Ja wohl! rief der alte Walther aus, wenn es nicht von Rafaels Händen war, wie einige behaupten wollen, so war es wenigstens von einem vorzüglichen Meister, der nach diesem Muster die Kunst mit Glück studirt hatte. Wenn einige Neuere von der Kunst des Portraitirens als von einer geringen Sache sprechen wollten, oder die gar den Maler erniedrige, so durfte man sie nur vor dieses wunderwürdige Bildniß führen, um sie zu beschämen.

Wie, sagen Sie, so wandte sich der Fremde lebhaft zum alten Rath, es sind außer diesem trefflichen Stück noch andere merkwürdige Gemälde verloren gegangen? Auf welche Weise?

Ob verloren, sagte Walther, kann man so eigentlich nicht sagen; aber sie sind unsichtbar geworden, und vielleicht in’s ferne Ausland verkauft. Mein Freund, der Herr von Essen, der Vater des jungen Menschen, den Sie neulich in meinem Saale trafen, wurde mit zunehmendem Alter launenhaft und wunderlich. Die Liebe zur Kunst hatte uns befreundet, und ich kann sagen, daß ich sein ganzes Vertrauen besaß. Wir ergötzten uns an unsern Sammlungen, und die seinige übertraf damals bei weitem die meinige, die ich erst durch die Nachläßigkeit seines Sohnes so ansehnlich habe vermehren können. Wenn wir uns einmal ein rechtes Fest geben wollten, so setzten wir uns in sein Cabinet, in welchem die ausgesuchtesten seiner Werke versammelt waren. Diese hatte er mit vorzüglich prächtigen Rahmen einfassen lassen, und sie sinnreich bei einer sehr vortheilhaften Erleuchtung geordnet. Außer jenem Portrait sah man dort eine so unvergleichliche Landschaft von Nicolas Poussin, wie mir noch nie eine vorgekommen ist. Im sanften Abendlicht fuhr Christus mit seinen Jüngern auf dem Wasser. Die Lieblichkeit des Wiederscheins der Häuser und Bäume, die klare Luft, die Durchsichtigkeit der Wellen, der edle Charakter des Erlösers und die himmlische Ruhe, die über dem Ganzen schwebte und unser Gemüth wie in Wehmuth und friedlicher Sehnsucht auflöste, ist nicht zu beschreiben. Daneben hing ein Christus mit der Dornenkrone von Guido Reni, von einem Ausdrucke, wie ich ihn seitdem auch nicht wieder gesehen habe. Der alte Freund wollte sonst in seinem Eigensinne den trefflichen Guido vielleicht zu wenig gelten lassen; aber vor diesem Bilde war er immer entzückt, und es ist wahr, man sah es, so oft man es sah, jedesmal von Neuem; die vertraute Bekanntschaft mit ihm erhöhte nur den Genuß, und ließ immer neue, noch geistigere Schönheiten entdecken. Dieser Ausdruck der Milde, des ergebenen Duldens, der himmlischen Güte und des Verzeihens mußten auch das starrste Herz durchdringen. Es war nicht jene gesteigerte Leidenschaftlichkeit, wie man wohl in andern ähnlichen Bildern des Guido wahrnimmt, und die uns bei trefflicher Behandlung des Gegenstandes doch eher zurück stößt, als anzieht, sondern es war das süßeste, wie das schmerzlichste Gemälde. Durch die zarten Fleischpartien unter Wange, Kinn und Auge sah und fühlte man den ganzen Schädel, und dieser Ausdruck des Leidens erhöhte nur die Schönheit. Gegenüber war eine Lukretia von demselben Meister, die sich mit starkem vollen Arm den Dolch in den schönen Busen stieß. In diesem Bilde war der Ausdruck groß und kräftig, die Farbe unvergleichlich. Eine Mutter, die dem schlafenden Kinde das Tuch vom nackten Körper nimmt, und Joseph und Johannes den Schläfer betrachtend, die Figuren lebensgroß, waren von einem alten römischen Meister so herrlich und graziös dargestellt, daß jede Beschreibung nur unzulänglich ist. Aber wohl möchte ich Worte suchen, um auch nur eine schwache Vorstellung von dem einzigen Van Eyck zu geben, einer Verkündigung, welche doch vielleicht die Krone der Sammlung war. Hat sich die Farbe je als eine Tochter des Himmels verherrlicht, ist mit Licht und Schatten jemals gespielt, und im Spiel die edelste Rührung der Seele erweckt worden, haben Lust, Begeisterung, Poesie und Wahrheit und Adel sich je in Figuren und Färbung auf eine Tafel gelegt, so war es in diesem Bilde geschehen, welches mehr als Malerei und Zauber war. Ich muß abbrechen, um mich nicht selbst zu vergessen. Diese Bilder waren die vorzüglichsten; aber ein Hemling, ein herrlicher Annibal Carracci, ein kleines Bild, Christus zwischen den Kriegsknechten, eine Venus, vielleicht von Titian, wären wohl noch der Erwähnung werth, und kein Bild war in diesem Cabinet, das nicht jeden Freund der Kunst beglückt hätte. Und, denken Sie, fassen Sie die Sonderbarkeit des Alten, kurz vor seinem Tode sind alle diese Stücke verschwunden, ohne Spur verschwunden. Hat er sie verkauft? Er hat nie diese Frage beantwortet, und seine Bücher hätten es nach seinem Tode ausweisen müssen, die aber nichts davon sagten. Hat er sie verschenkt? Aber wem? Man muß fürchten, und der Gedanke ist herzzerreißend, er hat sie in einer Art von wahnsinniger Schwermuth, weil er sie wohl keinem andern Menschen auf Erden gönnen mochte, kurz vor seinem Tode vernichtet. Vernichtet! Fassen Sie es, begreift ein Mensch diese furchtbare Abwesenheit, wenn mein Verdacht gegründet ist?

Der Alte war so erschüttert, daß er seine Thränen nicht zurück halten konnte, und Eulenböck zog ein ungeheures gelbseidenes Tuch aus der Tasche, um in auffallender Rührung sein dunkelrothes Gesicht abzutrocknen. Erinnern Sie sich wohl noch, hub er schluchzend an, des sonderbaren Bildes von Quintin Messys, auf dem ein junger Schäfer und ein Mädchen in seltsamer Tracht abgebildet waren, beide herrlich ausgearbeitet, und wovon er behauptete, die Figuren sähen seinem Sohne und Ihrer Tochter ähnlich.

Die Aehnlichkeit war damals auffallend, erwiederte Erich. Sie haben aber noch den Johannes zu nennen vergessen, der wenigstens mit dem Guido wetteifern konnte. Dies Bild war vielleicht von Domenichino, wenigstens war es jenem berühmten äußerst ähnlich. Dieser Blick des Jünglings nach dem Himmel, die Begeisterung, die Sehnsucht, zugleich die Wehmuth, daß er schon das Göttliche auf Erden gesehen, als Freund umarmt und als Lehrer verstanden hatte, dieser Wiederschein einer entschwundnen Vergangenheit im Spiegel des edeln Antlitzes war rührend und erhebend. — O, wenige von diesen Bildern könnten den jungen Mann retten und wieder wohlhabend machen.

Wäre doch Alles an ihm verloren, rief Eulenböck aus. Er würde es doch nur wieder vergeuden. Was habe ich nicht an ihm ermahnt! Aber er hört auf den ältern Freund und die Stimme der Erfahrung nicht. Nun endlich, da ihm das Wasser doch wohl mag an die Seele gehen, ist er in sich geschlagen; er sah, daß ich über sein Unglück bis zu Thränen gerührt war, da hat er mir in meine Hand versprochen, sich von Stund an zu bessern, zu arbeiten und ein ordentlicher Mensch zu werden. Wie ich ihn hierauf gerührt umarme, reißt er sich lachend los und ruft: aber erst vom heiligen Dreikönigs-Abend an soll dieser Vorsatz gelten, bis dahin will ich noch lustig seyn und in der alten Bahn fortlaufen! Was ich auch sagen mochte, Alles war umsonst; er drohte, wenn ich ihm nicht seinen Willen ließe, die ganze Besserung wieder aufzugeben. — Ei nun, das Fest ist in einigen Tagen, die Frist ist nur kurz; Sie können aber wenigstens daraus sehen, wie wenig auf seine guten Vorsätze zu bauen ist.

Von jeher, sagte Sophie, ist er zu sehr mit frommen Leuten umgeben gewesen; aus Widerspruch hat er sich auf die andre Seite gewandt, und so hat freilich sein Eigensinn verhindert, daß der Umgang mit den Tugendhaften ihm hat nützlich werden können.

Sie haben gewissermaßen Recht, rief der alte Maler. Hat er sich nicht von dem Pietisten, dem langweiligen alten Musikdirektor Henne seit einiger Zeit wie belagern lassen? Aber ich versichere Sie, dessen trockne Predigten können unmöglich an ihm haften; auch wird der Alte beim dritten Glase betrunken, und so kommt er aus dem Text.

Er hat es zu arg getrieben, bemerkte der Wirth: dergleichen Menschen, wenn Unordnung und Verschwendung erst ihre Lebensweise geworden sind, können sich niemals wieder zurecht finden. Das rechtliche, wahre Leben erscheint ihnen gering und bedeutungslos; sie sind verloren.

Sehr wahr, sagte Eulenböck: und um Ihnen nur ein auffallendes Beispiel seiner Raserei zu geben, so hören Sie, wie er es mit seiner Bibliothek anfing. Er erbte eine unvergleichliche Büchersammlung von seinem würdigen Vater; die herrlichsten Ausgaben der Classiker, die größten Seltenheiten der italienischen Literatur, die ersten Ausgaben des Dante und Petrarca, nach denen man auch wohl in berühmten Städten umsonst fragt. Nun fällt es ihm ein, er müsse einen Secretär haben, der zugleich diese Bibliothek in Ordnung halten solle, die neu angekauften Werke in das Verzeichniß eintragen, die Werke systematisch aufstellen und dergleichen mehr. Ein junger wüster Mensch meldet sich zu diesem wichtigen Amte, und wird auch gleich angenommen, weil er zu schwatzen weiß. Zu schreiben ist nicht viel, aber trinken muß er lernen, und der Unterricht schlägt bei dem lockern Vogel an. Das wilde Leben nimmt gleich seinen Anfang; alle Tage toll und voll, Bälle, Maskeraden, Schlittenfahrten, die halbe Stadt frei gehalten. So fehlt es denn nun schon nach einem halben Jahre, als der junge Gelehrte sich seinen Gehalt ausbittet, an baarem Gelde. Man fällt auf den Ausweg, daß er für den Gehalt des ersten Jahres an Büchern nach einer billigen Taxe nehmen dürfe. Herr und Diener kennen aber den Werth der Sachen nicht, die auch nur für den Kenner kostbar sind, und deren finden sich nicht auf allen Gassen. Die theuersten Werke werden ihm also lächerlich wohlfeil überlassen, und da man die Auskunft einmal gefunden hat, so wiederholt sich das Spiel immer wieder, und um so öfter, da der neue Günstling zuweilen Gelegenheit hat, für seinen Patron baare Auslagen zu machen, die ihm in Büchern wieder erstattet werden. So fürchte ich, sind von der Büchersammlung vielleicht nur noch die Schränke übrig geblieben.