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Ein schöner, heiterer Herbsttag war aufgegangen, die Sonne schien in dieser späten Jahreszeit noch so warm, wie im Sommer, und dies bestimmte den Laien mit seiner Tochter in das naheliegende Bergthal zu fahren. Auf einem kleinen Miethpferde sahen sie in der Entfernung den Enthusiasten auch mit nachflatterndem Kleide auf dieselbe Gegend zusprengen. Der Himmel verhüte nur, bemerkte der Laie zu seiner Tochter, daß der Schwätzer nicht ebenfalls in jenem Thale verweilt, weil er uns sonst mit seinen heftigen Reden und Schilderungen den Tag verderben würde.

Wir müssen uns schon darauf gefaßt machen, erwiederte die Tochter, denn er sagte mir neulich, daß er diese Gegend vorzüglich liebe und sie oft besuche.

Wie sind diese Menschen doch so lästig, fuhr der Laie fort, die eben, weil sie gar nichts empfinden, über Alles in Hitze gerathen können. Aber mehr noch, als bei Kunstwerken, stören sie mich in der Natur, die am meisten ein stilles Sinnen, ein liebliches Träumen erregt, in der ein vorüber schwebender Enthusiasmus und Behaglichkeit sich ablösen, und sie unsern Geist fast immer in eine beschauliche Ruhe versenken, in welcher Passivität und schaffende Thätigkeit eines und dasselbe werden: dazu der Anhauch einer großartigen Wehmuth in der Freude, so daß ich in der schönen Landschaft gegen diese beschreibenden Schwätzer oft schon recht intolerant gewesen bin.

Sie stören fast eben so sehr, wie die unerträgliche Musik, antwortete das Mädchen, da man so oft in der Nähe der Gebäude Tänze oder kreischende Arien vernehmen muß.

Als sie angekommen waren, sprang ihnen der berührige Enthusiast schon aus dem Hause entgegen. O wie schön, rief er aus, daß Sie diesen herrlichen Tag auch benutzen, der wahrscheinlich der letzte helle dieses Jahres ist. Lassen Sie uns nur gleich an den murmelnden Bach gehn, und dann von der Höhe des Berges das Thal überschauen. Es ist eine Wonne, die Schwingungen der Hügel, den kleinen Fluß, das herrliche Grün und dann die Beleuchtung zu sehn und zu fühlen. Giebt es wohl ein Entzücken, das diesem gleich oder nur nahe kommen kann?

Ich will mit Ihnen gehen, erwiederte der Laie, aber nur unter der Bedingung, daß Sie mich mit allen Schilderungen und begeisterten Redensarten verschonen. Wie können Sie überhaupt nur immer so vielen Enthusiasmus verbrauchen? Es ist nicht möglich, wie Sie auch neulich gestanden haben, daß Sie so viel empfinden.

Bei der Kunst, sagte der Enthusiast, setzt man freilich wohl hie und da, dem Künstler zu gefallen, etwas zu, aber in der himmlischen Natur — nein! da kann doch keine Zunge Worte genug finden, um nur einigermaßen das wiederzugeben, was im Herzen aufgeht. Ich habe es aber schon seit lange bemerkt, daß Sie kein großer Freund der Natur sind, denn wie konnten Sie nur sonst, wie ich schon so oft gesehen habe, daß Sie thun, beim schönsten Frühlingswetter in das dumpfe Theater kriechen, um eine Oper zu hören, oder sogar ein mittelmäßiges Schauspiel zu sehn, über welches Sie nachher selber Klage führen?

Weil es mir an solchem Tage, antwortete jener, darum zu thun ist, ein Schauspiel zu sehn, und ich dies mit dem Genusse der Natur dann nicht vereinigen kann und mag. Auch gestehe ich Ihnen, daß ich oft in der schönsten Natur bin, ohne sie mit den geschärften Jäger-Augen in mein Bewußtsein aufzunehmen, wenn mich ein heiteres Gespräch beschäftigt, oder ich auf einsamem Spaziergang etwas sinne, oder ein Buch meine Aufmerksamkeit fesselt. Glauben Sie nur, unbewußt, und oft um so erfreulicher, spielt und schimmert die romantische Umgebung doch in die Seele hinein. Wenn wir uns überhaupt immer so sehr von Allem Rechenschaft geben sollen, so verwandelt sich unser Leben in ein trübseliges Abzählen, und die feinsten und geistigsten Genüsse entschwinden.

Hm! Sie mögen nicht ganz Unrecht haben, sagte der Enthusiast nachsinnend: wenn ich nur nicht einmal den Charakter der Heftigkeit angenommen hätte und bei allen meinen Bekannten als ein Eiferer gölte, so wollte ich mir das Wesen wieder abzugewöhnen suchen. Es ist aber denn doch auch fatal, wenn man, so wie Sie, für einen Phlegmatiker gilt. Da Sie also nichts von Naturbegeisterung hören wollen, so will ich Ihnen lieber erzählen, daß ich schon vorhin, ehe Sie kamen, eine sonderbare Erscheinung hier bemerkt habe. Ein junges, wunderschönes Mädchen stand dort oben auf dem Hügel, sah immerdar auf den Weg hin, der zur Stadt führt, und weinte dann heftig. Sie erregte mein lebhaftestes Mitgefühl, ich ging zu ihr, aber so sehr ich auch in sie drang, so konnte ich sie doch nicht bewegen, mir eine vernünftige Antwort zu geben, oder mir zu erzählen, was sie hier mache, wie sie hergekommen sei und wen sie hier erwarte. Und ich war doch so ganz außerordentlich neugierig, vorzüglich, weil ich dies junge, außerordentlich reizende Frauenzimmer neulich schon bei unserm Baron in der Gesellschaft gesehen habe, wo sich der verwirrte melancholische Graf viel mit ihr zu schaffen machte. — Sehn Sie, sie steigt schon wieder den Hügel hinan, um ihre Beobachtungen anzustellen.