Ich weiß am besten, sagte der Rath, wie unverantwortlich man mit den Büchern umgegangen ist.
Das sind ja alles erschreckliche Geschichten, sagte Sophie: wer möchte sie nur von seinem Feinde so wieder erzählen?
Das Schlimmste aber, fuhr Eulenböck fort, war denn doch seine Leidenschaft für die berüchtigte schöne Betty; denn diese that das im Großen, was alle seine übrigen Thorheiten an seinem Wohlstand nur im Kleinen vernichten konnten. Sie hat auch seinen Charakter zu Grunde gerichtet, der sich ursprünglich zum Guten neigte. Er ist gutherzig, aber schwach, so daß Jeder, welcher sich seiner bemächtigt, aus ihm machen kann, was er will. Meine gutgemeinten Worte verschollen nur in den Wind. Bis in die tiefe Mitternacht hinein habe ich zuweilen auf die eindringlichste Art gesprochen, aber es war nur Schade um alle meine Ermahnungen. Sie hatte ihn so in Stricken, daß er selbst seine redlichsten und ältesten Freunde um ihrerwillen mißhandeln konnte.
Indem erhob man sich von der Tafel, und während der gegenseitigen Begrüßungen nahm Sophie die Gelegenheit wahr, indem sie dem alten Maler die Hand reichte, der sie ihr zierlich küßte, ihm deutlich zuzuflüstern: o Sie abscheulichster von allen abscheulichen Sündern, Sie undankbarer Heuchler! Wie kann es Ihr verkehrtes Herz über sich gewinnen, den öffentlich zu lästern, von dessen Wohlthaten Sie sich bereichert haben, dessen Leichtsinn Sie benutzen, um ihn mit andern Gehülfen elend zu machen? Bisher habe ich Sie nur für abgeschmackt, aber gutmüthig gehalten; ich sehe aber, daß Sie nicht ohne Ursache eine wahre Teufels-Physiognomie tragen! Ich verabscheue Sie! — Sie stieß ihn mit Bewegung zurück, und eilte dann aus dem Zimmer.
Die Gesellschaft ging in den Bildersaal, wo der Kaffee herum gereicht wurde. Was war denn meiner Tochter? fragte der Rath den Maler: sie schien so eilig und hatte Thränen im Auge.
Ein gutes, liebes Kind, schmunzelte Eulenböck. Sie sind recht glücklich, Herr Geheimer Rath, bei diesem empfindsamen Herzen Ihrer Tochter. Sie war so liebevoll um meine Gesundheit besorgt; sie findet meine Augen entzündet, und meinte gar, ich könnte erblinden: darüber ist sie denn so gerührt worden.
Ein treffliches Kind! rief der Vater aus: wenn ich sie nur erst gut versorgt sähe, daß ich in Frieden sterben könnte. Der Fremde war noch zurück geblieben, um das neue Gemälde in Augenschein zu nehmen, welches Erich ihm im Speisezimmer zeigte; jetzt kam er mit diesem zur Gesellschaft und Dietrich folgte. Sie waren Alle im lebhaften Gespräch begriffen; der Fremde tadelte den Gegenstand, welchen Dietrich vertheidigen wollte. Wenn Teniers und ähnliche Niederländer, sagte der letztere, die Versuchung des heiligen Antonius komisch und fratzenhaft dargestellt haben, so ist diese Laune ihrer Stimmung zu vergeben, so wie ihrem Talent nachzusehen, da sie das Würdige nicht zu erschaffen wußten. Der Gegenstand aber fordert eine ernste Behandlung, und dem alten deutschen Meister dort ist sie ohne Zweifel gelungen; wenn der Beschauer nur unpartheiisch seyn kann, so wird er sich von seinem Bilde angezogen und befriedigt fühlen.
Dieser Gegenstand, nahm der Fremde das Wort, ist keiner für die bildende Kunst. Die ängstigenden Träume eines wahnsinnigen Alten, die Gespenster, die er in seiner Einsamkeit sieht, und die ihn durch falschen Reiz oder Entsetzen von seiner melancholischen Beschaulichkeit abziehen wollen, können nur in das Gebiet fratzenhafter Phantome fallen, und auch nur phantastisch dargestellt werden, wenn es überhaupt erlaubt seyn soll. Dagegen dort die weibliche Gestalt, welche sich edel zeigen will und zugleich reizend, eine enthüllte Schönheit in der Fülle der Jugend, und die doch nur ein verkleidetes Gespenst ist; die wilden Gestalten umher, die durch den grellen Contrast sie noch mehr hervorheben, das Entsetzen des Alten, der sich im Vertrauen wieder zu finden sucht, diese Vermischung der widersprechendsten Gefühle ist durchaus widersinnig, und Schade um Talent und Kunst, die sich an dergleichen abarbeitend verschwenden und vernichten.
Ihr Zorn, sagte Dietrich, enthält das schönste Lob des Bildes. Ist denn nicht Alles, was den Menschen versucht, nur Gespenst, in die lockende Gestalt der Schönheit verhüllt, oder sich scheinbar mit nichtigem Entsetzen verpanzernd? Sollte eine Darstellung, wie jene, nicht gerade in unsern neuesten Tagen eine doppelte Bedeutung erhalten? Allen kommt diese Versuchung, die sich noch ihres Herzens nicht ganz bewußt sind; aber in jenem Heiligen sehen wir den festen und reinen Blick, der über die Furcht erhaben ist, und längst die wahre unsichtbare Schönheit kennt, um Grauen und geringe Lüsternheit von sich zu weisen. Das wahre Schöne führt uns in keine Versuchung; das, was wir wirklich fürchten dürfen, erscheint nicht in Larve und Unform. Das Bestreben jenes alten Meisters läßt sich daher vor dem gebildeten Sinne rechtfertigen; nicht so Teniers und seines Gleichen.
Das Tolle, das Alberne und Abgeschmackte ist ein Unendliches, rief der Unbekannte: es ist es eben dadurch, daß es sich in keine Gränze fassen läßt, denn durch die Schranke wird alles Vernünftige: das Schöne, Edle, Freie, Kunst und Enthusiasmus. Weil sich aber etwas Ueberirdisches, Unaussprechliches beimischt, so meinen die Thoren, es sei das Unbedingte, und sündigen im angemaßten Mystizismus in Natur und Phantasie hinein. Sehn Sie diesen tollen Höllenbreughel hier am Pfeiler? Weil sein Auge gar keinen Blick mehr hatte für Wahrheit und Sinn, weil er sich ganz von der Natur lossagte, und Aberwitz und Unsinn ihm als Begeisterung und Verständniß galten, so ist er mir vom ganzen Heere der Fratzenmaler geradezu der liebste, da er ohne Weiteres die Thüre zuschlug und den Verstand draußen ließ. Sehn Sie den Riesensaal von Julio Romano in Mantua, seine wunderlichen Aufzüge mit Thieren und Centauren und allen Wundern der Fabel, seine Bacchanalien, seine kühne Vermischung des Menschlichen, Schönen, Thierischen und Frechen; vertiefen Sie sich in diese Studien, dann werden Sie erst wissen, was ein wirklicher Poet aus diesen sonderbaren und unverstandenen Stimmungen unsers Gemüthes machen kann und darf, und wie er im Stande ist, auch in diesem, aus Träumen geflochtenen Netz, die Schönheit zu fangen.