„Nein, mein Freund,“ antwortete dieser, „und ich gedenke auch, diesem Kreise nie mehr zur Last zu fallen; denn diese prunkende Gleißnerei ist mir neulich deutlich genug geworden. Wie danke ich es dem wackern Manne, der mir diese Binde vom Auge schüttelte.“

„Du meinst den Graf Brandenstein?“ sagte jener: „Du nimmst also die Partei des Bösen gegen den Frommen, der Sünde gegen die Tugend?“

„Lassen wir jetzt diese Reden,“ antwortete Alfred, „ich fühle mich, seit ich diesen Mann kennen gelernt habe, mündiger.“

„Wissen Sie denn,“ fiel der Baron ein: „etwas von der Geschichte? Der Wilde, der Amerikaner, soll ja nun angekommen seyn, ein gefleckter, kupfriger Mensch, mit Haaren wie Schuppen oder Stacheln. Auch sagen die Leute, dies unbändige Thier würde die störrige Dorothea heirathen.“

„Man weiß nichts Gewisses,“ sagte Alfred: „der Amerikaner wird übrigens wohl ein Mensch wie alle seyn, und folglich ist sie mit ihm wohl glücklicher, als mit dem Baron Wallen.“

„Den Du nicht zu schätzen verstehst,“ rief der Offizier, indem er sich nach einer kleinen Verbeugung entfernte.

„Sie meinen,“ fuhr der Baron fort: „ein wohlerzogenes Mädchen könnte mit einem solchen See-Ungeheuer glücklich leben? Aber freilich müssen im Leben wohl vielerlei Arten von Glück verbraucht werden, damit Jeder etwas bekommt, was für ihn paßt; und wie ich höre, ist ja die hübsche Dorothea so gottlos, daß vielleicht der gottloseste Menschenfresser für sie nicht zu schlimm ist.“

„Sie sind unrecht berichtet,“ antwortete Alfred, und wollte eine Erzählung anfangen, als die freundliche Sophie herbei hüpfte, um ihn zu erinnern, daß er mit ihr zur Quadrille versprochen sei. Der Baron trank indessen, und versprach dem Fräulein Erhard die nächste Polonaise, auf jeden Fall aber den fröhlichen Kehraus mit ihr zu tanzen.

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Als man in jener Nacht Dorotheen vermißte, und der Baron die Geschichte seiner unglücklichen Werbung mitgetheilt, gerieth das ganze Haus in die größte Verwirrung. Man sendete Boten mit Lichtern aus, aber alle kamen in der stürmischen Nacht ohne Nachricht wieder. Die Mutter war sehr unruhig, und schien sich Vorwürfe zu machen, daß sie ein heftiges Gemüth, das sie an ihrer ältern Tochter kannte, zu weit getrieben habe. Sie schlief nicht, sondern irrte im Hause umher, und die beiden jüngern Töchter suchten sie zu trösten. Am Morgen erschien ein Bote von der Frau von Halden, der der Baronesse ein Billet übergab, und bald darauf fuhr eine Kutsche vor, aus welcher Dorothea stieg, welche die Mutter mit gezwungener Fassung aufnahm. Man sprach nur wenig, aber kein Wort des Vorwurfes ließ sich vernehmen, eben so wenig konnte die Tochter eine Entschuldigung vorbringen.