Dann ist es dieser doch nicht, sagte der Rath; er lebt einsam, eingezogen, ja neigt eher zu einer übertriebenen Frömmigkeit hin.

Man kam dahin überein, am folgenden Tage abzureisen; denn im Dorfe eines einsamen Gebirges sollte der Jüngling, von dem der Rath Nachricht erhalten hatte, im Hause eines Predigers leben.

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Es war einige Zeit verflossen, in der sich der junge Wolfsberg an seinen Aufenthalt und seine Lage gewöhnt hatte, und da er sich immer ruhig betragen, so trat eines Tages sein Freund, der kleine Friedrich, in sein Gemach, that einen kurzen Sprung, zuckte die Schultern, verzog sein blasses Gesicht zum Grinsen und sagte: jetzt werden Sie einer von den unsern; der Alte schickt mich, Sie möchten in den Gesellschaftssaal hinunter kommen.

Sind viele Leute dort? fragte der Baron.

Je nun, eine hübsche Gesellschaft; bald mehr, bald weniger; mancher reiset dann auch wieder ab, und so habe ich vorige Woche einen meiner besten Freunde auf der Welt verloren.

Sie traten in den untern großen Saal, und Wolfsberg, der so lange in der Einsamkeit und im kleinen Zimmer gelebt hatte, war so vom Licht, von der Gesellschaft und dem weiten Blicke über die Ebne und das Waldgebirge hin geblendet, daß er sich nur schwer fassen konnte, und einige Zeit brauchte, um sich mit allen diesen Gegenständen, vorzüglich aber mit den Menschen in dem großen Gemache bekannt zu machen. Der Direktor ging mit großen Schritten auf und nieder, noch finstrer, als er gewöhnlich war; er schien nur seinen Gedanken nachzuhängen, und sich um die Gesellschaft nicht zu kümmern. Er bemerkte auch den Eintretenden nicht, und erwiederte nichts auf dessen Gruß. Zwei Männer spielten mit großer Anstrengung und gespannten Mienen Schach; in einer Ecke las ein Andrer in einem Buche, lächelte zuweilen, oder schüttelte den Kopf, machte auch zuweilen Geberden der Billigung, so daß er völlig mit seinem Autor beschäftigt schien. Auf einem Lehnstuhle war ein Mann eingeschlafen, der durch sein rothes Kleid auffiel; noch mehr dadurch, daß sein Kopf von einem großen dreieckigen Hute bedeckt war. Starr nach dem Himmel und dessen Wolken war der Blick eines Andern gerichtet, der einen Maaßstab in der Hand hielt, dessen Zolle er dann immer wieder von Neuem überzählte. Drei seltsame Gesichter standen abseits, und stritten lebhaft. Der eine von diesen Männern war sehr beleibt; sein Kopf aufgedunsen, die Augen waren fast verschwollen, er krächzte mehr, als er sprach, und stach um so mehr gegen seinen schmalen langen Nachbar ab, dessen Gesicht so dürr und bleich erschien, daß man kaum noch Lippen darauf wahrnahm, indem die großen blauen Augen aber desto auffallender hervor leuchteten. Der dritte Redner lachte beständig mit seinem großen, aufgeworfenen Munde, und zerrte die wundersamsten Linien in seine kupfrigen Wangen hinein. Wolfsberg sah sich um, von seinem getreuen Friedrich Einiges über diese sonderbare Versammlung zu erfahren; dieser aber war verschwunden, und er mußte also selbst Bekanntschaft zu machen suchen. Er näherte sich den Schachspielern, und sah beim ersten Blick, daß beide Könige im Schach standen, ohne daß es die Streitenden trotz ihrer angestrengten Aufmerksamkeit bemerkten; aber seine Verwunderung stieg noch mehr, als man den weißen Thurm nahm, ihn schräg über das Brett zog, mit ihm einen Läufer schlug, und ihn darauf neben den König stellte. Der braune König retirirte nun behende als Springer, und ein weißer Springer nahm mit einem Satz im Zickzack drei Bauern zugleich weg. Wie, meine Herren, rief Wolfsberg aus, Sie spielen ja ganz gegen die ersten Regeln! Was? rief der eine tiefsinnig vom Brett aufsehend; sehn Sie einmal, durchlauchtiger Kriegsgefährte, der Neuling will uns wohl Schach spielen lehren? — Nehmen Sie es dem Grünling nicht übel, erhabener Mann, antwortete die andere Figur: er ist augenscheinlich nicht in die Geheimnisse des Cosroes und die alte orientalische Spielweise eingeweiht; er weiß es ja nicht, daß Sie einer der Urindianer sind, großer Geist, und will nun seine Fibelweisheit hier scheinen lassen. Wissen Sie, junger Abendländer, Vandal, oder Gothe, vielleicht Slave, — man spielt hier nicht mit Brett und Schritt und Sprung, wie in den Westländern; unser freier Geist erkennt weder die conventionelle Würde des Königs, noch den niedern Rang der Bauern, sondern wir spielen nach Sympathie, in jenem Geist, der alle Welten nach unsichtbaren Gesetzen zusammenhält! In jeder Nacht hat mein Freund eine neue Inspiration, am folgenden Tage bin ich inspirirt; dann erräth der andre durch hochgetriebenen Instinkt, welch neues System sein Mitspieler ersonnen hat und geht in seine Mysterien ein. Das ist gar eine andre Vielseitigkeit, als das moderne Hin- und Herrutschen der Figuren.

Das ist freilich eine andre Sache, sagte Wolfsberg, indem er sich zurück zog. Er näherte sich dem Lesenden, sah aber zu seinem Erstaunen, daß dieser das Buch verkehrt hielt, und rückwärts die Blätter umschlug. Wie, mein Herr, sagte er höflich, sind Sie so zerstreut, daß Sie nicht bemerken, wie man auf diese Art nicht lesen kann? Oder sind Sie der Kunst etwa gar nicht mächtig? — Der Lesende stand schnell auf, machte ihm eine sehr tiefe Verbeugung, sah ihn an, beugte sich noch tiefer, und sprach dann mit einer lispelnden Stimme und mit überhöflichem Tone: „geruhen dieselben gütigst zu bemerken, mein verehrter Herr Unbekannter, daß es denenselben gefällt, sich wie ein wahrer Einfaltspinsel auszudrücken. Nicht etwa, daß ich in Ihre eben so tiefen, als ausdrücklichen Einsichten einen Zweifel setzen wollte (fern sei von mir ein solcher Frevel!), so scheint es mir doch einleuchtend (möchte ich Sie auch übrigens anbeten), daß Sie mit der crassesten Ignoranz über eine Wissenschaft sich äußern, die freilich Ihrem elenden, kurzen, stümperhaften Horizonte weit entwachsen ist. Was? Weil ich etwa nicht von vorn lese, oder das Buch verkehrt halte, darum könnte ich nicht lesen? Ja, und wenn ich nun selber keinen Buchstaben wüßte, armer Hergelaufener, und ich nähme das Buch nur mit Glauben und Andacht in die Hand, könnte es nicht auch in mich übergehen? Habt Ihr denn wohl schon oft lesend gelesen, und verstehend verstanden? Ja, Druckerschwärze und die krausen Figuren sind Euch in die Augen, Geruch von Leim und Papier in die Nase gekräuselt, und dazu habt Ihr eine Physiognomie geschnitten, wie Schafe beim Gewitter, und meint alsdann, Ihr habt Weisheit in Euch geschlürft, oder seid Eurem berühmten Autor gar noch über den Kopf gewachsen! Bester Nichtdenker, verehrter Strohkopf, ich war seit Jahren Recensent, thätig und einsichtsvoll, gewöhnte mich ans Blättern und hatte immer um so mehr Urtheil, um so weniger ich las; ich brachte es zu der Höhe, daß ich kaum den Titel anzusehn brauchte, nur, wo verlegt, so hatt’ ich das ganze Buch weg. Ist das etwa keine Kunst? Seit ich mich in diese Einsamkeit zurück gezogen, habe ich, weil ich ein demüthiger Charakter bin, wieder zu lesen angefangen; aber warum denn von vorn? Das Ende ist mein Anfang, und da ich mich längst geübt habe, die Schrift umgekehrt zu erkennen, so wäre es mir nun gar nicht mehr möglich, auf Eure dumme, hirnlose, völlig altfränkische Art die Sache zu treiben. Und wo ist denn der Anfang, der anfinge, Ihr Gimpel? Setzt nicht das erste Verslein im Mose schon einen andern Anfang voraus? Und wenn wir den fänden, wiese er dann nicht wieder auf ein Voriges? O Ihr Bettelmann der Gegenwart und Dürftigkeit! ein Ende giebt es; ja in Eurem Verstande; mit dem seid Ihr längst zu Ende! — Er verbeugte sich hierauf wieder sehr tief und beschloß: Verzeihung, Verehrtester und Einsichtsvollster aller Trefflichen, wenn ich, so tief ich auch unter Ihnen stehe, nur durch ein geringes Scherflein habe andeuten wollen, wie sehr ich mich bestrebe, Ihre Meinung zu fassen, und gewiß nicht wagen werde, Ihnen irgend in Hauptansichten zu widersprechen, sondern nur submissest einige kleine Zweifel, welche die Bitte um Belehrung enthalten, entgegen zu schütten, und dadurch nur Veranlassung gebe, noch tiefer Ihr tiefes Ingenium und noch klarer Ihren klaren Geist, noch glänzender die Glanz-Atmosphäre Ihres Wissens, Denkens, zu entwickeln, — und enfin, excellenter Mann, ich verstumme.“

Heiliger Himmel! rief Wolfsberg mit Entsetzen aus, denn er erkannte nun erst, indem er noch einen hastigen Blick auf alle Gruppen warf, wo er sich befinde, — ich bin in einem Narrenhaus! Wer hat die Unverschämtheit gehabt, mich hieher zu versetzen?

Bei diesem lauten Ausruf und dem Worte „Narrenhaus“ wurden plötzlich alle Thoren aus ihren stillen Gesprächen und Speculationen aufgeschreckt. Der Beobachter ließ seinen Maaßstab fallen und rannte herbei; der Aufgedunsene, der Bleiche, so wie der Kupferfarbene liefen schreiend herzu; die Schachspieler sprangen auf; der Lesende machte ein grimmiges Gesicht, und der schlafende Rothrock erwachte, indem er zugleich eine kleine Peitsche aus dem Busen zog. Was? Wie? schrieen Alle und tobten durch einander — ein Narrenhaus? Herr! Wissen Sie, was Sie sprechen? Er wird auch nicht für die Langeweile hier seyn, sagte der große kräftige Mann im rothen Rock, und er darf mir nicht viel gute Worte geben, so lasse ich ihn hier, so wie meine Pygmäen, tanzen, bis die bösen Geister aus ihm gefahren sind.