„Eine Nachbarin unserer verehrlichen Baronesse,“ antwortete der Herr von Wallen: „sie hat sich auf eine unbegreifliche Weise des Gemüthes der Fräulein Dorothea bemeistert, was wir alle nur beklagen können. Schon in der Jugend hat es die treffliche Erzieherin, die Fräulein von Erhard, eine Verwandte der Familie, verhindern wollen, daß dieser Umgang nicht die bessern Fähigkeiten des schönen Mädchens unterdrücke; aber von jeher sind alle ihre Bemühungen vergeblich gewesen.“

Diese Erzieherin, welche bisher wenig bemerkt worden war, näherte sich jetzt, da sie sah, daß von ihr die Rede sei, und mischte sich in das Gespräch. Sie erzählte, daß in dieser so liebenden und hochgestimmten Familie Dorothea von früher Jugend ein abgesondertes Leben geführt habe, und unter so vielen Geschwistern gewissermaßen ganz einsam gewesen sei. Fräulein Charlotte von Erhard erzählte dies mit einer rauhen und heisern Stimme, wurde aber so bewegt, daß sie sich der Thränen nicht enthalten konnte. Alfred, der schon gerührt war, fand in seiner erhobenen Stimmung die geälterte und fast häßliche Dame liebenswürdig und schön, und ein herzlicher Unwille, eine lebhafte Geringschätzung wandte sich gegen die arme Dorothea, die jetzt von der redseligen Freundin Abschied nahm und zur übrigen Gesellschaft zurück kehrte. Sie war sichtlich erheitert, aber man sah, welche Ueberwindung es ihr koste, wieder an den ernsteren Gesprächen Theil zu nehmen. Sie erzählte, wie die Frau von Halden in Unterhandlungen stehe, und wahrscheinlich ihr Gut verkaufen werde.

„Verkaufen?“ fragte die Mutter erstaunt, „und sie konnte dennoch so heiter, ja ausgelassen seyn?“

„Sie meint,“ erwiederte Dorothea, „einen so vortheilhaften Kauf ihrer noch unmündigen Kinder wegen nicht abweisen zu dürfen.“

„Giebt es einen Vortheil,“ sagte die Mutter, „welcher den Kindern das Glück der Heimath aufwiegen kann? Und sie selbst, Deine Freundin, die hier auf ihrem Gute aufgewachsen ist, die hier mit Eltern und Geschwistern, nachher mit einem geliebten Manne lebte, wie kann sie sich selber so verstoßen und diesen Bäumen den Rücken wenden, sich von den Zimmern verbannen, die sie als Kind geliebt und gekannt hat? Immer wieder muß es mir auffallen, wie ich das Leben und Treiben der allermeisten Menschen so gar nicht verstehe. — Und wer ist denn der Käufer?“

„Die Sache ist wunderlich genug,“ erwiederte Dorothea, „der Käufer will noch gar nicht genannt seyn; aber ein gewisser Graf Brandenstein führt die Unterhandlung. Meine Freundin ist eilig und bestimmt, denn der Fremde aus Amerika kauft noch manches andere Gut, so daß sie es für eine Gunst hält, da er nicht ängstlich auf den Preis sieht, wenn sie das ihrige dem Unbekannten zuwenden kann.“

Bei dem Namen „Brandenstein“ wurde die Mutter blaß. Sie suchte sich aber schnell zu fassen, und sagte nach einer kleinen Pause: „Ja, der Name war es, der mir schon seit einer Woche schwer auf dem Herzen lag. Ich weiß es schon, daß dieser Mann hier ist, der nun auf eine Zeitlang unsre stille Freude verderben, und die Harmonie unsers Kreises stören wird. Und ich kann es nicht vermeiden, ihn zu sehn, denn er ist ein alter Bekannter unsers Hauses, und die Sitte der Welt zwingt uns ja, selbst mit denjenigen freundlich umzugehen, die uns im innersten Herzen zuwider sind, ja, die wir, wenn wir noch so billig denken, für schlechte und ruchlose Menschen anerkennen müssen.“

Dorothea meinte, wo eine so bestimmte Empfindung vorherrsche, solle sich der Mensch keinen Zwang anthun; und besonders auf dem Lande, wo sie lebten, wäre es noch leichter, als in der Stadt, so widrigen Erscheinungen auszuweichen. Die Mutter aber sagte: „Du verstehst dies nicht, mein Kind; könnte ein gewissenloser Mensch ohne Grundsätze uns nicht auf die empfindlichste Art schaden oder kränken, hätte er es durch Witz und Frivolität nicht in seiner Gewalt, unser ganzes Leben zu verderben, so würde ich ihn kalt abweisen, und mit meiner Wahrheitsliebe ihm ohne Umschweif sagen, daß ich mit ihm nicht umgehen wolle; da aber dies nicht möglich ist, so muß ich ihm höflich entgegen kommen, mit Feinheit und Wohlwollen den bösen Geist in ihm zu beschwichtigen suchen, und mich späterhin so unmerklich, als es seyn kann, von seinem verderblichen Kreise zurück ziehn.“

Die übrigen Töchter drängten sich um die Mutter, und umarmten sie wie tröstend. „Wenn ich Euch nicht hätte!“ seufzte die Baronesse: „wenn ich nicht auf die Hülfe unsers edlen Hausfreundes rechnen dürfte, so würde mich der Besuch dieses gottlosen Menschen noch mehr ängstigen.“

„Wer ist er eigentlich?“ fragte der Baron.