Er stürzte fort, und der Vater sah ihm mit zweifelndem Blicke nach und murmelte: nun ist er gar verrückt geworden.
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Im Freien, als dem jungen Manne ein heftiges Schneegestöber entgegenschlug, verkühlte sich seine sonderbare Hitze; er mußte über seine Heftigkeit und jene unsinnigen Reden erst lächeln, dann laut lachen, und als er sich in seiner Wohnung befand, kam er beim Umkleiden völlig zur Besinnung. Dieser Tag war für ihn von der höchsten Wichtigkeit, denn die Stunde war jetzt da, in welcher er sich dem Prinzen, der unterdessen, wie man ihm gesagt hatte, angelangt war, vorstellen sollte. Die Kleider, welche er jetzt anlegte, hatte er lange nicht getragen, mit solcher Aufmerksamkeit hatte er sich noch nie im Spiegel betrachtet. Er musterte seine Gestalt, und konnte sich nicht verhehlen, daß er gut gewachsen, daß sein Auge feurig, sein Gesicht anmuthig und die Stirne edel sei. Mein erster Anblick, sagte er zu sich selbst, wird ihm wenigstens nicht mißfallen. Alle Menschen, selbst diejenigen, die mich nicht leiden können, loben mein gewandtes und feines Betragen; ich habe manche Talente und Kenntnisse, und was mir mangelt, kann ich bei meiner Jugend, bei meinem trefflichen Gedächtnisse leicht nachholen. Er wird mich lieb gewinnen, und bald werde ich ihm unentbehrlich seyn. Der Umgang mit der großen Welt wird nach und nach alles das wegschleifen, was mir noch von schlechten Gesellschaften anhängen mag. Reise ich nun auch mit ihm, und muß mich etwa ein Jahr, oder selbst noch länger, von hiesiger Gegend entfernen, so dient dies auch in fremden Ländern nur um so mehr dazu, mich in seiner Gunst recht fest zu setzen. Wir kommen dann zurück; meiner Bildung, meinen Ansprüchen kommen durch seine Protection die ansehnlichsten Stellen hier, oder auch im Auslande entgegen, und ich werde gewiß alsdann nicht vergessen haben, daß es doch Sophie eigentlich war, die mein besseres Selbst zuerst aus seinem Schlaf erweckte.
Er war nun angekleidet und so trunken von seinen Hoffnungen, daß er es nicht merkte, wie er wieder die nämlichen Worte vor sich selber aussprach, über welche er sich vorhin verlacht hatte. Er nahm die ganz erblühte Monatsrose aus dem Glase, und drückte sie, um sich zu seinem Gange zu stärken, an den Mund, aber zugleich fielen ihm alle ihre Blätter vor die Füße. Eine üble Vorbedeutung! seufzte er und ging aus dem Hause, um in den Wagen zu steigen.
Als er im Palast angelangt war, gab er dem Bedienten den Brief, welcher ihn dem Prinzen empfehlen sollte. Indem er den Spiegelwänden vorüber spazierte, kam zu seiner Verwunderung der junge Dietrich aus einem Seitenzimmer in verstörter Eile, und bemerkte anfangs seinen Befreundeten nicht. Wie kommen Sie hieher? fragte Eduard hastig. Kennen Sie den Prinzen? — Ja, — nein, — stotterte Dietrich, — es ist eine sonderbare Sache, die wohl, — ich will es Ihnen erzählen, aber freilich wird hier keine Zeit dazu seyn.
Dies war in der That der Fall, denn eine geschmückte, in Juwelen prangende Dame schritt mit vornehmem Anstande herein, und vertrieb den jungen Maler, der sich mit ungeschickten Verbeugungen entfernte. Eduard stand still, als die glänzende Erscheinung ihm näher kam; er wollte sich verneigen, aber sein Erstaunen lähmte seine Bewegung, als er in ihr jene Schöne plötzlich erkannte, die zum Nachtheil seines Rufes so lange in seinem Hause gewohnt, und mehr als alle seine Verirrungen sein Vermögen verringert hatte. Wie! rief er aus, — Du selbst — Sie, hier in diesen Zimmern?
Und warum nicht? sagte sie lachend. Es wohnt sich gut hier. Du merkst doch wohl, mein Freund, daß ich, wie einst Deine Freundin, so jetzt die Freundin des Fürsten bin, und wenn Du etwas bei ihm suchst, so kann ich Dir Ungetreuem vielleicht beförderlich seyn, denn er hat mehr Gemüth, als Du, und auf seine fortdauernde Gunst kann ich sicherer zählen, als es mir mit Deinem Flattersinn gelingen wollte.
Eduard mochte die freundliche Schöne in dieser Stunde nicht daran erinnern, daß sie sich zuerst von ihm entfernt hatte, als sie gesehen, daß sein Vermögen verschwendet war; er entdeckte ihr seine Lage und seine Hoffnungen, und sie versprach, sich mit dem besten Eifer für ihn zu verwenden. Sei nur ruhig, mein Freund, so beschloß sie ihre Versicherungen, es kann und soll Dir nicht fehlen, und dann wird es sich ja zeigen, ob Du noch ein Fünkchen Liebe in Deinem kalten Herzen für mich aufbewahrt hast. Nur mußt Du vorsichtig seyn und in seiner Gegenwart fremd gegen mich thun, damit er nie erfährt oder merkt, daß wir uns schon sonst gekannt haben.
Mit einem flüchtigen Kuß, wobei die geschminkte Wange ihm einen lebhaften Widerwillen erregte, verließ sie ihn, und Eduard ging mit dem größten Mißbehagen im Saale auf und ab, da sich Alles so ganz anders gestaltete, als er es sich vorgebildet hatte. Dieses Wesen, welches er hassen mußte, in seiner neuen Umgebung zu finden, schlug alle seine Hoffnungen nieder, und er nahm sich fest vor, ihren Netzen und Lockungen zu entgehen, und wenn diese seine Tugend ihm auch die größten Nachtheile bringen sollte.
Indem öffnete sich die Thüre, und jener ihm so widerwärtige Unbekannte trat mit seinem hoffärtigen Gange und stolzer Geberde herein.