Nur der Brautkranz ward dem Mädchen in das Haar geheftet, dann stiegen Alle in den Wagen. Der Graf umarmte seine Braut, und drückte den ersten Kuß auf ihre Lippen. „Durfte ich diese Seligkeit hoffen?“ sagte er mit Thränen: „mußte mir die Liebe dieser reinen Seele begegnen? Dasselbe Kind wird die Freude meines Lebens, welches ich vor Jahren, neben Deinem theuren Vater sitzend, auf den Knieen wiegte? Sieh, hier bist Du in jener Sturmnacht verzweifelnd gewandelt. In demselben Zimmer erwartet uns der Geistliche, in welchem Du damals der Freundin das Bekenntniß ablegtest, das mich wie Blitze durchdrang.“
Dorothea war so glücklich, so vom Schmerz zur Wonne erwacht, daß sie nur wenig sprechen konnte. — Die ganze Provinz ertönte von dem Reichthum des Grafen, von dem wunderbaren Glück des Fräuleins, und alle Nachbarn waren Zeugen dieser glücklichen Ehe.
Als Alfred sich mit Sophien verlobte, meldete auch der Baron Wilden seine Verbindung mit dem Fräulein Erhard. Den Freunden, die sich darüber wunderten, antwortete er: „Seht, besten Leute, Einsamkeit und Langeweile machen viele Dinge möglich; dazu hat meine Braut viele gute Eigenschaften, und ist viel lustiger geworden, als sie ehemals war. Auch bemüht sie sich außerordentlich um meine Bekehrung, und das ist nichts Leichtes, da in meinem fetten Körper meine Seele so viel tiefer liegt, als bei andern Menschen. Ich bin nun auch bald auf meine Weise fromm, sorgt nur dafür, daß die Sache hübsch in der Mode bleibt, damit ich nicht wieder einmal, wie ein Krebs, rückwärts gehn muß.“
Nach einiger Zeit fanden der Baron Wallen und die Baronesse es auch besser, sich durch die Ehe zu verbinden, da er keine der Töchter erhalten konnte, und ihm der Umgang dieser Familie doch unentbehrlich geworden war.
Alfred lebte nachher viel im Hause des Grafen, dessen Geschäftsträger er war, und noch oft erinnerte sich Brandenstein mit Entzücken, daß das Schicksal es ihm gegönnt habe, in seiner Gattin die edle Perle zu finden, die von ihrer ganzen Umgebung und von den nächsten Blutsverwandten so gänzlich verkannt wurde.
Die Reisenden.
Novelle.
Es war an einem schönen Sommernachmittage, als drei junge Männer in lebhaften Gesprächen im schattigen Lindengange auf- und niederwandelten. Keiner kannte den Andern genau; noch weniger waren sie Freunde: und daher betraf ihre Unterhaltung auch nur unbedeutende Gegenstände. Doch wurde laut und sogar heftig gesprochen, weil der jüngste der Redenden es seinem Charakter und ausgezeichnetem Verstande angemessen hielt, seine Gedanken und Meinungen nicht ruhig, sondern in einem gewissen zänkischen und anmaßenden Tone vorzutragen, durch welchen er vielleicht seine Gegner eher zum Schweigen zu bringen, wenn auch nicht zu überzeugen glaubte. Sie sind, wie Sie mir gesagt haben, Arzt (so rief er eben jetzt aus), und als ein solcher haben Sie sich seit Jahren gewöhnt, das ganze Menschengeschlecht aus dem Gesichtspunkte der Kränklichkeit anzusehen. Wir Gesunden aber werden uns gewiß nicht so leicht, Ihrem Metier zu Gefallen, unsre feste Ueberzeugung nehmen lassen.
Mein Herr von Wolfsberg, erwiederte der Arzt, von meinem Metier, wie Sie es zu nennen belieben, kann hier gar nicht die Rede seyn.
Ja wohl, sagte der dritte Sprechende, welcher der Ruhigste schien. Wie kommen wir denn überhaupt dazu, zu streiten? Wir reden ja nur über allgemeine Gegenstände, die unmöglich einen von uns persönlich aufreizen können.
Warum nicht, mein ruhiger Herr Justizrath? rief der Baron noch lebhafter aus; denn gewiß können wir über die Leidenschaften nur dann etwas Bedeutendes aussprechen, wenn wir sie im eignen Herzen erfahren haben, und es scheint wohl, daß Sie alle Ihre klügelnden Beobachtungen nur aus mittelmäßigen Büchern schöpften.