Ihr werdet doch nicht, sagte der Kapellmeister, so abgeschmackt wie der Hanswurst in der Kreuzerkomödie sterben wollen?

Gerade so muß es geschehen, sagte der Alte, und legte sich in einen Sandgraben nieder. Die beiden Begleiter gingen tiefer in den Wald, die Nacht war still, kein Wind wehte, ein ganz leiser Hauch rührte zuweilen die Zweige an, so daß die Nadeln der Tannen in sanften Tönen lispelten, das Flüstern fortlief, und indem sich dann der Wald in allen Stämmen bewegte, wie ferner Orgelton verhallte. Feierlich genug ist die Stunde, sagte der Musiker. Eine wundersame Empfindung, erwiederte leise der Graf, hat den ganzen Abend in mir fort geklungen: vielleicht bin ich dem Tode näher, als jener alte Wahnsinnige, denn noch nie war mir mein Dasein so abgestanden und leer, so jedes Reizes entkleidet. Ich glaube nun auch, daß jenes himmlische Wesen, welches ich schon lange suche, gestorben ist. — Still! rief jener: hörten Sie nicht Musik? — Vielleicht die fernen Glocken.

Nein, sagte der Kapellmeister gehend: ich höre es deutlicher: und nun erinnere ich mich, hier wohnt der unkluge Alte nicht fern, in dessen Häuschen ich bei meiner Ankunft schon Morgens um fünf Uhr einen herrlichen Discant vernahm.

Der Graf war tief bewegt. Jetzt kommt! kommt! schrie der Italiener, mein Ermorden soll ein bischen seinen Anfang nehmen! Schießt Euch todt, oder hängt Euch! rief der Graf zurück, wir haben jetzt etwas Besseres zu thun, als Eure Possen anzuhören.

Sie gingen weiter, drängten sich durch Baum und Strauch, und der neugierige Italiener hatte sich zu ihnen gesellt. Jetzt tönte ihnen schon bestimmter der Gesang entgegen, und der Graf zerriß sich Hände und Gesicht, um nur aus den Gesträuchen zu kommen, in denen er sich aus Eifer immer tiefer verwickelte. Er drängte endlich hindurch und stand in der Nähe des Häuschens, dessen kleine Fenster erleuchtet waren. Der treffliche Psalm Marcello’s „Qual anhelante“ tönte ihnen voll und rein entgegen, so einfach, so edel vorgetragen, daß der Kapellmeister erstaunt und hingerissen kaum athmete. Sie ist es! sie ist es! meine Einzige! rief der Graf in der größten Erschütterung aus, und wollte sich dem Hause nähern, aber der Kapellmeister hielt ihn fest, klemmte sich an ihn, und warf sich dann zu seinen Füßen nieder, die er umarmte, und rief: o bester, glücklichster Graf! Heirathen Sie sie also, wie Sie gelobt haben; aber gönnen Sie mir vorher das einzige Glück, daß sie erst die Geliebte in meiner ruinirten Oper singt; dann will ich gern sterben, denn eine solche Stimme giebt es auf Erden nicht mehr.

Der Graf strebte zum Hause hin, und der Kapellmeister ließ endlich sein ungeduldiges Bein los. So wie er auf die Wohnung losstürzte und an die kleine Thür klopfte, verstummte der Gesang. Macht nicht so viel Umstände, sagte der Italiener, der Sing-Sang ist nicht der Mühe werth, man sieht wohl, daß ihr meine Selige nicht gekannt habt. Der Kapellmeister, der jetzt eben so außer sich war, wie der Graf selbst, klopfte mit diesem wetteifernd an die Thür, und da sich beide in den Kräften überboten und das Tempo immer schneller nahmen, so entstand dadurch ein sonderbares Concert in der ruhigen Nacht. Im Hause war Alles still, endlich aber schien man drinnen doch die Geduld verloren zu haben, denn ein Fenster öffnete sich und eine leise, heisere Stimme sagte: was giebt’s da? Seid ihr betrunken? Laßt uns ein! rief der Graf: hinein müssen wir! schrie der Kapellmeister: wo ist die Sängerin? der Graf: ich habe sie schon am Morgen neulich gehört, der Kapellmeister, als Ihr mir sagtet, es sei des Teufels Großmutter: aber hinein müssen wir! vereinigten sich nun beide. Seid ihr rasend? rief die erhöhte Stimme des Alten, und in diesem Augenblick schrie der Italiener lauter als Alle: Hortensio! Hortensio! haben wir Euch endlich erwischt? Nun bleib’ ich am Leben! Mag sich umbringen, wer Lust hat, ich halte mich an Euch, altes Fell!

Ich bin der Graf Alten, schrie der Liebhaber; ich der Kapellmeister! rief sein Begleiter, laßt uns nur hinein, daß wir die Sängerin sehn: kommt herab! rief der Italiener, daß wir beide unsre Bekanntschaft erneuern können.

Mein Himmel! ächzte der Greis, so nach tiefer Mitternacht? Meine guten Herren, wenn Sie bei mir was zu suchen haben, so kommen Sie doch morgen, wenn der Tag scheint.

Gut, sagte der Graf beruhigter, morgen früh! der Kapellmeister fand sich auch in den Vorschlag, und als sie friedlich wieder fortgingen, sagte der Italiener: ich bleibe die Nacht hier draußen und passe ihm auf. Morgen früh machen wir Alle unsern Besuch. —

Wie erstaunten, erschraken am folgenden Tage der Graf und der Musiker, als sie das Haus verlassen und öde fanden; noch vor Tage, sagte die alte Aufwärterin, seien die beiden Bewohner ausgezogen und haben in größter Eil alle Sachen fortschaffen lassen. Auch der Italiener zeigte sich nirgend.