Der Baron, welcher Alles ängstlich und verwirrt beobachtet hatte, sagte endlich, als er sich mit der Baronesse allein sah: „Dies Blatt hat ja Wunder gethan! Von allem, was Sie sich gegen das ungerathene Kind vornahmen, ist nicht das Mindeste geschehen, Sie sind im Gegentheil gütiger als jemals gegen sie. Darf ich nicht wissen, von wem es kommt, und was es enthält?“
Die Baronesse erröthete. „Es kommt von dem Brandenstein,“ sagte sie mit ungewisser Stimme: „doch enthält der Schluß die gröbste Verläumdung.“
Der Baron las: „Im Fall Sie, wie ich gewiß hoffe, Ihre edle, trauernde Tochter freundlich aufnehmen, sie unter keinem Vorwande quälen, an die Ehe mit dem Baron Wallen nicht mehr denken, so verspreche ich Ihnen das Capital, welches der Baron an Sie zu fordern hat, und außerdem ein bedeutendes Darlehn, beide ohne Zinsen, auf unbestimmte Zeit. Zwingen Sie mich nicht, gegen Sie aufzutreten, es möchte sonst manches bekannt werden, was sich nicht zu dem Tugendbilde eignet, das die Welt in Ihnen bewundert. Gewiß darf ich mich unterschreiben
Ihren Freund
G. Brandenstein.“
„Dieser Zettel besagt,“ schmunzelte der Baron: „daß unser heroischer Graf über ansehnliche Summen zu disponiren hat, und daß sein amerikanischer Freund oder Schützling, dessen Hofmeister und Verwalter er spielt, so ziemlich blödsinnig seyn mag, ganz so, wie ich mir vom Anfange die Sache gedacht habe. Der edle Mann wird nach Umständen seine Hand tief in den Beutel des fremden Wunderthieres tauchen, und so verschwindet denn bei näherer Prüfung bei jedem aufgedunsenen Cato die falsche Vergoldung, und setzt sich in Kupfer um.“
Die Sache bekam aber doch einen andern Schein, als am folgenden Tage ein Brief des Grafen anlangte, in welchem er für seinen reichen Amerikaner um die Hand Dorotheens anhielt. Er hätte sich überzeugt, so schrieb er, daß sein Freund, da er ihn genau kenne, nur mit diesem Wesen glücklich seyn könne.
Dorothea, die ganz in ihren Gedanken und Empfindungen verloren war, erschrak über diesen Antrag; sie lehnte ihn heftig ab, ihr Herz verzweifelte, daß der Graf, der ihre ganze Seele gesehn hatte, diesen Vorschlag thun konnte. Also kein Gefühl, seufzte sie im Stillen, nicht das kleinste für mich, die ich ihn nur denke und träume.
Auf die abschlägige Antwort der Mutter erfolgte ein noch freundlicherer Brief des Grafen, er bat für seinen Unbekannten, der binnen Kurzem erscheinen würde, nur um die Erlaubniß, sich zeigen zu dürfen, daß Fräulein Dorothea ihn so viel würdigen möge, ihn und seine Gesinnungen kennen zu lernen.
Auf diesen Antrag hatte Dorothea nichts erwiedert. Im stummen Schmerz beachtete sie die Zeit nicht, und ihre Angehörigen mußten ihr anzeigen, es sei nun Tag und Stunde da, in welcher der sonderbare Freiwerber auftreten würde. Frau von Halden war als Freundin zugegen. Ein Postzug englischer Pferde sprang vor, ein kostbarer Wagen und Domestiken erschienen. Dorothea war im Gartensaal einer Ohnmacht nahe. Brandenstein trat hochzeitlich geschmückt in der Schönheit des Mannes herein. „Und ihr Freund?“ fragte die Mutter. „Nur die theure, geliebte Dorothea ist es,“ antwortete er, auf diese zueilend: „von welcher mein Scherz Verzeihung erflehen muß, ich bin der Amerikaner selbst, jene Herrschaft ist nun endlich mein, und meinem Glücke fehlt nur noch ein Wort von diesem holdseligen Munde.“
Dorothea blühte auf, sah ihn mit einer Thräne im glänzenden Auge an und reichte ihm ihre Hand. „Wir fahren sogleich, meine Theuern,“ indem er Alle begrüßte: „auf das nächste Gut, welches bisher der Frau von Halden zugehörte: ich habe die Erlaubniß zur Trauung, das Haus ist geschmückt, der Geistliche wartet.“