Sein schneller Ruhm, sagte der Laie, ist wohl nur entstanden, weil eben der ächte Sinn für Musik unterzugehen droht. Denn wie kann man sich doch nur mit diesem völligen Mangel an Styl vertragen, der allen seinen Melodieen einen so niedrigen, geringen Charakter aufdrückt? Seine Sangstücke sind großentheils sangbar, ja recht bequem für unsere jetzigen Sänger geschrieben, aber sehr häufig setzt er auch nur, so vielen Andern ähnlich, wie für Instrumente, und wenn sein Beifall noch lange währt, so wird er auch noch dazu beitragen, die Sänger völlig zu verderben, ja auch wohl den guten und edlen Vortrag der Instrumente, weil er Alles so kleinlich und geringe behandelt. Der Sinn für Musik erwachte bei uns auf eine schöne Weise, er kräftigte sich und es war uns vergönnt, Gluck zu verstehn und uns völlig anzueignen, eine so große Erscheinung, wie Mozart, entstand und vollendete sich vor unsern Augen, Haydns tiefsinniger Humor in seinen Instrumental-Compositionen ergriff alle Freunde der Kunst, des großen Händels Werke wurden wieder studirt, und selbst die Dilettanten fühlten sich von seiner Kunst entzückt, die das Mächtige, Gewaltige erstrebt, jeden kleinlichen Reiz verschmähend; wir sahen Anstalten gedeihen, die auch die alte Kirchenmusik, die herrlichen Werke der verstorbenen großen Meister wieder ertönen ließen, es schien, daß auf immer der Geschmack am Großen und Edeln gerettet sei. Nur hatte sich indessen die Menge auch mit der Musik scheinbar vertraut gemacht, und diese kann, wenn sie sich eine edle Sache aneignet, immer nur bis auf eine gewisse Weite mitgehn, dann wird sie nothwendig das Ergriffene in etwas Geringeres verwandeln, das ihr zusagt. Ehemals hatten wir nur Kenner und oberflächliche Liebhaber in Deutschland, jetzt aber entstand eine Halbkennerschaft statt der Freunde, die sich unschuldig ergötzten. Diese anmaßlichen Kenner haben mit lauter schreienden Stimmen nach und nach das Wort der wahren Musikfreunde verdrängt, ja diese gelten den neuern Enthusiasten wohl gar für eigensinnige, oder gefühllose Kritiker, die aus Neid und Mißlaune die glänzenden Erscheinungen der neuesten Zeit nicht anerkennen wollen. Darum hat auch in meiner Vaterstadt, in Berlin, Rossini am meisten Widerspruch gefunden, weil durch des unvergeßlichen Fasch herrlichen Eifer dort die treffliche Musik-Akademie gegründet wurde, die unser Freund, der wackre Zelter, nach dessen Tode in demselben Sinne fortgeführt hat. Durch die Vergegenwärtigung der alten Meisterwerke, durch den einfachen, edlen Gesang, der dort bekannter ist, als anderswo, sind die zahlreichen Mitglieder zum Bessern verwöhnt, und können sich unmöglich dem zierlich Nüchternen hingeben.
Sie werden es mit meiner Tochter völlig verderben, sagte der Baron lachend, denn sie meint, wo nur Effect sei, da wäre es lächerlich zu fragen, ob die Wirkung auch statt finden dürfe.
Sie hat vollkommen Recht, antwortete der Laie, ich aber auch, wenn ich behaupte, die Wirkung müsse gar nicht eintreten. Um diesen Punkt dreht sich ja die Kritik in allen Künsten.
Darum ist es ein Glück zu nennen, antwortete der Baron, ja gewissermaßen eine weise Lenkung des Kunstgenius, daß ein großer Componist sich diesem kleinlichen Unwesen so mächtig gegenüber stellt, und das so ausgezeichnet besitzt, Styl nehmlich, was jenem ganz abgeht. Ich spreche von dem nicht genug zu lobenden Spontini. Es läßt sich hoffen, daß von dieser Seite durch mächtige Wirkungen der Sinn der Deutschen wird gehoben, und ihr Wohlgefallen an diesem Melodieenkitzel beseitigt werden.
Der Laie schien so in Eifer gerathen zu seyn, daß er allein das Wort führen wollte. Gewiß, sagte er lebhaft, wäre es lächerlich, wenn man diesem Manne ein ausgezeichnetes Talent absprechen wollte, und über die Verdienste seiner Vestalin läßt sich Vieles sagen und streiten. Aber daß er im Cortez und nachher noch gewaltiger ein Brausen und Lärmen der Instrumente, ein Ueberschreien der Stimmen, ein Aufkreischen, ein wildes Getümmel uns hat für Musik geben wollen, scheint mir ebenfalls ausgemacht. Man kann schwerlich im voraus bestimmen, wie viel oder wenig unser Ohr von Instrumental-Musik vertragen soll, denn Mozart hat die meisten seiner Vorgänger überboten, und es gab früherhin auch Kunstfreunde, die bei ihm über zu große Fülle klagten; und schon lange vor diesem hat der große Händel außerordentlich viele Instrumente in Anspruch genommen, um seine erhabenen Gedanken auszusprechen. Aber bei diesen war die Fülle der Töne doch Musik, ein Anschwellen, ein Heranbrausen, ein Abdämpfen und Zurücksinken in eine gewisse Stille und Ruhe, aber nicht dieses ununterbrochene, nie rastende Wüthen aller Kräfte ohne Vorbereitung, Inhalt und Bedeutung, welches nur betäuben kann, und dessen Macht und Gewaltsamkeit mehr erschreckt und ermüdet, als erhebt und erschüttert. Geht der berühmte neuere Componist hiebei nur gar zu oft auf leeren Effect und Schreckschuß aus, so wie manche Schauspieler und Schauspieldichter, wirkt er nur einzig und allein durch große Massen, so ist er zwar wohl nicht der Wandnachbar Rossini’s, aber sie reichen sich denn doch aus einer gewissen Entfernung befreundet die Hände und stehn sich nicht als feindliche Kräfte einander gegenüber. Wohl uns, daß unser hochgeehrter Maria Weber uns zu den schönsten Erwartungen berechtigt, der in dem, was er schon trefflich geleistet hat, so glänzend zeigt, wie viel er in Zukunft noch vermag.
Nun erhob sich die Tochter mit allen Tönen, und der Vater stand ihr bei, um den Laien in die Enge zu treiben, der ihre Lieblinge so keck angegriffen hatte, ohne doch vom Metier zu seyn, da er sein ehemaliges Violinspielen selber nicht in Anschlag zu bringen wage. Unter lautem Lachen wurde disputirt und behauptet, der Teufel sei ein- für allemal unmusikalisch, die Kugelgießerei und der Lärmen dabei schlimmer als was je auf dem Theater getobt, und der Musik, die ganz Deutschland wie verwirrt gemacht, fehle die Mannigfaltigkeit, ein heiteres Element, ja auch jene Ironie, wodurch Mozart erst seine ungeheure Dichtung des Don Juan zu diesem einzigen Werke gebildet habe, so daß bei diesem durch Gegensätze sich Inhalt und Behandlung rechtfertigen, was dort ganz aus der Acht gelassen sei.
Der Kapellmeister nahm sich des armen Laien, der hierauf wenig zu erwiedern wußte, oder den man vielmehr nicht zu Worte kommen ließ, freundlichst an, und meinte, eine Vergleichung auf diese Weise anzustellen, sei unbillig, weil das neue Kunstwerk gar nicht die Absicht habe, sich neben jenes ungeheure zu stellen. Ueberschreitet auch die angefochtene Scene, fuhr er fort, welche gerade die Menge herbei gelockt hat, die Gränzen der Musik, so ist doch übrigens des Vortrefflichen, des ächten Gesanges, des Neuen und Genialischen, vorzüglich aber des wahrhaft Deutschen, im besten Sinne, so viel, daß ich vollkommen in das Lob unsers unmusikalischen violinspielenden Laien einstimmen muß, der Manches wohl eben deswegen bestimmter empfindet und kecker ausspricht, weil er niemals vom Handwerk gewesen ist, und selbst nicht als Dilettant hinein gepfuscht hat, da er sich doch bescheidet, in die eigentlich grammatische Kritik einzugehn. Sollte keiner als nur Musiker mitsprechen dürfen, so würde ja auch für diese nur componirt, und das werden wir uns doch wohl, so wie alle Künstler, verbitten, nur für die Zunftgenossen zu arbeiten, um von ihnen empfunden und verstanden zu werden.
Könnte ich nur, fing der Laie wieder an, den sanften Genuß wieder haben, den mir ehemals die Lila des Martini gewährte. Diese idyllische, reine und heitere Musik wäre nach so manchem Ungethüm unsrer Theater eine wahre Erquickung. Wie würde ich mich freuen, Paisiello’s Barbier von Sevilla wieder zu vernehmen, und es kränkt mich innig, daß man eine solche Composition nicht als eine klassische verehrt, die nun einmal für allemal fertig ist, und an die sich keiner von Neuem wagen dürfte. Denn ist bei Rossini auch hier und da vielleicht ein Moment brillanter, so ist doch der dramatische Sinn des Ganzen, die Bedeutung untergegangen, und nichts gegeben, was sich dem Humor in der Rolle des Alten nur irgend vergleichen dürfte. Die Verwöhnung der gehäuften Instrumente läßt aber befürchten, daß man, wenn man auch einmal diese trefflichen alten Sachen geben möchte, Zusätze zur Begleitung macht, oder diese wenigstens verstärkt. Hier und da habe ich schon murmeln hören, daß Gluck dergleichen bedürfe. Mozarts Figaro ist schon in Violinen und andern Instrumenten doppelt so stark besetzt worden, als es der Componist vorgeschrieben hat, bei dieser heitern Musik um so unpassender, weil dadurch der Witz, das wundersam Leichte und Heitere des Gesanges gestört wird. Es ist, als wollte man treffliche Brillanten aus ihrer leichten Fassung nehmen, und sie, um sie zu ehren, in schweres Gold schmieden. Oder, als riefe man sich witzige und launige Einfälle durch ein Sprachrohr zu.
Man sang zum Beschluß noch Einiges, und die Gesellschaft trennte sich. Beim Abschiede sagte der Baron zum alten Italiener: auf Wiedersehn! Doch dieser schüttelte den Kopf, und wies mit dem Finger nach oben. Der Laie ging nach seinem Hause, weil es schon spät war, und er in der kalten Nacht an einem Abenteuer, an welches er nicht glauben mochte, nicht Theil nehmen wollte. Der Kapellmeister und der Graf wandelten aber mit dem wunderlichen Alten durch die ruhige Stadt, ließen sich das Thor öffnen, und begaben sich nun nach dem Tannenwalde, wo der Lebensüberdrüssige seine Laufbahn eigenmächtig zu vollenden drohte. Als sie unter den finstern Bäumen standen, sagte der Graf: nun, Alter, seid Ihr wieder gescheidt geworden, wollt Ihr nun nicht lieber zu Bette gehn?
In die Ewigkeit thu ich mich hinein legen, sagte der Italiener, und das liebe Vergessen, Ruhe, tiefer, tiefer Schlaf, werden wie Flaumen eines Daunenbetts um mich zusammen schlagen. Adieu, Eccellenza! lebt wohl, thörichter Kapellmeister, der Ihr die schöne Gelegenheit nicht benutzt, allen Euren Jammer, Partituren, Noten, Pausen, Tonarten, Sänger und Sängerinnen los zu werden. Nun laßt mir ein bissel noch über meinen Zustand nachdenken, und dann rufe ich Euch wieder; Kapellmeister kommandirt Eins, Zwei, Drei, und beim Worte Drei, deutlich ausgesprochen, langsam, feierlich, laut, daß liebe Echo auch etwas davon abkriegt und mitspricht, schieß ich mich die ganze Pistole in meinen dummen Kopf hinein.