Mehr noch als die Uebrigen war die schöne Kunigunde aufmerksam gewesen, und sie war es auch jetzt, die am lautesten ihren Beifall aussprach. „Wie glücklich sind wir,“ beschloß sie endlich, „daß in unserm theuern Kreise sich immer mehr Gemüther versammeln, die das Gute und Edle wollen, die das Ueberirdische erkennen, und denen die Welt mit allen ihren anlockenden Schätzen nur nichtig erscheint. Aber das ist die Eigenschaft der Wahrheit und Güte, daß sie das Bessere sich näher zieht, daß sie das Schwache in etwas Höheres verwandelt. Wirkt der gesellige Umgang so glücklich in einem weitern Umfang, so ist es im beschränkten Hause der Segen der Ehe, der noch inniger die Vermählten anregt, sich für das Göttliche zu begeistern, der hier noch kräftiger das schwächere Gemüth zur Liebe des Unendlichen erhebt.“
„Ja wohl,“ sagte ein junger Mann, der neben dem ältern saß, „dies ist es, was ich mit jedem Tage inniger und dankbarer empfinde.“ Er seufzte und sah an die Wolken, und der Rath erfuhr auf seine Erkundigung, daß dieser der Gemahl der schönen und frommen Kunigunde sei.
Die Mutter nahm das Wort und sagte nicht ohne Bewegung: „Wie beglückt muß ich mich fühlen, daß ich so im Kreise meiner Kinder das Höchste gefunden und es ihnen selbst möglich gemacht habe, den edelsten Besitz dieser Erde zu erreichen. Wie kann ich doch so gar nicht an den Bestrebungen der meisten Menschen Antheil nehmen, ja wie erregt mir ihr mannigfaltiger Enthusiasmus eher Mitleid, als daß ich in ihren vielfachen Anstrengungen, ein sogenanntes Gut zu ergreifen, etwas finden könnte, das unsere Achtung aufruft. So rennen sie nach Kunst, oder Philosophie, meinen, im Wissen oder in Farben und Ton solle ihnen das ewige Licht aufgehen, quälen sich in Geschichte und den verworrenen Händeln des Lebens ab, und versäumen darüber das Eine, das Noth ist, und welches Alles ergänzt und ersetzt. Seit ich diesen Quell gefunden habe, der jeden Durst der Seele so lieblich stillt, ist jenes bunte Mannigfaltige für mich gar nicht mehr da, dem ich in der Jugend auch wohl manchen sehnsüchtigen Blick zuwendete.“
„Wie muß ich Sie bewundern!“ rief der Rath aus: „mit welcher Sehnsucht habe ich das Leben gesucht, und immer nur leere Schatten gehascht! und wie leicht ist es doch, die Wahrheit zu finden, die uns niemals täuscht, die nie entschlüpft, die dem Herzen Alles gewährt, in der wir nur leben und seyn können.“
„Ich verstehe Sie,“ antwortete die Baronesse, „Sie gehören zu unserm Kreise; es ist ein seliges Gefühl, daß sich die Gemeinschaft frommer und begeisterter Gemüther immerdar vermehrt.“
„Den herrlichsten Zeiten gehen wir entgegen!“ rief der junge Offizier in Begeisterung aus. „Und wie selig müssen wir uns fühlen, da Dasjenige, was uns über das nüchterne Leben erhebt, die ewige Wahrheit selber ist, da diese uns beherrscht, und wir, von ihr regiert, nicht fehlen, niemals irren können; denn wir geben uns der Liebe hin, daß sie in uns wirke und ihre Geheimnisse unserm Herzen offenbare.“
„Nicht anders,“ beschloß der ältere würdige Mann; „dies ist es, was uns die Sicherheit geben muß, die uns von gewöhnlichen Enthusiasten oder Schwärmern unterscheidet. Sie haben ein großes Wort gesprochen, theurer Ferdinand, und darum sind Sie mir so werth, weil Keiner, so wie Sie, auf dem kürzesten Wege das Rechte findet, weil Niemand es alsdann so klar und einfach auszusprechen weiß.“ Er umarmte den Jüngling, sah gen Himmel, und eine große Thräne glänzte ihm im schönen dunkeln Auge. Die Baronesse erhob sich und schloß sich an die Gruppe; alle waren bewegt, nur Fräulein Dorothea wandte sich ab, und schien im Busche etwas Verlornes zu suchen.
Dem aufmerksamen Alfred entging es nicht, daß die Mutter mit einem Ausdrucke des Schmerzes zu ihrem ältesten Kinde hinsah, das auf seltsame Weise von diesem Kreise der Rührung und Liebe ausgeschlossen schien. Der Baron Wallen, so hieß der ältere Hausfreund, näherte sich mit dem Ausdruck einer rührenden Milde dem Fräulein, die scheu vor sich nieder sah, und in diesem Augenblick hochroth erglühte. Er sprach heimlich und mit vieler Bewegung zu ihr, sie schien aber in ihrer Verlegenheit auf seine Worte nicht sonderlich zu achten; denn als jetzt eine Dame in der Allee zur Gesellschaft herschritt, ging sie dieser in großer Eile entgegen, und schloß sie mit der größten Herzlichkeit und Freude in die Arme.
Die Mutter schüttelte fast unmerklich mit dem Kopfe, und sah den Baron Wallen mit prüfendem Auge an; dieser lächelte, und die Unterredung der Gesellschaft gerieth nun auf ganz andere und gleichgültige Gegenstände; denn die Frau von Halden, welche jetzt lautschwatzend, lachend und Neuigkeiten erzählend, herzu trat, machte jeden Aufschwung, jede innigere Mittheilung völlig unmöglich, so daß auch alle, bis auf Fräulein Dorothea, etwas verstimmt wurden, die wie erquickt und getröstet mit ihren Blicken am Munde der Redenden hing, und jetzt an der übrigen Gesellschaft noch weniger Antheil nahm.
„Wer ist denn diese Neuigkeits-Krämerin?“ fragte Alfred unwillig, „die wie ein wilder Vogel in unsern stillen Kreis herein fliegt, und alle zarteren Gefühle verschüchtert?“