Im Hause des Baron Wilden waren einige Freunde zu einem kleinen Balle versammelt. Auch Alfred und der Offizier waren zugegen, und die junge Schwester, ein liebenswürdiges Kind, schien äußerst vergnügt; auch zeigte sich das Fräulein Ehrhard sehr munter, und Michel, der Zuschauer war, begriff kaum, wie sie sich so schnell im schottischen Tanze bewegen konnte. Jetzt war der Tanz geendigt, und der korpulente Wirth taumelte erschöpft auf ein Sopha nieder. „Wird man nicht ordentlich wieder jung,“ rief er aus: „so sauer es einem auch ankommt. Daß dich, mein werthes Fräulein Erhard, was Sie springen können! Niemals hätte ich mir bei Ihrer Gottesfurcht so viele Elasticität vermuthet. So gefällt’s mir, wenn man das überirdische Wesen mit dem weltlichen vereinigen kann, denn wahrhaftig, das Herz stirbt in der Demuth und dem weichen Wesen ab, wenn es nicht wieder einmal in Lust und Freude recht aufzappeln kann. Wie ein ganz neues Geschöpf, Fräulein Erhard, kommen Sie mir in meinem Hause hier vor, ich hätte Sie gar nicht wieder erkannt, wenn ich es nicht sonst wüßte, daß Sie es wären.“

Das muntere Fräulein setzte sich zu ihm, und beide betrachteten die tanzenden Paare. Der Rath Alfred bemühte sich sehr um Sophien, die Schwester des Barons, welches dieser nicht ohne Wohlgefallen bemerkte. Die Schenktische waren reichlich mit Erfrischungen versehen, und Diener in reichen Livreen servirten auf silbernem Geschirr. „Nicht wahr,“ schmunzelte Herr von Wilden, der die wohlgefälligen Blicke des Fräuleins wahrnahm: „hier geht es nicht so zu wie drüben, wo sie meistentheils alle beisammen sitzen, wie Adam und Eva vor dem Sündenfalle? Hochherzige Redensarten, apokalyptische Seufzer und eine Wundertinktur von ambrosianischer Wehmuth. Tugend und Andacht zum Zeuche, frommes Gemüth zum Unterfutter, und dann noch mit Reue und Buße aufgeschlagen. Nein, man muß ein bischen sündigen, um sich dann wieder bekehren zu können; nicht wahr, mein hochgeschätztes Fräulein? Die Beine thun Ihnen doch nicht weh? Sie zwinkeln so mit dem Munde.“

„Nein,“ sagte diese, „ich wollte mir nur das Lachen über Ihre sonderbaren Ausdrücke verhalten, denn Sie sind in der That ein arger Sünder; indessen, hoffe ich, werden Sie noch Buße thun.“

„Kommt Zeit, kommt Rath,“ sagte der Baron: „sehn Sie, ich habe mich klug eingerichtet, ich habe in meiner Jugend eine Menge Sünden im voraus begangen, damit ich in meinem Alter hübsch was zu bereuen hätte, um mir nicht, wie mancher Pietist, die Verbrechen aus den Fingern zu saugen, und um nichts und wider nichts Gewissensscrupel zu machen. O, davon kann ich Ihnen noch einmal in manchem Nachmittagsstündchen erzählen, daß Sie Ihr blaues Wunder daran haben sollen.“

„Aber auch dergleichen Reden sind wieder Sünde,“ antwortete das Fräulein.

„Nein,“ rief Herr von Wilden, „durch das Mikroskop müssen Sie meine Tugend nicht betrachten, sonst werden wir nicht mit einander fertig; denn bei mir geht Alles etwas ins Große, verfeinert sind meine Verdienste so wenig, wie meine Laster. Aber sehn Sie, wie unter allen meinen Gästen der Herr von Böhmer so einsam am Ofen steht, und mitten in der Musik seine Kalender macht! Herr Lieutenant, kommen Sie doch, und tanzen Sie einmal mit einer von diesen Damen.“

„Ich tanze niemals,“ sagte der junge Offizier, indem er näher trat: „auch würde ich nicht hergekommen seyn, wenn mich nicht Fräulein Erhard eingeladen hätte, von der es mir wohl nicht einfallen konnte, daß sie es auf einen tobenden Ball abgesehen hatte.“

„Sollte dem Reinen nicht alles rein seyn?“ fragte das Fräulein mit vieler Salbung.

Alfred, der hinzu getreten war, antwortete: „Gewiß ist dies die richtige Ansicht, und es wäre lustig genug, wenn Herr von Wilden durch das Fräulein, und dieses durch unsern fröhlichen Baron bekehrt würde. Aber Du, Ferdinand (indem er sich an den Offizier wandte), trägst auch nicht eine einzige festliche Miene auf Deinem finstern Angesicht.“

„Ich gehe von hier,“ antwortete dieser, „zur Baronesse hinüber, wirst Du mich begleiten?“