorbringungen geängstigt und gefoltert werden. Im heitern, frischen Licht soll die Sinnenwelt spielen, und in freundlichem Reiz uns schmeicheln und auf diese Weise erheben. Schönheit ist Freude, Leben, Kraft. Der hat sich noch wenig verstanden, der Nacht und düstre Gefühle sucht. Oder gehören Sie auch etwa zu denen, die sich vor dergleichen Bildern mit erzwungener Gläubigkeit entzücken, und verlangen, daß in uns eine Art von Andacht sich entzünden soll, um den Gegenstand zu verstehen und christlich zu würdigen?
Und wäre denn das, rief Dietrich mit einer gewissen Eil und Heftigkeit, etwas so Unerhörtes, oder nur Besonderes? Im Schönen, wenn es erscheint, wird der Reiz der Sinnenwelt zum Göttlichen erhöht, und so wird die stumme Ehrfurcht, die hülflose Rührung unbegeisterter Gemüther durch die Kunst zur himmlischen Andacht erhoben. Es ist, wenn auch verzeihlich, doch abgeschmackt, wenn bloß des frommen Gegenstandes wegen ein elendes Bild den gläubigen Beschauer entzückt, aber es ist mir völlig unbegreiflich, wenn sich ein fühlendes Herz vor der Sixtinischen Maria zu Dresden des Glaubens und der Andacht erwehren kann. Ich weiß es wohl, daß die neuen Bestrebungen jüngerer Künstler, zu denen ich mich auch bekennen muß, bei vielen trefflichen Leuten großes Aergerniß erregt haben, aber man sollte sich doch endlich ohne Leidenschaft überzeugen, daß das alte, ganz ausgefahrene Geleise kein Weg mehr ist. Was haben diejenigen, die diese neue Lehre zuerst wieder aufbrachten, denn anders gewollt, als das Gemüth wieder erwecken, welches seit langer Zeit bei allen Kunstproductionen als ganz überflüssig angesehen worden war? Und hat denn diese neue Schule nicht schon vieles Achtungwürdige hervorgebracht? Ein Geist offenbart sich, das ist nicht abzuläugnen, der sich kräftigen wird und ausbilden, ein neuer Weg ist gefunden, auf welchem freilich, wie bei jeder Begeisterung, mancher Unberufene auch das Uebertriebene, Widerwärtige und ganz Tadelswürdige hervorbringen wird. Ist denn aber das Schlechte dieser Zeit wirklich schlechter, als was weiland ein gefeierter Casanova erschuf, oder das Leere leerer, als jenes kalte Abschreiben der mißverstandnen Antike, das jene ganze frühere Zeit als einen großen Lückenbüßer in der Kunstgeschichte darstellt? Waren denn nicht bizarre Manieristen auch damals die tröstenden Erscheinungen? Und hat denn der Hülfverein für die Kunst, von verehrten Männern gestiftet, etwas Tüchtiges hervorbringen können?
Junger Mann, sagte der Unbekannte mit der schneidendsten Kälte: ich müßte zehn Jahre jünger, oder Sie einige älter seyn, wenn ich über so wichtigen Gegenstand mit Ihnen streiten sollte. Dieser neue phantastische Traum hat sich der Zeit bemächtigt, das ist freilich nicht zu läugnen, und muß nun bis zum Erwachen fortgeschlummert werden. Waren jene, die Sie tadeln wollen, vielleicht zu nüchtern, so sind dafür die jetzt Gepriesenen in einem kränklichen Rausch befangen, indem ihnen ein wenig schwaches Getränk zu Kopfe gestiegen ist.