Da haben wir ja alle Zeitalter beisammen, rief Sophie aus, alle Arten von Geschmack und Gesinnung! Kommt nicht etwa auch noch der junge Herr von Eisenschlicht, um mir das Leben recht sauer zu machen?
Der Vater hob den Finger drohend auf, sie ließ sich aber nicht irren, sondern fuhr schnell und unwillig fort: es ist ja wahr, daß ich in dieser Gesellschaft meines Lebens niemals froh werde; das schwatzt, und guckt, und ist artig, und lügt, und wird unausstehlich durch einander, daß ich statt solcher Mahlzeiten lieber drei Tage hungern möchte. Solche verliebte Leute sind mir so zuwider, wie unreife Johannisbeeren! jedes Wort von ihnen schmeckt mir noch sauer nach acht Tagen, und verdirbt mir auch die Zunge für alle bessere Früchte. Der alte krummnasige, kupfrige Sünder ist mir noch von allen der liebste, denn er denkt doch nicht daran, mich wie ein Möbel in seine Stuben hinzustellen.
Diese Art und Weise, sagte der Vater, ist mir an Dir selbst leid, ja recht verdrüßlich, weil ich bei Deinem starren Eigensinn noch gar nicht absehen kann, wie Du Dich je ändern möchtest. Du weißt nun, wie ich über die Ehe und die sogenannte Liebe denke, wie sehr Du mich glücklich machen würdest, wenn Du Deinen Willen brechen wolltest —
Ich muß nach der Küche sehen, rief sie plötzlich: ich muß Ihnen heute Ehre machen; vergessen Sie nur nicht die guten Weine, damit der röthliche Eulenböck nicht Ihren Keller in schlechten Ruf bringt. So lief sie hinaus, ohne eine Antwort abzuwarten.
Der Alte ging an seine Geschäfte, indessen die Tochter Küche und Tisch besorgte. Sie hatte jenes Gespräch so plötzlich abgebrochen, weil es der Wunsch des Vaters, den sie nur gar zu gut kannte, war, sie mit seinem Freunde Erich zu verheirathen, der zwar nicht mehr jung, indessen auch noch nicht so sehr in Jahren vorgerückt war, daß ein solcher Plan lächerlich gewesen wäre. Erich hatte bei seinem Handel ein ansehnliches Vermögen erworben; in diesem Augenblicke besaß er eine Sammlung ganz vorzüglicher Bilder aus den italienischen Schulen, und Walther hatte den Gedanken, daß, falls seine Tochter sich noch zu dieser Heirath bereden ließe, Erich alsdann seinen Handel einstellen, und diese vorzüglichen Gemälde seiner Gallerie einverleiben solle, damit der Schwiegersohn diese dann nach seinem Tode als eine recht ausgezeichnete besäße und erhielte. Denn es war ihm fürchterlich, sich diese treffliche Sammlung einst wieder zerstreut zu denken, vielleicht gar unter dem Preise verkauft und an Menschen vergeudet, bei denen die Bilder durch Unverstand zu Grunde gehen könnten. Seine Leidenschaft für Malerei war so groß, daß er auf jeden Fall seines Freundes Bilder für eine sehr große Summe gekauft haben würde, wenn ihn nicht der Erwerb eines ansehnlichen Gutes und großen Gartens, die er seiner Tochter zurück lassen wollte, gehindert und ihm jetzt jede Auslage, vorzüglich aber eine so bedeutende, unmöglich gemacht hätten. Indem er seine Briefe schrieb, zerstreuten ihn diese Gedanken unaufhörlich. Er gedachte dann des jungen Malers Dietrich, eines hübschen blonden Jünglings; und ob ihm gleich dessen Art, die Kunst auszuüben, so wenig wie die, sich zu kleiden, recht war, so hätte er doch auch diesen gern als Schwiegersohn umarmt, weil er überzeugt seyn konnte, daß der junge Mensch für sein Kunstvermächtniß die höchste Ehrerbietung hegen würde. Der alte Maler Eulenböck konnte ihm für seine Plane nie in die Gedanken kommen; aber seit gestern hatte er den fremden Kunstkenner mit väterlichem Auge gemustert, und die schnippische Antwort der Tochter, mit der sie sich über diesen geäußert hatte, war ihm daher um so empfindlicher. Er mochte es sich nicht gestehen, aber er dachte, wenn er in die Zukunft schaute, weit mehr an das Heil seiner Sammlung, als an das Glück seines Kindes. Selbst der junge Herr von Eisenschlicht, der Sohn eines Wucherers, wäre ihm zum Eidam erwünscht gewesen, weil der junge Mensch auf Reisen sich ziemlich gebildet hatte; und da dieser zugleich die Neigungen seines Vaters besaß, so ließ sich wohl erwarten, daß er aus jeder Rücksicht eine so kostbare Sammlung in Ehren halten würde.
So war der Vormittag verstrichen, und die Gäste fanden sich nach und nach ein. Zuerst der jüngste, Dietrich, im sogenannten altdeutschen Rocke, die weißlichen Haare auf den Schultern hängend, und mit einem blonden Bärtchen, der sein rosenrothes durchsichtiges Antlitz nicht entstellte. Er erkundigte sich sogleich angelegentlich nach der Tochter, und diese erschien, geschmückt, in einem grünseidenen Kleide, das den Glanz ihres Gesichts und Nackens wunderbar erhob. Der Jüngling begann sogleich eben so verlegen als zudringlich ein Gespräch mit Sophien, das um so trockner wurde, um so mehr er es überschwenglich zu machen suchte. Gestört und getröstet wurden beide durch das Erscheinen des alten Eulenböck, der mit seinem braunrothen Gesicht wunderlich aus einer hellgrünen Weste und weißlichem Frack heraus schien, da er es, wie viele ausgemacht häßliche Menschen, liebte, sich in auffallende Farben zu kleiden. Die jungen Leute konnten kaum das Lachen unterdrücken, als sie ihn sich linkisch hereindrehen, grimassirend grüßen und mit falscher Artigkeit stolpern sahen, wobei sich sein schiefes Gesicht, die kleinen grellen Augen und die seitwärts gedrehte Nase noch wunderlicher ausnahmen. Der Fremde ließ lange auf sich warten, und Sophie spöttelte wieder über die Anmaßung, den vornehmen Mann zu spielen, bis er endlich, schlicht gekleidet, erschien und es der Gesellschaft möglich machte, sich in das Speisezimmer zu begeben, in welchem sie Erich schon fanden, der dort ein Gemälde befestigt hatte, welches der Fremde und die Maler in Augenschein nehmen sollten.
Sophie saß zwischen Erich und dem Unbekannten, obgleich Dietrich einen vergeblichen Versuch gemacht hatte, sich an ihre Seite einzuschieben. Eulenböck, der alles bemerkte, und der am liebsten seine Bosheit in das Gewand der Gutmüthigkeit hüllte, drückte dem jungen Menschen die Hand und dankte ihm wie gerührt, daß er so lange herum gekreuzt sei, um nur neben einem alten Manne zu sitzen, der zwar auch die Kunst liebe und ausübe, indessen freilich mit seinen abnehmenden Kräften dem Fluge der neuern Schule nicht mehr nachstreben könne, an deren Enthusiasmus er aber doch sein altes Feuer wieder anzünde und seine schon kalten Lebensgeister erwärme. Dietrich, der noch jung genug war, um alles dies für Ernst zu halten, wußte nicht Dankbarkeit genug auszudrücken, noch hinlängliche Bescheidenheit aufzutreiben, um diese Demuth aufzuwägen. Der alte Schelm freute sich, daß ihm seine Verstellung gelang, und machte den gutmüthigen Jüngling immer treuherziger, der in diesem alten Knaben schon einen Schüler von sich zu sehen wähnte, und dabei im Stillen berechnete, wie er dessen practische Kenntnisse zu höhern Zwecken brauchen wolle, ohne daß der Alte merken müsse, wie der neue Lehrer wieder zugleich sein Schüler sei.
Indessen diese beiden sich so zu täuschen suchten, war das Gespräch des Fremden und des Wirthes zum Theil zufällig, und von der andern Seite klug gelenkt, auf die Ehe gefallen; denn der alte Walther ließ nicht leicht eine Gelegenheit vorübergehen, seine Gedanken über diesen Gegenstand auszusprechen. Ich habe niemals, sagte er, mit den Ansichten übereinstimmen können, die nun etwa seit funfzig Jahren zur allgemeinen Mode geworden sind. Ich nenne sie Mode, weil ich mich nie, obgleich ich auch jung gewesen bin, habe überzeugen können, daß sie in der Natur gegründet sind. Kann man läugnen, daß einzelne Menschen zu gewissen Zeiten leidenschaftlichen Stimmungen und Verirrungen ausgesetzt gewesen? Nur zu häufig haben wir die bösen Folgen des Zornes, der Trunkenheit, der Eifersucht und Wuth wahrnehmen müssen. Eben so ist auch nicht zu läugnen, daß vielfaches Unheil und seltsame Begebenheiten aus jenen gesteigerten Empfindungen, die man Liebe nennt, hervorgegangen sind. Es ist nur die Rede von jener Verkehrtheit, daß der Mensch zwar alle andere Verwirrungen vermeidet, und sich der Ueberraschung der Leidenschaften zu entwöhnen sucht, Alle aber sich seit einer gewissen Zeit damit brüsten, ja es für nothwendig zum Leben halten, die Liebe und ihre wilden Zustände und leidenschaftlichen Verwirrungen erlebt zu haben.
Der Unbekannte sah den Wirth ernsthaft an und nickte ihm zu, worauf der Alte mit erhöhter Stimme fortfuhr:
Möchte man am Ende auch einer gewissen Billigkeit nachgeben, und diese Zustände der sogenannten Liebenden, in denen, wie sie uns erzählen, die ganze Welt ihnen im schönern Lichte erscheint, und in welchen sie sich aller ihrer Seelenkräfte erhöht und vielfacher bewußt werden (obgleich sie in jenem Schlummerwachen in der Regel träge, und zu keiner Arbeit zu bringen sind), natürlich finden: was thut, frag’ ich nun, alles dies, auch noch so glücklich sich wendend, um eine vernünftige und gute Ehe zu schließen? Ich würde nie meine Einwilligung geben, wenn ich das Unglück hätte, an meiner Tochter einmal diese Verstandesverwirrung zu bemerken.