Mit Zierlichkeit und Grazie schwebte die Gestalt die grüne Anhöhe hinauf, und ihre vollen, braunen Locken, ihr leuchtendes Auge, das einfache Gewand und die Geberde wirkten mit unbeschreiblichem Zauber in der anmuthigen Landschaft. Die Tochter fühlte sich bewegt, als sie das schöne Wesen wieder weinen sah, die Thränen stiegen ihr selbst in die Augen, als die Unbekannte jetzt im Ausdruck des höchsten Schmerzes die Hände rang, und sich jammernd auf den Rasen niedersetzte. Lassen Sie uns hinauf steigen, sagte der Laie, das arme Wesen bedarf unsers Trostes und Beistandes, meine Tochter soll sie anreden, wir aber, Herr Kellermann, wollen uns fürs erste schweigend verhalten, und die Betrübte am wenigsten mit zudringlichen Fragen ängstigen. Die Tochter ging zu ihr, und die Fremde bekannte, daß sie ihren alten Vater aus der Stadt erwarte, und nicht begreife, wie er so lange zögern könne, da er ihr diesen Ort angewiesen habe, wo sie zusammen treffen wollten, um weiter zu reisen.
Sie wollen also unsre Gegend verlassen, fragte der Laie, da Sie doch, so viel ich weiß, nur kürzlich angekommen sind?
Ach! mein Herr, antwortete die schöne Fremde klagend, mein lieber Vater leidet schon seit lange an einer schweren Melancholie, an Menschenfeindschaft und tiefem Lebensüberdruß, so zieht er seit einigen Jahren von Ort zu Ort, verarmt immer mehr, wird immer kränker, versagt sich selbst alle Hülfe, und will auch mir das Glück nicht gönnen, ihm beizustehn, da ohne diesen starren Willen meine Talente sein Leben wohl unterstützen könnten. Denn mein Gesang und die Musik überhaupt machen das Unglück meines Lebens.
Sie singen also doch? fragte der Laie sehr lebhaft.
Meine Trauer, mein tiefer Schmerz, erwiederte die schöne Klagende, sind Schuld, daß ich mein Gelübde gebrochen habe. Ich habe meinem Vater geloben müssen, niemals zu gestehen, daß ich singe, auch niemals, außer wenn er zugegen ist, und es mir erlaubt, einen Ton anzuschlagen. Wir wohnten deshalb von der Stadt entfernt, wir vermieden allen Umgang, nur neulich war ich zufällig im Hause des Baron Fernow, wo ein Fremder, ein feiner, anständiger Mann mich über die Gebühr mit Fragen und Aufforderungen zum Singen ängstigte. In der letzten Nacht, als ich, wie ich glaube, in der höchsten Einsamkeit einen Psalm Marcello’s einübe, entsteht vor dem Hause ein Getümmel, wir halten die Leute für Räuber oder Trunkene, der Graf nennt sich endlich, und will eingelassen seyn, noch einige Andere toben eben so laut, und mein Vater kann sie endlich nur beruhigen, indem er ihnen verspricht, am Morgen ihren Besuch anzunehmen. Kaum sind sie fort, so muß Alles in der größten Eile eingepackt werden, noch in der Nacht werden Fuhrleute gemiethet, unsre wenigen Sachen hieher zu fahren, am Morgen muß ich nachreisen, und er verspricht, in wenigen Stunden ebenfalls hier zu seyn, weil er in der Stadt noch unsere Reisepässe besorgen müsse. Hier erwarte ich ihn nun schon manche Stunde, gewiß ist er krank, ein Unglück ist ihm zugestoßen, und ich weiß in meiner Angst nicht Rath noch Hülfe; wo soll ich ihn wieder finden?
Der Laie suchte sie zu beruhigen. Er schlug vor, im Gasthause bis nach Tische den Alten zu erwarten, dann solle sie mit ihm und seiner Tochter zurück fahren, da nur ein Weg zur Stadt führe, so müßten sie dem Vater begegnen, wäre dies nicht der Fall, so solle die Fremde in seinem Hause absteigen, indessen er selbst Erkundigungen einzöge. Auf sein eindringliches Zureden und der Tochter schmeichelnde Liebkosungen wurde sie ruhiger und ging mit ihnen in den Gasthof. Bei Tische wurde man sogar guter Laune, nur verweigerte die Fremde auf die unbescheidene Bitte des Enthusiasten, zu singen, weil dies gegen ihr heiliges Versprechen laufe. Man sprach dann viel über die neulichen Musikstücke, die der Kapellmeister im Hause des Barons habe probiren lassen, sie lobte die Composition als großartig, tadelte aber die Manier der Sänger. Es kann seyn, beschloß sie ihre Kritik, daß ich hierüber völlig im Irrthum bin, aber nach den Grundsätzen meines Vaters, und nach der Gesangsweise, die ich nach seinem Unterricht ausüben muß, ist jene Manier eben so klein als willkührlich. Ja, dürfte ich einmal (aber dazu ist mein Vater auf keine Weise zu bewegen) eine Opern-Rolle, wie diese des Kapellmeisters singen, so schmeichle ich mir, daß ich eine große Wirkung hervor bringen würde, und vielleicht um so größer, weil diese Art jetzt ganz vergessen ist und die Neuheit um so mehr erschüttern möchte.
Wenn Sie diejenige sind, erwiederte der Laie, für welche ich Sie jetzt halten muß, so können Sie einen gewissen enthusiastischen Mann, wenn es übrigens Ihre Gesinnung erlaubte, unbeschreiblich glücklich machen.
Die Schöne wurde roth, und der Enthusiast Kellermann, so wie er das Wort enthusiastisch nennen hörte, sprang eilig herbei und rief: ja gewiß, Verehrte! wie könnte mein Herz wohl so vielfach vereinigtem Zauber widerstehn?
Gebt Euch keine unnütze Mühe, rief der Laie laut lachend, ich meine jenen sonderbaren Grafen, den wir Alle kennen. Ich hoffe einen beglückenden Ausgang weissagen zu dürfen.
Die Schöne wollte sich auf keine nähern Erörterungen einlassen; lobte aber nachher im Verlauf des Gespräches den jungen Grafen als einen schönen und verständigen Mann, der sie auch in der Gesellschaft am meisten interessirt habe.