Ja, meine theuern Freunde und Sie, verehrte fremde Zuhörer, sagte der beleibte Lehrer, ich bin stolz darauf, daß ich in diesen beiden Männern diese großen Talente habe wecken und zur Reife führen können. Diese sokratische Hebammenkunst ist es, in welche ich meinen Stolz setze, da ich selber nichts dergleichen hervor bringen kann. Aber meine Schüler werden mich unsterblich machen. Doch soll der liebende, herzliche Melchior seines Kranzes nicht entbehren.
Er heftete diesem einen Stern von Blech an die Brust, mit welchem der lange blasse Mann sich brüstend durch den Saal schritt. Der Aufgedunsene ging verdrießlich in eine Ecke und murmelte: Abgeschmackter Kerl! Er hat doch durchaus keinen Begriff vom Aechten! Ich von ihm gelernt! Ja, freilich, wenn ich solche Alfanzereien spräche, wie die aschgraue Hopfenstange!
Ruhig, großer Mann, sagte der Lesende, der ihm nachgegangen war; das Erhabene wird nie verstanden, so ist es vom Anfang der Schöpfung gewesen: der größere Sophokles wurde eben so vom süßlichen Euripides verdunkelt; Terenz mußte Seiltänzern weichen; Phidias ward verkannt; Dante aus seinem Vaterlande vertrieben. Lassen Sie den Narren mit dem alten Stückchen Blech laufen; Ihr Herz sei Ihr Elysium, und morgen werde ich Ihnen eine zinnerne Schnalle bringen; heften Sie diese an Ihre erhabene Brust und verachten Sie den Gegner.
Der Edelmann hatte sich indessen wieder mit dem Sokrates ins Gespräch eingelassen, und bewunderte am meisten, daß die beiden Proberedenden diese Fülle von Gedanken und gelehrten Materien so aus dem Stegereif hätten hersagen können. Begeistrung, rief der Sokratiker, ist Alles: sie haben ihr Gemüth gesammelt, und dann aus dem Mittelpunkt ihres Wesens den rauschenden Springquell der Suada hingeströmt.
Ich kann niemals, äußerte der Edelmann, gegen meinen Pfarrer zu Worte kommen; wären Sie nun capabel, mir auch die Zunge zu lösen, daß ich so wie ein Advokat oder Prokurator zu reden wüßte?
Der Director zupfte kopfschüttelnd den Edelmann am Rocke; dieser sah sich verdrießlich um, indem der finstre Mann zu ihm sagte: lieber Mann, Sie verweilen offenbar zu lange in dieser Gesellschaft; dieser Umgang kann Ihnen unmöglich gut bekommen.
Indem erhob sich ein lautes Getümmel am andern Ende des Saales. Lassen Sie mich ungeschoren; rief der junge Wolfsberg laut, ich müßte ja selbst unsinnig seyn, wenn ich dergleichen Unsinn bewundern, oder mir auseinandersetzen wollte, welche von den beiden abgeschmackten Reden die bessere sei.
Die erste ist aber die bessere, rief der Lesende, und wenn Sie keine Kritik mehr respectiren wollen, so ist es mit Ihrem eigenen Verstande nur schwach bestellt. Und was nennen Sie denn Unsinn, Bester? O mein verehrter Widerwärtiger, hundert Meilen wollte ich reisen, wenn ich dergleichen doch nur einmal in Wahrheit anzutreffen wüßte. Das ist ja mein Jammer, daß ich mich schon seit länger als zehn Jahren damit abquäle, einmal den Unsinn zu finden. Aber rutschen Sie durch zehn Schauspielhäuser, und wenn Sie in jedem flüchtig auch nur ein paar Secunden verweilen, so hören Sie leider allenthalben etwas leidlich Vernünftiges; ja was noch schlimmer ist, die zehn kurzen Fragmente aus dem Trauer- und Lustspiel, aus dem Familiengemälde und der Posse, aus der Oper und dem Nachspiel, werden zusammen noch einen passabeln Satz formiren, über den sich sprechen läßt. Ein Blättchen, das Sie finden, ein Wort, das Sie aus dem Fenster hören, ein Gespräch aus einer vorüberrollenden Kutsche, Alles, Alles will leider noch etwas Verständiges aussprechen. Habe ich es nicht damals, als ich diese Liebhaberei zuerst bekam, an mich gewandt, die brillantesten Romane und Schauspiele, die verrufensten Broschüren anzukaufen und zu lesen, weil ich von allen Seiten hörte, daß Unsinn darin vorkäme. Nichts da! Eine alberne dumme Vernünftigkeit fand ich allenthalben, daß die Sachen mich auch gleich anekelten, eine miserable Lust, hie und da über die Schnur zu hauen, und gleich zum alltäglichen Verstande, wie Kinder im Finstern zur Mutter zurück gelaufen. Ja, mein Herzensfreund, in allem dem Geschwätz über Liberalismus und Monarchismus, in diesen Schilderungen von Riesen, Rittern und Pferden, in den Elementargeistern und Gespenster-Katzbalgereien, in dieser frömmelnden, liebesiechen Inspirationssucht ist immer noch kein rechter Aufschwung; allenthalben die kalte Vernunft; die Philisterei der Philisterei; und so sehr ich unsern Demosthenes oder Aeschylus hier in seiner ersten Rede verehre, so möchte ich sie doch nicht so übertrieben loben, daß ich sie unsinnig zu nennen wagte, denn jeden einzelnen Satz würde ich zu beweisen unternehmen und auch zeigen können, wie innig alle unter einander zusammenhangen. Von der zweiten Rede kann gar nicht die Rede seyn, denn sie war ganz trivial.
Der verschmähte Redner hatte sich indessen die Zinnschnalle aus dem Zimmer des Lesenden geholt, und stolzirte mit diesem Schmucke schon im Saale auf und ab. Der Blasse wollte ihm die Auszeichnung nicht gönnen, weil sie seinen eignen Ruf zu beeinträchtigen schien. Er ging daher auf den Usurpator zu, und suchte ihm das glänzende Zeichen zu entreißen; dieser aber wehrte sich und wurde vom Recensenten vertheidigt. Die Schachspieler nahmen dieselbe Partei, indessen der Denker mit dem Maaßstabe den sanften Melchior zu beschützen strebte. Der Edelmann und Wolfsberg standen in der Mitte, und da sich bald aus dem Gezänk ein Stoßen und Schlagen entwickelte, so zog der Pygmäen-Bekämpfer seine kleine Peitsche hervor, und schlug ohne Unterschied unter beide Parteien hinein, indem er behauptete, daß er allenthalben auf Rücken und Schultern jene bösen Geister wahrnehme, welche nur aus Bosheit diesen Zank und Streit unter Menschen erregt, die bisher immer als befreundete Wesen mit einander hätten leben können. Der Director fuhr ebenfalls tobend dazwischen, und durch seine drohenden und ernstlichen Worte ward der Friede endlich wieder hergestellt, obgleich Wolfsberg und der Edelmann, beide als unschuldige Zuhörer, manchen Streich davon getragen hatten, weil es die boshaften Pygmäen-Geister nicht unter ihrer Würde gehalten hatten, diese neutralen Leiber während des Krieges besetzt zu halten. Der Edelmann verließ die Anstalt sehr verdrießlich, und sein Sohn Görge begriff nicht, wie eine so lehrreiche Unterhaltung ohne alle Veranlassung eine so kriegerische Wendung hatte nehmen können.
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