Die Tafel war mit Trüffelpasteten, Austern und andern Leckerbissen bedeckt; man setzte sich, und Eulenböck, dessen purpurrothes Gesicht zwischen den Kerzen einen ehrwürdigen Schein von sich gab, begann auf feierliche Weise also: Meine versammelten Freunde! Ein Unwissender, der plötzlich in diesen Saal träte, könnte von diesen Anstalten, die den Schein eines Festes haben, verleitet werden, im Fall er die Mitglieder dieser Gesellschaft nicht näher kennen sollte, die Meinung zu fassen, es sei hier auf Schwelgerei, Trinken, Tumult und ausgelassene Lustigkeit, die nur der rohen Menge ziemt, angelegt worden. Selbst ein junger Künstler, Dietrich mit Namen, der zum ersten Mal unter uns an diesem Tische sitzt, läßt verwundernde Blicke auf die Menge dieser Flaschen und Gerichte, auf diese Gansleberpastete, auf diese Austern und Muscheln, und auf den ganzen Apparat einer Feierlichkeit schießen, der ihm hier einen übertriebenen sinnlichen Genuß zu versprechen scheint, und auch er wird sich wundern, wenn er erfährt, wie alles dies so ganz anders und im entgegengesetzten Sinne gemeint sei. Meine Herren, ich bitte, Acht zu geben, und meine Worte nicht zu leicht in das Ohr fallen zu lassen. Wenn Länder die Geburt eines Prinzen feierlich begehn, wenn in Arabien ein ganzer Stamm sich festlich freut, indem sich ein Dichter in ihm gezeigt und hervor gethan hat, wenn die Installation des Lord-Mayor mit einem Schmause verherrlicht wird, ja wenn man die Geburtsstunde der Pferde von echter Race nicht unbillig auf nachdenkliche Weise auszeichnet: so liegt es uns ja wohl noch näher (um nicht mit einem Antiklimax zu schließen) aufzuschauen, gerührt zu seyn und etwa mit Gläsern anzustoßen, wenn das Unsterbliche sich uns zeigt, wenn die Tugend uns würdigt, körperlich vor uns zu erscheinen. Ja, meine Freunde, gerührten Herzens spreche ich es aus, ein junger angehender Tugendhafter ist unter uns, der noch heut Abend sich als eingepuppter Schmetterling durchbeißen, und seine Schwingen im neuen Leben entfalten wird. Es ist Niemand anders, als unser edler Wirth, der uns so manchen Schmaus gegönnt, so manches Glas eingeschenkt hat. Aber ein feuriger Vorsatz, abgerechnet, daß er selbst auf dem Trocknen sitzt, jener Impetus der Begeisterung, von dem schon die Alten sangen, reißt ihn nun von uns in lichte Höhen hinauf, und wir, von diesem Tisch und Flaschen und Schüsseln, seiner irdischen Grabesstätte, schauen ihm schwindelnd nach, staunend, welchen fremden Regionen er nun zusteuern wird. Ich sage Euch, Theuerste, er wälzt unendlich viele und treffliche Entschlüsse in seinem Busen: und was kann der Mensch, selbst der schwächste und unansehnlichste, nicht entschließen! Habt Ihr es wohl je schon erwogen (aber in Euerm Leichtsinn denkt Ihr nicht an dergleichen), daß in einer unscheinbaren Mappe, wenn sie nur etwa hundert gezeichnete Landschaften enthält, sich eine Strecke von tausend Meilen verbergen kann, und daß sie selbst doch nicht mehr Raum einnimmt, als ein mäßiger Foliant? Denn Perspektive liegt dort neben Perspektive, und Berg und Thal und Fluß und weite, unendliche Aussichten. So mit den Vorsätzen! so schwächlich unser Pietist, oder Herr Dietrich aussieht, so können sie doch gewiß an guten Entschlüssen mehr als zehn Elephanten, oder zwanzig Kameele tragen. Wie schwach ich selbst in dieser Tugend bin, weiß ich am besten, und daher meine Verehrung vor denen, an welchen ich diese Kräfte wahrnehme.

Da wir nun nicht alle der Begeisterung fähig sind, so sitzen wir hier an diesem Tische, wie an einem Kreuzwege, an welchem sich viele Straßen in mannigfaltigen und entgegengesetzten Richtungen scheiden. Auf dergleichen Hauptstationen pflegen auf pyramidalischer Säule die Entfernungen der Städte nach allen vier Weltgegenden verzeichnet zu stehn. So mag es auch hier, in einem nicht unerfreulichen Bilde, gelten. Diese Austern führen, übermäßig genossen, zur Krankheit, dieser Burgunder nach einigen Stationen zu rothen Nasen, diese Trüffeln und was ihnen anhängt, zu Wassersucht, Magenkrampf und ähnlichen Uebeln. Unser Eduard aber, alles dies verschmähend, wandelt zur Tugend. So fahre denn wohl auf Deinem einsamen Pfade, und wir, die wir entzündete Gesichter, dicke Bäuche und kurzen Athem nicht so sehr scheuen, gehn unsre Straße fort. Aber auch ich werde Euch bald verlassen, Theuerste; ein edler Unbekannter, den ich Euch noch nicht nennen darf, wird mein Kunstgenie zu den höchsten Leistungen begeistern, er wird mich in fernen Regionen einer idealischen Weihe empfänglich machen, und so zu sagen, vergeistigen. Unser frommer, gemüthlicher Dietrich, den wir kaum kennen lernten, wandelt den Kunstdom entlang, und schmückt die vaterländischen Altäre. Was soll ich von Dir sagen, Bibliothekar, der Du vor den leeren Bücherschränken stehst, und die Werke nicht blos gelesen, sondern buchstäblich verschlungen hast? O Du verlesener Mensch, Du von der Secte des muselmännischen Omar, Kienraupe der Bibliotheken, Verwüster der Schriften, der Du eine neue alexandrinische Sammlung blos durch die treffliche neue Erfindung, Dein Salar nicht geistig, sondern wirklich aus den Schriften zu ziehn, vernichten könntest. Alle Buchhändler des römischen Reiches sollten Dich umher senden, um mit Deiner zerstörenden Kraft die Sammlungen zu zerstieben und neue Werke nothwendig zu machen. Du, mehr als Recensent und schlimmer als Saturnus, der doch nur verzehrte, was er selbst erzeugt: Wo sind sie, Deine Untergebenen, Deine Mündel, die mit goldnem Rücken und Schnitt Dich so freundlich anlachten? Versilbert hast Du sie alle, und schon nach wenigen Jahren Deine silberne Hochzeit mit ihnen gefeiert. Lebe denn wohl, auch Du, Pietist, redlichster unter den Sterblichen, Du Hasser aller Poesie und Lüge! Reich mir die Hand zum Abschied, armes Krokodill, das schon in Thränen schwimmt; im Sumpf einer Taverne mußt Du künftig heulen. In einem bessern Leben sehn wir uns alle wieder.

Da Eduard nachdenkend war, und Dietrich in der Gesellschaft noch fremd, der Bibliothekar und Pietist keine Miene verzogen, so herrschte während und nach der Rede ein tiefes Stillschweigen, welches dadurch noch feierlicher wurde, daß der Buchhalter, der schon manches Glas geleert hatte, schluchzte und jammerte.

Heut ist der Abend der heiligen Drei-Könige, sagte Eduard, und wie es noch in manchen Gegenden Sitte ist, sich an diesem Tage zu beschenken, so wünsche ich, daß meine bisherigen Genossen und Freunde auch diese Nacht in froher Geselligkeit mit mir verbringen.

An diesem Abend, fuhr Eulenböck fort, ist es nicht unschicklich, einmal anders, als gewöhnlich zu leben; daher waren sonst Glücksspiele gebräuchlich, wenn sie auch übrigens verboten waren. Und wie gut wäre es für Dich, Freund Eduard, wenn heute auch Dein Glücksstern von Neuem erwachte, daß dem verarmten Verschwender ein neues Vermögen bescheert würde. Man hat wunderliche Erzählungen, wie verzweifelte Jünglinge sich in der Armuth haben in ihrem väterlichen Hause erhängen wollen, und siehe da, der Nagel fällt mit dem Balken der Decke herab, und mit beidem zugleich viele tausend Goldstücke, die der vorsorgende Vater dorthin versteckt hatte. Beim Lichte besehen, eine dumme Geschichte. Konnte der Vater denn wissen, daß der Sohn für das Hängen eine besondere Vorliebe haben würde? Konnte er wohl berechnen, daß der Körper des Desperaten noch schwer genug bleibe, den verborgenen Schatz durch sein Gewicht aufzudecken und herab zu ziehn? Konnte der verlorene Sohn nicht schon früher einen Kronenleuchter dort anbringen wollen, und das Geld finden? Kurz, tausend gegründete Einwürfe kann die vernünftige Kritik diesem schlecht erfundenen Mährchen machen.

Ohne daß Du immer wieder auf diesen Vorwurf zurück kommst, sagte Eduard empfindlich, schilt mein eignes Gewissen, meinen Leichtsinn und thörichte Verschwendung. Wären die Leidenschaften nicht unbändig, die ihren Stolz darein setzen, die Vernunft zu verhöhnen, so hätten die Moralprediger nur leichte Arbeit. Es ist ganz begreiflich, wenn die armen Menschen glauben, von bösen Geistern besessen zu seyn. Denn wie soll man es erklären, daß man dem Schlimmen folgt, indem man das Bessere einsieht, ja daß wir oft zum Letztern selbst in unsern wildesten Stunden mehr Trieb, als zum Unrecht empfinden, und dennoch, uns selbst zum Trotz, jeder Einsicht den Rücken kehren, und schon vor der begangenen That von unserm Gewissen gequält werden? Es muß eine tiefgewurzelte Verderbniß in der menschlichen Natur seyn, die sich auch nie ganz zum Edeln erziehn, oder durch Pfropfreiser der Tugend umwandeln läßt.

So ist es, sagte der Pietist: der Mensch an sich taugt nichts, er ist gleich in der Schöpfung mißrathen. Er kann nur geflickt werden, und die Lappen bleiben immer auf dem alten schäbigen Tuche sichtbar.

Ja wohl, seufzte das Krokodill, es ist zu bejammern, und immer wieder zu bejammern. Die Thränen flossen ihm dicht aus den weinglühenden Augen.

Als Du mich zum ersten Mal in jene Weinschenke führtest, fuhr Eduard zum alten Maler gewendet fort, machte es mir denn Freude, mich in dem Kreise dieser rohen und langweiligen Menschen zu sehn? Ich war beschämt, als der Herr der Schenke mir mit einer Ehrfurcht entgegen kam, als sei ich einer der Götter, vom Olymp herabgestiegen. Dergleichen Ehre war seinem Hause noch niemals widerfahren. Bald gewöhnte man sich an die Gegenwart meiner Herrlichkeit, und immer zog es mich wider meinen Willen in den Weinduft des Zimmers, in das schreiende Gespräch und an meine Wand hin, wie ein Zauber, der auch nicht riß, als die Gesichter des Wirthes und seiner Leute kälter, ja verdrossen wurden, als man mein Wort nicht mehr beachtete, und geringere Gäste anständiger behandelte; denn durch meine Nachlässigkeit war ich schon in eine bedeutende Schuld gerathen, um welche man mich mit grober Zudringlichkeit mahnte. Noch schlimmer ging es einem armen Lumpen, einem täglichen Gast, auf den man fast nie hörte, der oft verdorbenen Essig erhielt, und sich doch nicht beschweren durfte; er war die Zielscheibe des witzigen Gesindes, der Gegenstand des Hohns und Mitleids der übrigen Fremden, so wie seiner eignen furchtsamen Verachtung. Und so schlecht man ihn behandelte, mußte er doch theurer als Alle bezahlen, und ward betrogen, ohne klagen zu dürfen, indeß sein Gewerbe versäumt ward, und Frau und Kinder zu Hause schmachteten. In diesem Spiegel sah ich nun mein eignes Elend, und als einmal ein redlicher Handwerker von unbescholtenem Wandel dort zufällig einkehrte, und von Allen als eine seltene Erscheinung mit Hochachtung begrüßt wurde, erwachte ich endlich aus dem Schlummer meiner Ohnmacht, bezahlte, was nur meine Trägheit versäumt hatte, und suchte auch jenen Elenden zu retten, daß er nicht ganz versank. Aber so ist es, daß selbst diejenigen, die sich vom Leichtsinnigen und Taugenichts bereichern, diesen verachten, und dem Würdigen, der ihnen aus dem Wege geht, ihre Ehrfurcht nicht versagen können. So habe ich meine Zeit und mein Vermögen unwürdig verschleudert, um Verachtung einzukaufen.

Sei still, Sohn, rief Eulenböck, Du hast auch mancher armen Familie Gutes gethan.