Eduard ging ihm entgegen und sagte: vielleicht gehören Sie zum Gefolge Seiner Durchlaucht, und können mir melden, ob ich jetzt die Ehre haben kann, ihm meine Aufwartung zu machen.

Der Fremde stand still, sah ihn an, und nach einer Pause antwortete er in kaltem Tone: das kann ich Ihnen freilich sagen; keiner besser als ich. — Eduard erschrack, da er den Empfehlungsbrief in seinen Händen bemerkte. Will mich der Prinz nicht sprechen? fragte er bestürzt. Er spricht mit Ihnen, antwortete jener, und mit so höhnendem und wegwerfendem Tone, daß der junge Mann alle Fassung verlor. Ich halte mich schon seit einiger Zeit in dieser Stadt auf, fuhr der vornehme Fremde fort, und habe Gelegenheit gefunden, Menschen und Verhältnisse durch mein Incognito kennen zu lernen. Wir sind uns auf eine etwas sonderbare Art nahe gekommen, und wenn ich auch jenen Schritt, von dem Sie wohl selbst wissen, daß er kein ganz unschuldiger war, entschuldigen könnte, so hat er mir doch ein gerechtes Mißtrauen gegen Ihren Charakter eingeflößt, so daß ich unmöglich Ihnen eine Stelle einräumen kann, die uns in eine vertrauliche Nähe rücken würde. Ich gebe Ihnen also diesen Brief zurück, den ich, trotz seiner warmen Empfehlung, und obwohl er aus höchst achtungswürdigen Händen kommt, nicht berücksichtigen kann. Insofern Sie mich persönlich beleidigt haben, ist Ihnen, da Sie mich nicht kannten, völlig vergeben, und Ihre jetzige Beschämung und Verwirrung ist mehr als hinlängliche Strafe. Ein junger Mann verließ mich eben, von dem ich ein ziemlich wohlgerathenes Bild gekauft habe, und welchem ich auch einige Warnungen und gute Lehren für seine Zukunft mitgegeben habe. — Ich sehe, daß unser Zusammentreffen Sie etwas zu sehr erschüttert, und da Sie vielleicht auf jene Stelle schon mit zu großer Sicherheit gerechnet hatten, und wohl in augenblicklicher dringender Verlegenheit sind, so empfangen Sie diesen Ring zu meinem Andenken und zum Zeichen, daß ich ohne allen Groll von Ihnen scheide.

Eduard, welcher indeß Zeit gehabt hatte, sich wieder zu sammeln, trat mit Bescheidenheit einen Schritt zurück, indem er sagte: rechnen Sie es mir, Durchlauchtiger Prinz, nicht als Stolz und Uebermuth an, wenn ich dieses Geschenk, welches mir unter andern Umständen höchst ehrenvoll seyn würde, in dieser Stunde ausschlage. Ich kann Ihre Art nicht mißbilligen, und Sie erlauben mir gewiß, ebenfalls meinem Gefühle zu folgen.

Junger Mann, sagte der Prinz, ich will Sie nicht verletzen, und da Sie mir Achtung abzwingen, so muß ich Ihnen auch noch sagen, daß wir uns, ungeachtet der sonderbaren Art, unsre Bekanntschaft zu machen, vereinigt hätten, wenn nicht eine Person, die ich achten und der ich glauben muß, und welche Sie vorhin in diesem Saale traf, mir so viel Nachtheiliges von Ihnen gesagt, und mich dringend ersucht hätte, auf den Brief keine Rücksicht zu nehmen.

Ich werde, sagte Eduard wieder ganz heiter, dem Beispiele dieser Dame nicht folgen, und sie wieder anklagen, noch mich über sie beklagen, da sie gewiß nur ihrer Ueberzeugung gemäß gesprochen hat. Wenn mir aber Ihre Durchlaucht die Gnade erzeigen wollen, das Bild des jungen Dietrich, so wie einige Ihrer andern Gemälde zu zeigen, so werde ich mit der größten Dankbarkeit von Ihnen scheiden.

Es freut mich, antwortete der Prinz, wenn Sie Interesse an der Kunst nehmen; ich habe zwar nur Weniges hier, aber ein Bild, das ich vor einigen Tagen so glücklich war, zu dem meinigen zu machen, wiegt allein eine gewöhnliche Sammlung auf.

Sie traten in ein reich verziertes Kabinet, wo an den Wänden und auf einigen Staffeleien ältere und neuere Bilder sich zeigten. Hier ist der Versuch des jungen Mannes, sagte der Prinz, welcher allerdings etwas verspricht, und ob ich gleich dem Gegenstande keinen Geschmack abgewinnen kann, so ist doch die Behandlung desselben zu loben. Die Färbung ist gut, wenn auch etwas grell, die Zeichnung ist sicher und der Ausdruck rührend. Nur sollte man die Marien mit dem Kinde endlich zu malen aufhören.

Der Prinz zog einen Vorhang auf, stellte Eduard in das rechte Licht und rief: sehn Sie aber hier dies gelungene, herrliche Werk meines Lieblings, des Julio Romano, und erstaunen Sie, und entzücken Sie sich!

Mit einem lauten Ausrufe, und mit einem höchst freudigen, ja lachenden Gesicht mußte Eduard in der That dieß große Bild begrüßen; denn es war das wohlbekannte Machwerk seines alten Freundes, an welchem dieser schon seit einem Jahre gearbeitet hatte. Es war Psyche und der schlafende Amor. Der Prinz stellte sich zu ihm und rief: daß ich diesen Fund gethan habe, bezahlt mir allein schon die Reise hieher! Und bei jenem alten, unscheinbaren Manne habe ich dieses Kleinod angetroffen! Ein Mann, welcher selbst als Künstler keine unbedeutende Rolle spielt, aber doch bei weitem nicht so erkannt wird, wie er sollte. Er besaß das Gemälde schon lange und wußte, daß es vom Julio sei; indessen da er nicht Alles gesehen hat, so waren ihm immer noch einige Zweifel geblieben, und er war erfreut, von mir so viele nähere Umstände von diesem Meister und seinen Werken zu erfahren. Denn freilich hat er Sinn, der Alte, und weiß wohl ein solches Juwel zu würdigen; aber er ist nicht in alle Trefflichkeiten des Malers eingedrungen. Ich würde mich geschämt haben, seine Unkenntniß zu benutzen, denn er foderte für diese herrliche Arbeit, zu der er auf sonderbare Weise gekommen ist, einen zu mäßigen Preis; ich habe diesen erhöht, um die Zierde meiner Gallerie auch auf eine würdige Art bezahlt zu haben.

Er ist glücklich, sagte Eduard, der verkannte alte Mann, einen solchen Kenner und edlen Beschützer zum Freunde gewonnen zu haben; vielleicht ist er im Stande, die Gallerie Eurer Durchlaucht noch mit einigen Seltenheiten zu vermehren, denn er besitzt in seiner dunkeln Wohnung Manches, was er selbst nicht kennt oder würdigt, und ist eigensinnig genug, seine eignen Arbeiten oft allen ältern vorzuziehn.