So gut, sagte der Alte, hätte es uns schon seit manchem Jahre werden können, aber Du hast es dazumal verschmäht. Worin ich Dir nur irgend helfen kann, darfst Du sicher auf mich rechnen. Jetzt aber will ich doch, Neugierde halber, noch einmal meine Papiere ansehen, ob ich denn doch von dieser Schuld gar keine Nachricht finden sollte.

Er ließ die beiden jungen Leute allein, die sich erst eine Weile stillschweigend ansahen, und sich dann in die Arme flogen. Sie hielten sich lange umschlossen, dann machte sich Sophie gelinde los, entfernte den Jüngling und sagte, indem sie ihm mit Munterkeit in’s Auge sah: wie widerfährt mir denn das? Eduard, was soll uns denn das bedeuten?

Liebe, rief Eduard, Glück und ewige Treue! Sieh, liebstes Kind, ich fühle mich, wie von einem schweren Traum erwacht. Das Glück, das mir so nahe vor den Füßen lag, das mir mein redlicher Vater schon an Deiner Wiege zugedacht hatte, stieß ich wie ein ungezogener Knabe von mir, um mich der Welt und mir selbst verächtlich zu machen. Hast Du mir denn vergeben, holdseliges Wesen? Kannst Du mich denn lieben?

Ich bin Dir recht von Herzen gut, Du mein alter Spielkamerad, sagte Sophie: aber glücklich sind wir darum noch nicht.

Was kann uns noch im Wege seyn! rief Eduard aus. O wie tief beschämt es mich, daß ich Deinen edeln Vater so sehr habe verkennen mögen! Wie gütig er mir entgegen kommt! Wie herzlich er mich als Sohn an seine Brust drückt!

Ja, Du wunderlicher Kauz, lachte Sophie auf, das ist ja aber nicht so gemeint. Aber der bleibt zeitlebens unbesonnen, und hat gleich die Rechnung ohne den Wirth gemacht! Davon wird der Papa, so gut er auch seyn mag, nicht eine Sylbe hören wollen. Auch müssen wir beide uns ja erst näher kennen lernen. Freund, das sind Sachen, die sich noch in die Jahre hinaus verziehen können. Und während der Zeit sattelst Du auch vielleicht wieder um, und lachst dann in Deiner lustigen Gesellschaft über meinen Gram und meine Thränen.

Nein! rief Eduard und warf sich vor ihr nieder: verkenne mich nicht, sei so gut und lieb, wie Dein Auge verspricht! Und ich fühle es, Dein Vater wird sich unsers Glückes freuen, er wird unsern Bund segnen! Er umfaßte sie heftig, ohne zu bemerken, daß der Vater schon wieder hinter ihm stand. Was ist das, junger Herr? rief der Alte erzürnt aus: den Bund segnen? Nein, vertreiben, aus seinem Hause verbannen wird er den lockern Zeisig, der so sein Vertrauen und seine Neigung zu ihm mißbrauchen will.

Eduard war aufgestanden und sah ihm ernst in’s Auge. Sie sind nicht gesonnen, mir Ihre Tochter zur Frau zu geben? fragte er mit ruhigem Tone.

Was! rief der Alte mit der größten Ungeduld, seid Ihr rasend, Patron? Einem Menschen, der den Nachlaß seines Vaters, die kostbarsten Bilder verkauft und verschleudert hat? Und wenn Ihr ein Millionär wäret, ein so gefühlloser Mensch erhielte sie niemals! Ei, da würde es nach meinem Tode, vielleicht schon während meinen letzten Tagen, an ein herrliches Ausbieten meiner Schätze gehen, da würden die Bilder in alle vier Ecken der Welt fliegen, daß ich keine Ruhe in meinem Grabe hätte. Klug ist er aber, der saubre Herr. Macht mich erst recht treuherzig, bringt mir mit herrlicher Großmuth ein altes Schuldblatt seines Vaters, das er mir noch bezahlen will, kirrt mich in die Rührung hinein, damit ich nur noch großmüthiger, noch edler und heroischer werden, und ihm meine Tochter an den Hals werfen soll. Nein nein, mein junger Herr, so leicht hat er das Spiel bei mir nicht gewonnen. Die Schuld ist kassirt, ich finde keine Spur davon in meinen Büchern, und selbst, wie ich schon sagte, wenn es wäre. Auch will ich Ihm helfen, wie ich versprach, mit Rath und That, mit Freundschaft und Geld, so viel Er nur billigerweise verlangen kann. Aber mein Kind laß Er mir aus dem Spiele, und darum verbitt’ ich mir in Zukunft Seine Gegenwart in meinem Hause. Auch mag sie Ihn gar nicht, so wie ich sie kenne. Sprich, Sophie, wärst Du wohl im Stande, Dich mit einem solchen Thunichtgut einzulassen?

Ich mag gar noch nicht heirathen, sagte Sophie, und diesen wohl am wenigsten, der zu allen Dingen in der Welt besser, als zu einem Ehemann paßt. Halb schmerzhaft und doch lächelnd warf sie dem Jüngling einen scheidenden Blick zu und verließ den Saal. Sophie! rief Eduard aus und wollte ihr nacheilen: wie kannst Du diese Worte sprechen? Der Alte hielt ihn am Kleide fest und machte Miene, ihm noch eine lange Ermahnung zu halten; doch Eduard, der nun die Geduld völlig verloren hatte, nahm seinen Hut, stellte sich vor den Vater und sagte mit einer Stimme, die von Zorn und Schluchzen unterdrückt war: ich gehe, alter Herr, und komme nicht, merken Sie sich das! in Ihr Haus zurück, bis Sie mich rufen lassen! bis Sie mich selber wieder hieher zurück rufen! Ja, bis Sie mich inständig bitten, Ihre Wohnung nicht zu verschmähen! Es kann mir nicht fehlen; Talente, gute Aufführung, Kenntnisse, sie bahnen mir den Weg zu den höchsten Ehrenstellen. Dem Prinzen bin ich schon empfohlen. Das ist aber nur die erste und kleinste Staffel meines Glücks! Ganz andre Wege müssen sich mir eröffnen. Und wenn dann die Stadt es sich zur Ehre rechnet, mich geboren zu haben, wenn ich diese jetzige Stunde ganz vergessen habe, dann sende ich irgend einen Vertrauten von Ansehn zu Ihnen, und lasse unter der Hand anfragen, wie es um Ihre Tochter steht: dann fallen Sie aus den Wolken, daß ich noch an Sie denke, Sie falten andächtig die Hände, daß sich Ihnen die Möglichkeit zeigt, einen solchen Schwiegersohn zu erhalten, — und so, gerade so wird es kommen, und auf diese Weise werde ich Sie zwingen, mir Ihre Tochter zu geben.