Es war tief in der Nacht, die Diener hatten sich entfernt, man wußte nicht, wie man den Ofen wieder heizen sollte; auch gestand Eduard, daß sein Holzvorrath völlig zu Ende sei, und er morgen mit der Frühe erst neuen wieder herbei fahren lasse. Was meint Ihr? rief der ganz berauschte Dietrich, unser Wirth hat doch beschlossen, dies Zimmer auf neue Art einzurichten: wenn wir diese unnütze Vertäfelung, diese Bretter, welche die Fenster bedecken, heraus brächen, und in dem großen altfränkischen Camin hier ein herrliches deutsches Feuer anzündeten? Dieser tolle Vorschlag fand bei den verwilderten Gästen sogleich Gehör und lauten Beifall, und Eduard, der den ganzen Abend in einer Art von Betäubung gewesen war, widersetzte sich nicht. Man hob den Schirm vom Camin hinweg, und lief dann mit Kerzen nach der Küche, um Beile, Stangen und andere Instrumente herbei zu holen. Im Vorsaal fand Eulenböck ein altes verdorbenes Waldhorn, und darauf blasend, marschirten sie wie Soldaten unter Schreien und abscheulicher Musik in den Saal zurück. Der Tisch, welcher im Wege stand, ward umgeworfen, und sogleich begann ein Hauen, Brechen und Hämmern gegen die hohle Wand. Jeder suchte den Andern in Aemsigkeit zu übertreffen; um die Arbeitenden zu ermuntern, stimmte der Maler den Schlachtruf auf dem Horne wieder an, und beim Gepolter riefen Alle wie besessen: Holz! Holz! Feuer! Feuer! so daß dies Geschrei, die Musik, das Schlagen der Aexte, das Krachen der brechenden und ausspringenden Bretter den Wirth des Hauses in eine so dumpfe Betäubung warf, daß er sich stumm in eine Ecke des Zimmers zurück zog.

Plötzlich wurde die Gesellschaft noch auf eine eben so unerwartete als unangenehme Art vermehrt. Die Nachbarschaft war unruhig geworden, und die Wache, welche ebenfalls das ungeheure Getümmel vernommen hatte, trat jetzt, einen Offizier an ihrer Spitze, herein, da sie das Haus unverschlossen gefunden hatten. Sie forschten nach der Ursache des Getöses, und weshalb man Feuer geschrieen habe. Eduard, der ziemlich nüchtern geblieben war, suchte ihnen Alles zu erklären, um seine Freunde zu entschuldigen. Diese aber, aufgeregt und keines vernünftigen Gedankens mehr fähig, behandelten diesen Besuch als einen gewaltsamen Einbruch in ihre unveräußerlichsten Rechte; jeder schrie auf den Offizier ein, Eulenböck drohte, der Buchhalter fluchte und weinte, der Bibliothekar holte mit der Brechstange aus, und Dietrich, welcher am meisten begeistert war, wollte sich mit dem Beile über den Lieutenant hermachen. Dieser, ebenfalls ein junger hitziger Mann, nahm es von der ernsthaften Seite und fand seine Ehre verletzt, und so war das Ende der Scene, daß Jene unter Geschrei und Lärmen, Drohungen und Freiheits-Declamationen nach der Hauptwache abgeführt wurden. So endigte das Fest, und Eduard, der allein im Saal zurück geblieben war, ging völlig verstimmt auf und nieder, und betrachtete die Verwüstung, welche seine begeisterten Freunde angerichtet hatten. Unter dem umgeworfenen Tische lagen zertrümmerte Flaschen, Gläser, Teller und Schüsseln, nebst Allem, was von den Leckerbissen übrig geblieben war; der kostbarste Wein floß über den Boden; die Leuchter waren zerschlagen; von denen, welche stehen geblieben waren, waren alle Lichter, bis auf eine Wachskerze, nieder gebrannt und ausgelöscht. Er nahm das Licht und betrachtete die Wand, von der die Tapete abgerissen, und einige starke Bretter heraus gebrochen waren; ein Balken stand davor, der den Zutritt in die Nische hemmte. Ein sonderbares Gelüst befiel den Jüngling, noch in der Nacht das angefangene Werk seiner wilden Gesellen fortzusetzen; um aber kein übermäßiges Geräusch zu erregen, und doch noch vielleicht ihr Schicksal zu theilen, nahm er eine feine Säge, und durchschnitt oben vorsichtig den Balken; er wiederholte dies unten, und nahm dann den Kloben heraus. Hierauf war es nicht so gar schwer, noch eine innere leichte Vertäfelung wegzubrechen; das dünne Bret fiel nieder, und Eduard leuchtete in die Nische hinein. Er konnte aber kaum den breiten Raum übersehen, und etwas, das ihm wie Gold entgegen glänzte, wahrnehmen, als Alles plötzlich verschwand; denn er hatte mit dem Lichte oben angestoßen und es ausgelöscht. Erschreckt und in der größten Bewegung tappte er durch den finstern Saal, aus der Thüre, über einen langen Gang, dann über den Hof nach einem kleinen Hintergebäude. Wie zürnte er über sich selbst, daß er keine Anstalt in der Nähe habe, Feuer zu machen. Aus festem Schlafe ermunterte er den eisgrauen Thürhüter, der sich lange nicht besinnen konnte, ließ sich von ihm, nach vielen vergeblichen Versuchen, sein Licht wieder anzünden, und kehrte dann mit behutsam vorgehaltner Hand, an allen Gliedern zitternd und mit klopfendem Herzen über die Gänge nach dem Zimmer zurück. Er wußte nicht, was er gesehen hatte, er wollte noch nicht glauben, was er ahndete. Im Saale setzte er sich erst in den Lehnstuhl, um sich zu sammeln, dann zündete er noch einige Kerzen an, und begab sich nun gebückt in die Nische. Der weite Raum der Fenster erglänzte von oben bis unten wie in goldnem Brand; denn Rahmen drängte sich an Rahmen, einer kostbarer als der andere, und in ihnen alle jene verloren gewähnten Gemälde seines Vaters, um die der alte Walther und Erich so oft gejammert hatten. Der Erlöser Guido’s, der Johannes von Domenichino, sie alle schauten ihn an, und er fühlte sich selbst gerührt, andächtig, erstaunt, wie in einer bezauberten Welt. Als er sich besann, flossen seine Thränen, und er blieb dort, die Kälte nicht achtend, unter seinen neugefundenen Schätzen sitzen, bis der Morgen herauf dämmerte.

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Walther war eben vom Tisch aufgestanden, als Erich eilig zu ihm in den Gemäldesaal trat. Was ist Dir, mein Freund? rief der Rath aus: hast Du Geister gesehn? Wie Du es nimmst, erwiederte Erich: mache Dich auf eine außerordentliche Nachricht gefaßt. — Nun? — Was gäbest Du wohl, was thätest Du wohl dafür, wenn alle die verlorenen Malereien Deines seligen Freundes, jene unschätzbaren Kostbarkeiten wieder da wären und Dein werden könnten?

Himmel! rief der Rath aus und verfärbte sich: ich habe keinen Athem. Was sagst Du? — Sie sind da, rief jener, und können Dein Eigenthum werden. — Ich habe kein Vermögen, sie zu kaufen, sagte der Rath: aber Alles, Alles würde ich geben, sie zu erhalten, meine Gallerie und Vermögen, aber ich bin zu arm dazu. — Wenn man sie Dir nun überlassen wollte, sagte Erich, und der Eigenthümer forderte bloß die Gunst dafür, Dein Schwiegersohn zu werden?

Ohne Antwort rannte der Alte hinaus und zur Tochter hinüber. Im Streit mit dieser kam er zurück. Du mußt mein Glück machen, geliebtes Kind, rief er aus, indem er mit ihr herein trat: von Dir hängt nun die Seligkeit meines Lebens ab. Die erschrockene Tochter wollte immer noch widersprechen, aber auf einen heimlichen Wink Erichs, den sie zu verstehen glaubte, schien sie endlich nachzugeben. Sie ging fort, sich umzukleiden; denn bei Erich warteten, wie dieser erklärte, die Bilder und der Freiwerber auf sie. Unter welchen sonderbaren Gedanken und Erwartungen suchte sie ihren besten Schmuck hervor; konnte sie sich in Erich nicht irren? Hatte er denn auch sie verstanden? hatte sie ihn richtig gedeutet? Walther war ungeduldig und zählte die Augenblicke; endlich kam Sophie zurück.

In Erichs Hause waren alle jene Gemälde im besten Lichte aufgehangen, und es wäre vergeblich, des Vaters Erstaunen, Freude und Entzücken beschreiben zu wollen. Die Bilder waren, so behauptete er, bei weitem schöner, als er sie in seiner Erinnerung gesehen hatte. Du sagst, der Liebhaber meiner Tochter sei jung, wohlerzogen, von gutem Stande, Du giebst mir Dein Wort darauf, daß er ein ordentlicher Mann seyn wird, und niemals nach meinem Tode diese Bilder wieder veräußern? Wenn dies alles so ist, so braucht er kein anderes Vermögen zu besitzen, als diese Bilder, denn er ist überreich. Aber wo ist er?

Eine Seitenthüre öffnete sich, und Eduard trat ungefähr so gekleidet herein, wie der ihm ähnliche Schäfer auf dem alten Gemälde von Quintin Messys stand. — Dieser? schrie Walther: woher haben Sie die Gemälde? Als ihm Eduard den sonderbaren Vorfall erzählt hatte, nahm der Alte die Hand der Tochter und legte sie in die des Jünglings, indem er sagte: Sophie wagt viel, aber sie thut es aus Liebe zu ihrem Vater; ich denke, mein Sohn, Du wirst nun klug und gut geworden seyn. Doch, eine Bedingung: Ihr wohnt bei mir, und Eulenböck kommt nie über meine Schwelle, auch siehst Du ihn mit keinem Auge wieder. Gewiß nicht, antwortete Eduard: überdies reiset er mit dem fremden Prinzen von hier fort.

Man ging nach dem Hause des Vaters. Dieser führte den Jüngling in seine Bibliothek: hier, junger Mensch, sagte er, findest Du auch Deine Seltenheiten wieder, die Dein luftiger Bibliothekar mir für ein Spottgeld verkauft hat. Du wirst diese Schätze Deines Vaters künftig heiliger halten.

Die Liebenden waren glücklich. Als sie allein waren, schloß Sophie den Jüngling herzlich in die Arme. Ich liebe Dich innigst, mein Freund, flüsterte sie ihm zu, aber ich mußte neulich dem Eigensinne meines Vaters nachgeben, und mich damals und heute stellen, als gehorchte ich ihm unbedingt, um erst nicht alle Hoffnung aufzugeben, und heute ohne Widerspruch Dein zu seyn; denn hätte er meine Liebe gemerkt, so hätte er nimmermehr so schnell eingewilligt.