Was hast Du gesehen? antwortete im Eifer der Alte: was verstehst Du von der Magie der Kunst und jenen unsichtbaren Geistern, die sich durch die Farbe und Zeichnung herbei ziehn und verkörpern lassen? Das sind eben Geheimnisse für den Laien. Glaubst Du denn, man malt nur, um zu malen, und daß es mit Pallette, Pinsel und dem guten Vorsatze genug sei? O theurer Gelbschnabel, da müssen noch gar wunderbare Conjuncturen, astralische Einflüsse und Wohlwollen mannigfaltiger Geister zusammen treffen, um etwas Rechtschaffenes zu Stande zu bringen! Hast Du es noch niemals erlebt, daß ein feinsinniger, tiefdenkender Künstler sein Tuch und Netz ausspannt, und seine Pinsel in die besten Farben taucht, um das schönste Ideal in sein Netz zu locken und hinein zu kitzeln? Er hat sich redlich vorgenommen, einen Apollo zu malen, er streicht und tuscht, und wischt und bürstet, und lächelt verliebt und mit süßester Freundlichkeit die Creatur an, die aus dem Nichts und Nebel hervor gehen soll; und wenn es nun fertig ist, siehe da, so hat sich in alle die künstlichen Netze ein wahrer Lümmel eingefangen, der aus der arkadischen Landschaft uns zähnefletschend entgegen grinzt! Nun kommen die Unverständigen und schreien und toben: der Malerkerl hat kein Talent, er hat die Antike nicht gehörig verstanden, er hat statt eines Ideals ein Schmierial hervorgebracht! und was dergleichen unverdaute Urtheile mehr ausgestoßen werden. So wird alsdann das gerührte Herz des Künstlers verkannt, dem sich ein wahrer Teufel, eine Höllenbrut statt eines Himmelsengels in seiner künstlichen Krebsreuse gefangen hat. Denn auch diese Geister streifen herum, und lauern nur darauf, wo sie sich verkörpern können. Bildwerke, die etwa untergehn, treiben sich oft lange geängstigt im leeren Raume um, bis ein freundlicher und der Sache gewachsener Mann ihnen wieder Gelegenheit verschafft, sichtlich herab zu steigen. Es hat mich Mühe genug gekostet, dieses Gedichts des trefflichen römischen Malers wieder habhaft zu werden; es erfodert mehr Studium, als Du daran wandtest, wenn Du in der Jugend dem Nachbar seine Tauben wegfingst. Wenn Du der Meinung bist, daß der Mensch, um eine heilige Geschichte zu malen, nicht seine ganze Andacht dem Gegenstande entgegen bringen muß, so bist Du sehr im Irrthum, aus dem Dich unser junger Freund, der talentvolle Dietrich, am ersten reißen könnte.

Dietrich, welcher eingetreten war und nur die letzte Aeußerung gehört hatte, nahm sogleich Gelegenheit, diesen letzten Satz weitläufiger auszuführen. Indessen ließ Eulenböck decken, und stellte die Weine in die Ordnung, nach welcher sie genossen werden sollten; nachher wandte er sich mit der Frage an Eduard: und was denkst Du nun in Zukunft anzufangen?

Für’s Erste nicht viel, antwortete dieser: indessen will ich meine vernachlässigten Studien wieder anknüpfen und fortsetzen, und mich vorzüglich mit Geschichte und den neuern Sprachen beschäftigen. Ich schränke mich ein, vermiethe die übrigen Theile meines Hauses, welches mir doch ohne Nutzen leer steht, und behalte nur diesen kleinen Saal und die angränzenden Zimmer. So hoffe ich, ohne Sorgen, bei einer vernünftigen Lebensart, über die ersten Jahre hinüber zu kommen, und mich indeß zu irgend einem Amte tauglich gemacht zu haben.

Hier also wird Dein Museum seyn? sagte Eulenböck, indem er mit dem Kopfe schüttelte. Diese Einrichtung will mir gar nicht gefallen, denn ich glaube nicht, daß diese Wände dazu geeignet sind, um hier gehörig studiren zu lassen, denn sie haben nicht die gehörige Resonnanz, das Zimmer selbst hat nicht die wahre Quadratur, die Gedanken schlagen zu heftig zurück und verschwirren, und wenn Du einmal eine rechte Fuge denken willst, so klappert gewiß Alles durch einander. Dein seliger Papa war auch darin wunderlich, noch in seinen letzten Jahren diesen schönen Saal durch seinen Eigensinn so zu verderben. Sonst sah man die Straße auf der einen Seite, und hier auf der andern über den Garten und den Park hinweg in die Hügel und fernen Berge hinein. Diese schöne Aussicht hat er nicht nur zumauern lassen, sondern auch noch die Fensteröffnungen mit Bohlen und Täfelung weit herein verbaut, und so das Ebenmaaß des Zimmers gestört. An Deiner Stelle riss’ ich das Wesen, Tapeten und Vertäfelung wieder auf, und ließe, wenn doch einmal Fenster fehlen sollen, jene nach der Straße vermauern.

Es war kein Eigensinn, sagte Eduard, es geschah, da er hier am liebsten wohnte, seiner Gesundheit wegen; der Morgenwind von hier schadete ihm, und erregte ihm Gichtschmerzen. Konnte er doch in den andern Zimmern die grüne Aussicht genießen.

Wäre nur der alte Walther kein Narr, fuhr Eulenböck fort, so wäre Dir leicht geholfen. Er könnte Dir das Mädchen geben, die ja doch versorgt werden muß, und Alles wäre wieder in Ordnung!

Schweig! rief Eduard mit der größten Heftigkeit aus: nur heute laß mich vergessen, was ich hoffte und träumte. Ich mag nicht mehr an sie denken, seit ich zu meinem Entsetzen fühlte, daß ich sie liebe. Ich will es mir nicht wiederholen, wie albern und thöricht ich mich gegen den Vater betrug; nichts soll mir heut einfallen, auch ihre unbegreifliche Aufführung nicht. Nein, es gab ein herrliches Glück für mich, ich habe es zu spät erkannt; das ist die Strafe meines Leichtsinns, daß ich auf ewig darauf verzichten muß! Wie ich aber ohne sie leben soll, muß ich erst von der Zukunft lernen.

Indem trat der junge Mensch herein, der bis jetzt Eduards Bibliothekar vorgestellt hatte. Hier ist der Catalog, welchen Sie befohlen hatten, sagte er, indem er dem beschämten Jünglinge einige Blätter überreichte. Wie? rief dieser aus, nicht mehr als nur etwa sechshundert Bände sind noch von der schönen Sammlung übrig? Und unter diesen nur die gewöhnlichsten Werke? Der Bibliothekar zuckte mit den Achseln. Da Sie mir gleich vom Anbeginn, erwiederte er, meinen Gehalt in Büchern ausgezahlt haben, so mußte ich diejenigen nehmen, die am ersten Käufer fanden; auch bin ich nicht genug Kenner von Seltenheiten, und habe diese wohl nicht genug gewürdiget; außerdem haben Bücher, vorzüglich Raritäten, zu verschiedenen Zeiten einen ungleichen Werth, und ist der Verkäufer gedrängt, um eine Summe zu erhalten, so muß er fast nehmen, was ihm geboten wird.

So hätt’ ich also, sagte Eduard halb in Wehmuth, halb mit Lachen, gewiß besser gethan, gar keinen Bibliothekar anzunehmen, oder die Sammlung gleich anfangs zu verkaufen, dann hätte ich Geld dafür gehabt, oder die Bücher behalten. Und welche Sammlung! Mit welcher Liebe hat sie mein Vater gehegt! Welche Freude war es ihm, als er den seltnen Petrark, die erste Ausgabe des Dante und Boccaz erhielt! Wie konnt’ ich es vergessen, daß sich in den meisten Büchern Nachweisungen von seiner Hand finden! Wie wollt’ ich diese Werke ehren, wenn ich sie noch besäße! Uebrigens, da ich keine Bibliothek mehr habe, werden Sie ermessen, wie ich Ihnen auch schon neulich meldete, daß ich keines Bibliothekars mehr bedarf. Indessen wollen wir heut noch mit einander fröhlich seyn.

Jetzt trat auch der Mann herein, der oft an den wilden Gelagen Theil genommen hatte, und den sie wegen seiner Gesinnungen immer nur den Pietisten nannten. Sie hatten ihm diesen Namen beigelegt, weil er nie in die heitern Scherze oder ausgelassene Fröhlichkeit der Andern stimmte, sondern unter Murren und moralischen Betrachtungen seinen Antheil am Mahle verzehrte. Nun fehlt nur noch das Krokodill, rief Eulenböck aus, so sind wir beisammen. Dies war ein kleiner hypochondrischer Buchhalter, blaß und eingeschrumpft, aber einer der größten Trinker. Den sonderbaren Namen hatten sie ihm beigelegt, weil er alsbald, so wie ihn der kleinste Rausch anwandelte, in Thränen ausbrach, und diese um so reichlicher vergoß, je länger das Gelag dauerte, und je ausgelassener die Uebrigen waren. Die Thüre öffnete sich, und die Jammergestalt machte den wunderlichen Kreis der Gäste vollständig.