Ein Diener trat eilig herein, gab dem Rathe einen Brief und entfernte sich wieder. Walther las und wurde nachdenkend. Verweilen Sie noch zwei Tage hier, sagte er endlich, und ich reise vielleicht mit Ihnen. Ich suche ebenfalls einen Verlornen, der mir und seinen Freunden schon seit Jahr und Tag aus dem Gesichte gekommen ist, einen jungen Mann, der Ihrem Entflohenen freilich auch nicht auf das Entfernteste gleicht. Ich glaube jetzt auf seiner Spur zu seyn, und wenn Sie unterdessen den Entsprungenen nicht wieder kommen sehen, oder keine bestimmte Nachricht über seinen Aufenthalt empfangen, so könnten wir die Reise, die wir uns vorgesetzt hatten, immer noch in Gesellschaft unternehmen.

Der Arzt war derselben Meinung, und man versprach sich, am andern Tage eine nähere Abrede zu treffen.

———

Der verschlossene Wagen fuhr mit dem jungen Baron die ganze Nacht hindurch fort. Allenthalben waren schon Pferde in Bereitschaft, und da der Mond sehr hell schien, konnte man so schnell, wie bei Tage reisen. In den dicht verhängten Wagen fielen nur wenige Strahlen hinein; doch bemerkte der Entführte, daß ein Mann an seiner Seite, und ein anderer ihm gegenüber saß. Als er sich von seinem ersten Erstaunen erholt hatte, wollte er seinen Gesellschaftern Rede abgewinnen; aber sie beantworteten keine seiner Fragen oder Bemerkungen. Wohin führt man mich? rief er endlich in der größten Ungeduld. Ruhe! antwortete der starke Mann, Alles wird sich aufklären. — „Man verkennt mich, man verwechselt mich mit jemand anderm!“ — „„Nichts weniger.““ — „Was hat man mit mir vor?“ — „„Morgen am Ort Ihrer Bestimmung werden Sie Alles erfahren.““

Als der Gefangene Miene machte, den Wagen zu öffnen, ergriffen ihn die Unbekannten gewaltig, und der eine rief drohend: keine Umstände! Finden Sie sich nicht gutwillig, so haben wir das Recht, Sie zu binden und zu knebeln; das geschieht auch bei dem ersten Versuche zu entfliehen, oder wenn Sie jemand Fremdes anreden wollten. Auch kann es Ihnen nichts nutzen; denn wir haben die gemessenste Ordre, die wir vorzeigen können, und auf welche uns in jeder Stadt Beistand geleistet werden muß.

So fügte sich denn der Entführte und sann stillschweigend nach, für welche Begebenheit seines frühern Lebens ihn etwa dieses Unheil treffen möchte. So in seinen Busen und dessen Geheimnisse eingehend, fand er mehr auf der Rechnung stehen, als er in seinen heitern und zerstreuten Stunden vermuthet hatte. Je länger er in der stillen Nacht fuhr, je größer wuchs in seiner Erinnerung sein Sündenregister an, und er zitterte vor der Entwicklung seines Schicksals; denn Vestung, lebenslängliche Einkerkerung, ja selbst das Aergste standen vor seiner erregten Phantasie. Er wandte sich von diesen Bildern des Schreckens ab, und suchte sich wieder zu überreden, Alles, was man ihm vorwerfen könne, sei doch nur Jugendthorheit und Leichtsinn. Mit Wehmuth mußte er an die hochmüthigen Reden gedenken, die er vor Kurzem noch gegen den Arzt geführt, und alle seine Zweifel kamen wenigstens darin überein, daß jene Handlungen, mit denen er als eben so viel Tugenden und Kraftäußerungen geprahlt hatte, doch wohl Sünden, oder gelindestens Verirrungen zu nennen wären. So blätterte er in dem dunkeln Buche seines Gewissens hin und her, und nahm sich vor, wenn ihn ein günstigeres Schicksal aus dieser Bedrängniß erlösen sollte, seinen Lebenslauf mit viel mehr Anstand und etwas mehr Weisheit zu führen.

Man fuhr die ganze Nacht und auch den folgenden Tag. Der Gefangene hatte sich fast schon an seinen Zustand gewöhnt, und die Furcht, daß seine Lage noch viel schlimmer werden könnte, machte, daß er die gegenwärtige mit Geduld ertrug. Hätte er sich ganz frei und ohne Schuld gewußt, so würde er in seinem Bewußtsein Waffen gefunden haben, sich dieser Gewalt zu widersetzen; aber der Zagende bettelte jetzt von jeder Stunde seines Daseins noch eine dürftige Erquickung, im Aufschub und in der Verzögerung fand er eine Art von Glück, und vergaß sogar in manchen Augenblicken, daß sich sein Schicksal doch endlich, und wohl bald, entwickeln würde.

Am Abende, als es schon wieder finster ward, kam man an. Durch ein Thor, das sogleich wieder verschlossen wurde, fuhr der Wagen. Man brachte Licht. Ein Schreiben ward von einem der Begleiter hinaus gereicht. „Immer neue Gäste, immer mehr Geschäfte!“ murrte eine dumpfe, verdrießliche Stimme draußen. Man fuhr in den Hof. Indem man ausstieg, ging einer der Männer jenem nach, der erst geschmollt hatte, und sagte: Ja, werther Herr Direktor, endlich haben wir ihn Gott Lob! erwischt; fünf Tage hatten wir ihm vergeblich aufgepaßt. — War er ruhig? fragte jener. — „Ja, er hat sich so leidlich vernünftig aufgeführt. Ein paar Mal wollte er närrisch thun. Je nun, wir sind ja alle Menschen!“

Das Letzte hörte der Entführte nur noch aus der Ferne. Er befand sich schon auf einer großen Treppe, zu welcher ihm zwei Menschen hinauf leuchteten. Ist Numero 18. aufgeschlossen? fragte der eine. Ja! scholl es von oben herab, und zugleich ward der Fremde in ein kleines, behagliches Zimmer hinein geschoben, in welchem Stühle, Tische, ein Bett und Sopha sich befanden. Lichter wurden hingestellt, und ein freundlicher Mann trug eine Abendmahlzeit auf. „Herr Friedrich, sagte der eine Diener, Sie haben doch nichts vergessen?“ — Gewiß nicht, antwortete der kleine Mann; Alles ist schon mit dem Direktor abgemacht.

Man ließ den Fremden allein. Da er hungrig war, aß er mit großem Behagen; nur vermißte er ungern den Wein, doch ließ ihn der Durst das Wasser schmackhafter finden, als er es unter andern Umständen für möglich gehalten hätte. Er öffnete das Fenster. Eisenstäbe verwahrten es; doch blickte er im Mondlicht über eine reiche und mannigfaltige Landschaft hin. Die Thür fand er verschlossen.