„Ein Mann,“ antwortete die Mutter, „der sich schon früh in der Welt und ihren Verstrickungen herum getrieben hat, der, von seinem eignen Herzen belehrt, alles, was Liebe, Demuth, Frömmigkeit heißt, arg verspottet und verfolgt, ein grober Egoist, der Niemand lieben kann, und den das Heilige, Ueberirdische, wo er es wahrnimmt, wo er es nur ahndet, in einen widrigen Zorn versetzt, der ihn dann zu jenem frivolen Witze begeistert, den wir Alle so tief verachten. Es war das Unglück meines Lebens, daß er die Bekanntschaft meines guten seligen Mannes machte, daß dieser ihn lieb gewann, und sich in manchen trüben Stunden seiner Gesellschaft und traurigen Philosophie hingab.“
„Sie schildern, verehrte Frau,“ sagte der Offizier, „einen von jenen Charakteren, die, dem Himmel sei Dank! jetzt schon seltener geworden sind.“
„Eine Verruchtheit,“ sagte der Baron, „die das Unsichtbare lästert, weil sie auf Selbstverachtung gegründet ist. Sie sind aber, wie wir Alle, über diesem Jammer erhaben.“
„Sein mittelmäßiges Vermögen,“ fuhr die Mutter fort, „war bald ausgegeben; nun verließ er Europa, trieb sich, wer weiß, unter welchen wilden Völkern um, und ist nun zurück gekehrt, wie ich höre, als Geschäftsträger eines unermeßlich reichen Amerikaners, der ihm in Jahresfrist nachfolgen will, und der die Grille gefaßt hat, in unserer Nachbarschaft viele Güter zu einer großen Herrschaft zusammen zu kaufen.“
Fräulein Dorothea blieb dabei, daß man einem so bösen Menschen ausweichen könne und müsse, und daß sie ihm schon das Haus zu betreten unmöglich machen wolle, wenn die Mutter ihr dazu die gehörige Vollmacht gebe; doch diese ward unwillig, und gebot, für heute den Namen des Störenfried nicht mehr zu nennen. Jetzt sah man die Wagen vorfahren, weil mit der Abendkühle die Familie sich wieder auf ihr nahes Landgut begeben wollte, als sich in diesem Augenblick eine sonderbare Scene entwickelte. Der alte Baron hatte sich schon einigemal Dorotheen genähert; sie war ihm aber ausgewichen, doch benutzte er den Moment, als er ihr in den Wagen half, ihr einige freundliche Worte zuzuraunen; sie sprang zurück, indem sie hastig der Kutsche enteilte und in den Baumgang lief. Der Baron konnte sie nicht einholen, so sehr er sich bestrebte; als er schon tief im Garten war, kam sie athemlos zurück, warf den Schleier über das erhitzte Angesicht, und weinte heftig, indem sie dem fragenden und strafenden Blicke der mehr als erstaunten Mutter ängstlich auswich. Der Wagen fuhr rasch davon, und der Baron, nachdem er verwirrt und beschämt von den jüngern Freunden Abschied genommen hatte, bestieg den seinigen, schwer gekränkt, wie man ihm anmerken konnte, so sehr er auch seiner Fassung Gewalt zu thun suchte.
Als der junge Rath und der Offizier ihren Rückweg zur Stadt antraten, sagte der erste nach einer Pause: „Was war das? Immer noch kann ich nicht von meiner Verwunderung zurück kommen, daß unter so gebildeten und feinen Menschen eine solche unschickliche Scene hat vorfallen können! Ueberhaupt, wie kommt dieses Fräulein, dieser sonderbare, ja widerwärtige Charakter in eine Familie, die ich fast eine geheiligte nennen möchte? Irgend eine tiefe Verschuldung muß sie drücken, da sie sich immer scheu zurück zieht, niemals an der Unterhaltung Theil nimmt, und auch von allen Uebrigen mit einem herablassenden, fast geringschätzenden Mitleide behandelt wird, das einem Fremden sehr auffallen muß. Man kommt auf ärgerliche Vermuthungen, wenn man auch eben nicht zum Argwohn geneigt ist.“
„Du würdest aber irren,“ sagte der militärische Freund, „denn keine Schuld, kein Vergehn drückt dieses Wesen nieder. Unter so hochgestimmten Menschen, wie alle diese sind, würde sich dergleichen vielleicht ohne große Kämpfe wieder herstellen, wenn diese Schwester nur sonst in einer geistigen Harmonie mit den übrigen stände. Schlimmer aber als alles ist, daß sie schon mit einem niedrigern, unedlern Geiste geboren wurde, daß sie das Bestreben aller Uebrigen nicht versteht, und sich doch sagen muß, es sei ein Hohes und Edles, nur für sie Unerreichbares. Dies Gefühl der Unwürdigkeit drückt sie mehr nieder, als das Bewußtsein einer Schuld es thun könnte. Sie fühlt sich fremd unter den Nächsten, unheimisch in ihrem Hause; sie erquickt sich an den unwürdigen Bekanntschaften, wie mit jener dicken und geschwätzigen Nachbarin, und entflieht besonders dem Baron, den wir Alle so hoch verehren, und der sich zu sehr, fast mit Leidenschaft herabläßt, ihren Sinn für ein höheres Leben aufzuschließen.“
Sie bogen jetzt um die Felsenecke, und sahen die Stadt schon vor sich liegen. Aber zu ihrem Entsetzen bemerkten sie auch zugleich jenen wohlbeleibten Baron von Wilden, von dem sich Nachmittags der junge Rath nur schwer hatte losmachen können. „Nun,“ rief dieser ihnen entgegen, „kommt Ihr schon aus dem Himmel zurück? Hat’s brav viel ambrosische Redensarten abgesetzt? Sind die nektarischen Gesinnungen gut eingeschlagen? Hoffentlich war doch kein Mißwachs an überirdischen Gefühlen?“
Die Freunde, die in der schönen Natur und dem lieblichen Abende gern noch ihre Gefühle hätten harmonisch nachklingen lassen, suchten sich von ihm loszuwickeln; da sie aber denselben Weg zur Stadt zurück gingen, war dies unmöglich. „Nichts da!“ rief er mit herrschender Stimme aus: „wir bleiben treu beisammen, und dort unten beim Brunnen treffen wir noch einen armen Sünder, der auf mich wartet.“
Die beiden jungen Leute sahen sich gezwungen, aus der Noth eine Tugend zu machen, besonders weil der unempfindliche Baron mit kreischendem Tone fortfuhr: „Ich merke wohl, Ihr wäret hier in der Gegend gern noch empfindsam, besonders weil der Mond bald hervor kommen wird; aber dergleichen Unfug wird in meiner prosaischen Gesellschaft nicht geduldet. Glaubt mir doch, junge Menschen, all’ das Aetherisiren und Frommsüßlichen dort geschieht ja doch nur, daß Ihr an diesem lockenden Hamen als Eheleute anbeißen sollt, wenn Ihr nämlich selbst Amt und Vermögen besitzt. Es sind so viele Töchter dort, und nur die älteste, verwilderte, ist so toll, alle Partieen abzuweisen. Ja die liebe, gute, so hocherwünschte Ehe, das Freiwerben, wonach mit allen Fernröhren hinaus geschaut wird, wenn so herrliche edle Töchter in dem Familiensaal dasitzen, rund und fett, roth und weiß, züchtig und tüchtig, auferwachsen und vollständig! Und in der Mitte die verständige Mutter, achtsam, lauernd und spekulirend, die Augen nach allen Seiten, jeden anfühlend, der nur eintritt, ob der feine Rock auch bezahlt ist, ob derselbe, wenn er von Reisen und Bällen erzählt, auch wohl im Stande sei, ein Ehefrauchen standesmäßig zu ernähren. Da gehn der guten Matrone dann so fromme, weiche und gar unbefangene Redensarten aus dem zarten Munde, die Blicke leuchten zum Himmel und rechts und links, und alle Worte und alle Blicke schwimmen wie hundert Angeln im Strom der faden Unterhaltung, und die jungen Bursche schießen bald nach dieser, bald nach jener Schnur wedelnd und spielend hin, bis denn, wenn auch nach Wochen, einer und der andere fest sitzt. So haben sie für die Kunigunde den zarten Weißfisch erschnappt, und ihm gleich darauf eingebildet, das runde Mädchen sei für ihn viel zu gut, so daß er wie ein reuiger Sünder am Wagen des Ehestandes zieht, und sich geehrt fühlen muß, daß die Hohe sich zu ihm erniedrigt hat; nun müssen Clara, Clementine und die irdische Dorothea noch versorgt werden, ja ich stehe nicht dafür, daß die bejahrte Bekehrerin nicht selbst noch einmal aus einem frommen Knaben einen Bräutigam für sich drechselt, und ihm statt des Katechismus einen Ehekontrakt in die Hände schiebt. Ja wohl Ehestand, Wehestand! Wie rennt nur alles so blind und taub in das traurige Joch, und opfert Freiheit und Laune dem bösen Geiste, der den Mann fast immer unter den Sklaven erniedrigt.“