Und welchen ziehen Sie vor? fragte Dietrich. Giebt es hier nicht auch das Classische und Vollendete, das Moderne und Triviale, das Manierirte und Gesuchte, das Lieblich-Alte und Fromm-Schlichte, das Gemüthliche und leer Renommirende?

Jüngling, sagte der Alte, diese Frage ist zu verwickelt, setzt unendliche Erfahrung, historischen Ueberblick, abgelegtes Vorurtheil, und einen nach allen Richtungen ausgebildeten Geschmack voraus, den nur viele Jahre, fortgesetzte Arbeit und unermüdliches Studium, so wie die Mittel dazu, die nicht in Jedermanns Händen sind, fassen und lösen können. Einiges Encyklopädische wird Dir hinreichen. Fast jeder Wein hat sein Gutes, fast alle verdienen gekannt zu werden. Ist in unserm Vaterlande der Neckar fast nur, den Durst zu löschen, da, so erhebt sich der Würzburger schon zum Edeln, und die vielfachen hohen Sorten des Rheinweins lassen sich nicht in der Eile charakterisiren. Ihr habt sie hier vor Euch stehn gehabt und genossen. Diese trefflichen Wogen, vom leichten Laubenheimer bis zum starken Nierensteiner, gewaltigen Rüdesheimer und tiefsinnigen Hochheimer, mit allen ihren verwandten Fluthen gehörig zu preisen, dazu gehört mehr als die Zunge eines Redi, der in seinem toskanischen Dithyrambus doch nur mittelmäßig gefaselt hat. Diese Geister gehn rein und klar, kühlend und den Sinn erläuternd den Gaumen hinunter. Soll ich es vergleichen, so ist es die ruhige Gediegenheit trefflicher Schriftsteller, Gemüth und Fülle ohne Phantasterei oder schwärmerische Allegorie. Was ist nun der heißere Burgunder demjenigen, der ihn vertragen kann! Wie die unmittelbare Begeisterung fällt er in uns hinab, schwer, blutig, heftig erweckt er unsre Geister. Die Rebe von Bourdeaux dagegen ist heiter, geschwätzig, ermuntert, aber begeistert nicht. Doch schon voller und wunderlicher dichtet die Provence und das poetische Languedoc. Dann das heiße Spanien im Xerez und ächten Malaga, und den glühenden Weinen von Valencia. Hier verwandelt sich der Weinstrom, indem wir ihn genießen, schon an unserm Gaumen in Kugelgestalt, die sich weit und weiter ausbreitet, und uns im Tokayer und St. Georgen-Ausbruch noch weit inniger und sinniger so erscheint. Wie erfüllt Mund und Gaumen und den ganzen Sinn des Gefälls nur ein Tropfen des edelsten Cap-Weins. Diese Weine muß der Kenner nippen und züngeln, und nicht mehr trinken wie unsern braven Rhein. Was sag’ ich von euch, ihr lieblichsten Gewächse Italiens, und namentlich Toskana’s, du geistreichster Monte-Fiascone, du wahrhaft rührender Monte-Pulciano? Nun so kostet denn, Freunde, und versteht mich! Aber nicht konnt’ ich dich aufsetzen, dich König aller Weine, dich rosenröthlicher Aleatico, Blume und Ausbund alles Weingeistes, Milch und Wein, Blume und Süße, Feuer und Milde zugleich! Diesen Wundergesellen trinkt, kostet, nippt und züngelt man nicht; sondern dem Beseligten erschließt sich ein neues Organ, das sich dem Unkundigen und Nüchternen nicht beschreiben läßt. — Hier brach er gerührt ab, und trocknete die Augen.

So hatte meine Ahnung ja doch Recht, rief Dietrich begeistert aus: dieser ist denn im Weinreich, was der alte Eyck oder Hemling, vielleicht auch der Bruder Johann von Fiesole unter den Malern sind. So schmeckt ja auch diese lieblich rührende und tiefe Farbe, die ohne Schatten doch so wahr, ohne Weiße so blendend und überzeugend ist. So sättigt und berauscht der Purpur des Gewandes, und so mildert und sänftigt das Feuer das milde Blau, das schwärmende Violett. Alles ist Eins, und klingt in unserm Geiste zusammen!

Ausgenommen Eulenböcks Nase, rief der ganz trunkene Bibliothekar aus: die hat keinen Scharlach mehr, keine Uebergänge in den Tönen, um sie mit dem Gesicht in Verbindung zu setzen, sondern jenes violette Dunkelroth bratet in ihrer Zauberküche, wie unterirdisch in den Reichen der feuchten Nacht die rothe Rübe gerinnt, aller Sonne abgewandt. Soll dies Gewächs wohl dem Leben angehören? Soll der Weingott es so aufgefüttert haben? Nimmermehr! Es ist ein ungeschlachtes Gehäuse, ein widerwärtiges Etui für Bosheit und Lüge.

Leerer Schwulst, rief der Buchhalter, morscher Glanz, hinfällige Sterblichkeit! Und krumm, baufällig steht sie auch noch in dem unterminirten Gesicht, so daß sie mit ihrer Wucht bald den ganzen Mann in Trümmer drücken kann. Kerl! wo hast Du die unverschämt schiefe Nase her?

Ruhig, Krokodill! schrie Eulenböck, indem er heftig auf den Tisch schlug: will das Geziefer die Welt reformiren? Jede Nase hat ihre Geschichte, ihr Naseweise. Meint das dumme Volk denn, daß nicht auch das Kleinste sich als Ring an die Nothwendigkeit ewiger Gesetze fügt? Meine Nase, wie sie da ist, habe ich meinem Barbier zu verdanken.

Erzähle, Alter! riefen die jungen Leute.

Geduld! sprach der Maler. Die Physiognomik wird immer eine trügliche Wissenschaft bleiben, eben weil sie auf Barbiere, Weinschenken und sonstige historische Umstände zu wenig Rücksicht nimmt. Freilich ist das Gesicht der Ausdruck des Geistes; aber es leidet unter der Art, wie man damit handthiert, auffallend. Die Stirn hat es ihrer Festigkeit nach am besten, wenn sich der Mensch nicht gewöhnt, alle kleine Leidenschaften, Verdruß und Mißbehagen durch Faltenziehen darauf zu malen. Seht, wie edel ist die unsers Eduard, und wie viel schöner würde sie noch seyn, wenn der junge Bursche mehr gedacht und sich beschäftigt hätte! Die Augen, ihrer Beweglichkeit nach, hin und her rennend, conserviren sich in ihrem Spiel auch noch leidlich, man müßte sie denn ausweinen, wie unser krokodilischer Freund dort. Schlimmer ist es schon mit dem Munde; der schleift sich bald durch Schwatzen und fades Lächeln ab, wie bei unserm werthen Bibliothekar; wischt Einer nun gar nach Essen und Trinken übermäßig daran, so wird er bald unkenntlich, besonders, wenn man aus falscher Schaam etwa die Lippen immer nach innen kneipt, wie unser trefflicher Pietist, der die Röthe derselben wohl für Lüge und unnützen Schwulst, erklärt. Aber die Nase, die arme, die von allen Theilen am meisten sich hervor arbeitet, uns Unglückliche von allen Thieren unterscheidet, bei denen Maul und Schnauze so freundlich eins werden, und die beim Menschen als Höcker und Blocksberg der Tummelplatz aller Hexen und bösen Geister wird: wird sie nicht schon der kalten Luft und des Schnupfens wegen bei den meisten Menschen zum Sausewind und zur klingenden Trompete und Schlachtposaune ausgereckt, gezogen, gedehnt und gehudelt? Wird ihre Nachgiebigkeit, ihre Entwickelungs-Fähigkeit nicht gemißbraucht, um fast Elephantenrüssel und Truthahnsschnäbel heraus zu arbeiten? Frommere Seelen drücken sie wieder nieder und plätschen den Hochmuth in jammervolle Unformen zusammen. Alles dieses sah ich früh, schonte meine Nase, und konnte meinem Schicksal doch nicht entgehn. Ich bin mit meinem Barbier, einem meiner innigsten Freunde, aufgewachsen und alt geworden. Dieser Künstler, indem er sich von einer Seite meines Antlitzes zur andern wandte, pflegte bei diesem Wechsel, um einen Stützpunkt zu haben, mir die Schneide des Messers unten an die Kehle zu setzen, und darauf drückend und sich lehnend schnell die andre Seite zu gewinnen. Dies schien mir bedenklich. Er durfte ausgleiten, sich stoßen, so schnitt er höchst wahrscheinlich mit dem Gestützten in das Stützende, und mein Angesicht lag unrasirt zu seinen Füßen. Dem mußte abgeholfen werden. Er dachte nach, und als wahres Genie war es ihm nicht so gar schwer, sein System und seine Manier zu ändern. Er packte nämlich mit seinen Fingern meine Nase, was ihm den Vortheil gewährte, sich stützen und viel länger auf sie lehnen zu können, und zog sie gewaltsam in die Höhe, vorzüglich, indem er die Oberlippe barbirte, und so beschauten wir uns Auge in Auge, ein Herz dem andern nahe, und das Scheermesser arbeitete in besonnener und sicherer Thätigkeit. Es traf sich aber, daß mein Freund von je her eins der auffallendsten Gesichter an sich trug, die der gemeine Haufe abscheulich, verzerrt und garstig zu nennen pflegt; dabei hatte er die Gewohnheit, zu grimmassiren, und liebäugelte mir so herzlich entgegen, daß ich es in jeder Sitzung ihm erwiedern, und in dieser Nähe auch seine übrigen Fratzen unwillkührlich nachahmen mußte. Riß er die Nase unbillig hinauf, so zerrte er dafür, um mit seiner Kunst in die Mundwinkel zu gelangen, die Lippen und den Mund zu gewaltsam in die Breite. Hatte er auf diese mechanische Weise in meinem Antlitz ein scheinbares Lächeln erzwungen, so kam mir sein Lachen so liebreich, freundlich, herzinnig und rührend entgegen, daß mir oft aus schmerzlicher Theilnahme, und um nur ein boshaftes Lachen zu verbeißen, die Thränen in die Augen traten. Mensch! barbirender Freund! rief ich aus: stelle Dein menschenfreundliches Anlachen ein, ich lächle ja gar nicht, Du ziehst mir ja nur die Mundwinkel wie einen Schwamm aus einander. Thut nichts, antwortete die redliche Seele, Dein Liebreiz in diesem Lächeln zwingt mich zur Erwiederung. Seht, so grinsten wir uns denn wie die Affen minutenlang an. Ich bemerkte nach zwölf Wochen etwa eine auffallende Veränderung in meiner Physiognomie. Die Nase stieg und bäumte sich so auffallend nach oben, als wenn sie den Augen und der Stirn den Krieg ankündigen wollte, die wirklich häßlichen Verzerrungen der Wangen und Lippen ungerechnet, die ich aber schon nicht mehr lassen konnte, weil ich sie wie ein Andenken von meinem Freunde empfangen hatte. Ich drückte die aufstrebende Nase wieder nieder und trug dem Edeln meine Wünsche noch einmal vor. Nun schien aber guter Rath theuer, und eine Auskunft kaum möglich. Doch entschloß er sich, ein zweiter Rafael, eine dritte, untadelige Manier anzunehmen, und nach einigen Kämpfen gelang es ihm, indem er vorher bedächtig auskundschaftete, nach welcher Seite es am vortheilhaftesten sei, mir die Nase beim Auflehnen hin zu drehen: und dabei sind wir denn auch stehen geblieben, und diese Nothwendigkeit hat sie mir gebogen; das wahre Gesicht, nach dem ich mich instinktartig bilden mußte, hat mir diese Falten eingegraben, und tiefes Forschen und Denken, flammende Begeisterung und glühende Liebe zum Guten und Besten haben endlich diesen rothen Teppich über das Ganze gewoben.

Lautes Lachen hatte diese Erzählung begleitet; jetzt forderte der Bibliothekar ungestüm Champagner, und der Buchhalter schrie nach Punsch. Eulenböck aber rief: o ihr gemeinen Seelen! Nach dieser Himmelsleiter, die ich Euch habe hinauf klettern lassen, um in das Paradies zu schauen, kann auch ein so unedler, manierirter, moderner und witzloser Geist, wie dieser sogenannte Punsch, auch nur in den fernsten Winkel Eures Gedächtnisses kommen? Dies elende Gebräu aus heißem Wasser, schlechtem Branntwein und Zitronensäure? Und was soll dieses diplomatische, nüchterne Getränk, der Champagner, in unserm Kreise? Der nicht Herz und Geist aufschließt, und nach dem halben Rausche höchstens dazu dienen kann, wieder nüchtern zu machen? O Ihr Profanen!

Er schlug auf den Tisch; aber die Uebrigen, Eduard ausgenommen, erwiederten diese Geberde so heftig, daß von der Erschütterung die Flaschen tanzten, und mehrere Gläser zerschmetternd auf den Boden stürzten. Hierüber ward Gelächter und Tumult noch lauter, man sprang auf, andere Gläser zu holen, und Dietrich rief: es ist so kalt, eiskalt hier geworden, und dagegen würde der Punsch helfen.