Sie sind, sagte der Diener, der Herr Theophil von Leitmark.

So, sagte der Thor, ich dachte Ebermann, Hardeber, oder sonst. Nun, mir kann’s gleich gelten.

Der Arzt hatte sich wieder gesammelt, nahm Abschied vom Pfarrer, bat der Störung wegen um Verzeihung, und zog dann halb gewaltsam den Rath zum Wagen. Lassen Sie mich nur noch ein Wort mit Pankraz sprechen, sagte dieser. Doch Pankraz und Theophil waren eiligst verschwunden, und der Pfarrer erzählte, daß Beide oft Wochen lang in der Gegend, nahe und fern, auf ihren Pferden umher streiften, und man alsdann nur selten erführe, wo sie auf ihren thörichten Irrfahrten verweilten. Der Arzt hob seinen Freund selbst in den Wagen und sagte dann laut: Lassen Sie uns doch nun unser Ziel verfolgen, den Grafen Birken suchen, nach Raimund spähen; fahre Herr Theophil und sein Pankraz wohl, und sei unser lieber Herr Pfarrer Kilian auf immer dem Himmel befohlen; denn hieher werden wir auf keinen Fall wieder kommen! Niemals, denn wir haben noch eine weite Reise vor uns!

Der Rath sah ihn verwundert an, und wollte fragen; aber das Rollen des Wagens hinderte jetzt noch das Gespräch, und sie hatten in kurzer Zeit das Dorf und die Gegend verlassen.

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Baron Wolfsberg hatte unterdessen fleißig arbeiten müssen. Um sich nicht zu verrathen, durfte er am Tage nicht so lange schlafen, als es ihm wohl gut und heilsam gewesen wäre. Der kleine Friedrich führte eine strenge Aufsicht über ihn und ermunterte ihn kräftig, wenn er einmal ermatten wollte. Als das Geschäft des Eingrabens schon weit gediehen war, zeigte sich die größte Schwierigkeit darin, die aufgehäufte Erde, welche bei der zunehmenden Arbeit immer hinderlicher wurde, fortzuschaffen. Doch Friedrich wußte auch dafür ein Mittel. Es gelang ihm, aus dem Garten einen Schiebkarren unbemerkt zu entfernen, und in die unterirdischen Gewölbe zu befördern. Da er aber selbst für die Arbeit viel zu schwächlich war, so mußte der junge Baron auch das Geschäft übernehmen, Sand und Erde herauf zu führen, und in die weit verbreiteten Räume der Keller zu verfahren und auszustreuen. Gewöhnlich holte Friedrich den nächtlichen Arbeiter schon vor eilf Uhr ab, und ließ ihn erst gegen vier Morgens zurück kehren, so daß auch Wolfsberg durch den wenigen Schlaf, da überdieß die Kost nicht die nahrhafteste war, sich nach wenigen Wochen ziemlich abgemattet fühlte. Er wurde mager, still und melancholisch, und sah dem jungen frischen Manne und dem übermüthigen Weiberliebling kaum mehr ähnlich, in dessen Gestalt er zuerst das Haus betreten hatte. Der Director schaute ihn oft prüfend an, untersuchte seinen Puls, und erkundigte sich theilnehmend, ob ihn ein besonderer Gram quäle. Wolfsberg aber, der sich schmeichelte, bald das Ziel seiner Anstrengungen erreicht zu haben, wich allen prüfenden Fragen sorgfältig aus.

Zu einer Mittagsstunde ward der junge Mann dadurch überrascht, daß ihn sein getreuer Friedrich an den Tisch des Directors zum Essen einlud. Er fand dort nur eine kleine Gesellschaft, und außer dem Wirthe nur einen schmächtigen, ziemlich alten Prediger aus der benachbarten Stadt, der zuweilen in einer Capelle des großen Hauses den Verwirrten predigte und sie zu ermahnen und bekehren suchte, meist aber durch possierliche Störungen gehemmt und unterbrochen wurde. Außer Wolfsberg war nur noch Herr Kranich gewürdigt worden, an diesem kleinen vertraulichen Tische Platz zu nehmen; Friedrich war mit zur Aufwartung zugegen. Sie sehn, meine Herren, fing der Director mit einer heitern Miene an, die man nicht an ihm gewohnt war, ich behandle Sie heute als Männer, die sich selbst in der Gewalt haben. Der Herr Pastor und ich hoffen von Ihrer Unterhaltung Vergnügen und Aufheiterung; denn sich in diesem großen Hause immer so einsam zu fühlen, ist wahrlich nicht erfreulich.

Wohl, sagte der Pfarrer schmunzelnd; und es will mir oft vorkommen, als wenn unsre Freunde nur etwas mehr kräftigen Willen haben dürften, um so wie wir Andern zu seyn; aber ich versichre Sie, Herr Director, und Ihre eigene Beobachtung wird es Ihnen auch bestätigt haben, daß die leidige Eitelkeit, der Stolz auf irgend eine Grille, die man nicht ablegen will, sehr viel, ja bei manchen unsrer Patienten wohl das Allermeiste thut.

Friedrich mußte dem Baron, so wie dem Herrn Kranich Wein einschenken, damit sich beide, vorzüglich der junge Graf, wie ihn der Director nannte, stärken möchten. Freilich haben Sie Recht, Herr Pastor, setzte dieser das Gespräch fort; denn wer von uns fühlt wohl nicht, daß er sich nur nachgeben und verweichlichen dürfte, um diese oder jene Seltsamkeit auf die wunderlichste Art auszubilden, und dadurch bei stärkern Menschen Anstoß oder Lachen zu erregen?

Mein Herr Director, antwortete der Geistliche, es ist überdieß im Thörichten (Verzeihung, meine Herren, daß wir so offen über diesen Gegenstand sprechen) etwas so Anlockendes, fast Liebliches, daß man zuweilen recht im ganzen Wesen den unwiderstehlichen Reiz spürt, mit beiden Beinen frisch und wohlgemuth hinein zu springen. Soll ich? Soll ich nicht? so fragt man sich selbst. Warum nicht? sagt eine curiose Stimme, aus dem fernsten und buntesten Winkel unsers Geistes; tausend! ruft es, was kannst du da erfahren, und dich genießen, ja erst recht verstehen, wenn du der Altklugheit ein Schnippchen schlägst. Aber zum Glück kommt dann wieder eine ehrbare, aschgraue Moral, die mit ernster Miene sagt: widerstehe dem Verführer und seiner Lockung, laß dich nicht in die Kellergewölbe des Wahns führen, wo trotz aller Versprechungen keine Schätze liegen!