Wissen Sie denn, was die Zeit ist? klagte jener weiter. O Lieber, mancher Achtzigjährige geht zu Grabe, und hat vielleicht nicht zwanzig Jahre, nicht zehn gelebt. Vielleicht giebt es Menschen, die von der Geburt an bis zum Greisenalter nicht zur Zeit erwachen, und erst jenseit die erste Stunde müssen kennen lernen. In der Gleichgültigkeit ist kein Strom; weder Vergangenheit, noch Zukunft, auch keine Gegenwart. Freude, Jubel und Glück sind rasende Kinder, die tobend umher springen und das zarte Stundenglas zerbrechen; hinter ihnen steht Tod und Nichtsein, — der Himmel gab uns dafür keine Sinne. Aber im Schmerz, im Schmerz! Wie durch diesen Wunderbalsam die Secunde, die das Auge kaum unterscheidet, aufschwillt und mit der Ewigkeit schwanger wird! Ja, mein junger Zeitgenosse, ich habe Tage erlebt, in denen Jahrhunderte eingewickelt waren; sie lösten sie aus ihren Schleiern und legten sich mir um die Seele. Dann kam eine Stunde, eigentlich nur ein Augenblick; da sprang die ganze aufschwellende Knospe entzwei, in der mir die Zeit in duftenden Blättern aus einander blühen sollte, und ein Alles und Nichts, ein großer ewiger Tod, in dessen finsterm Herzen kindisch das süßeste Leben lächelte, brach mit Gewitternacht über mich ein. Da waren die Jahrtausende verlebt, dieselben, an denen das Menschengeschlecht, ohne sie nur zu kosten, vorüber kriecht. Schmerz, Herz, Scherz: nicht wahr, im Schmerz ist Alles, was die Andern nur einzeln aussprechen? Leben Sie wohl, und hüten Sie sich, so alt zu werden! Ich gehe wieder auf mein Zimmer, denn wenn diese großen Minuten mich besuchen wollen, müssen sie mich wach finden. Adieu, junger Mann, vielleicht bin ich schon acht oder zehntausend Jahre, wenn wir uns wiedersehn. Er wankte hinaus, und keiner von den Gegenwärtigen achtete auf ihn.
Die Uebrigen umringten Wolfsberg, und Sokrates, der den Sprecher im Namen Aller zu machen schien, sagte: junger Herr, wir Alle sind es nun endlich überdrüssig, Sie noch länger diese triviale Rolle spielen zu sehn, mit der Sie uns Allen herzliche Langeweile machen. Nicht der Unbedeutendste hier, der nicht sein Pfund wuchern ließe; und Sie wollen immer noch als leutseliger Beobachter sich herum treiben? Fordert die Menschheit nicht auch Ihre Kraft und Ihren Entschluß? Sie sollen nicht länger der Niemand seyn, mit dem Keiner von uns etwas anzufangen weiß.
Meine Herren, sagte Wolfsberg in einer sonderbaren Stimmung, die aus Schmerz und toller Laune gemischt war: da Sie mich Alle mit einem so gütigen Zuruf und schmeichelnden Zutrauen beehren, und da ich sehe, daß uns hier eine so glückliche Republik umfaßt, in der uns weder Gesetze der Zeit noch des Raumes tyrannisiren, und eine so freie Verfassung unsre Kräfte erhebt, daß auch selbst das Unmögliche möglich wird: so will ich denn auch nicht länger hinter dem Berge halten, mich Ihnen entdecken und Ihren herrlichen Bestrebungen anschließen. Wissen Sie also, daß ich das Eigne an mir habe, daß ich schon öfters gelebt habe, vielerlei Zustände erfahren, und mein dermaliges Leben nur als die hundertste Wiederholung in einer etwas veränderten Modification aufführe.
Wie meinen Sie das, Trivialer? fragte der Leser.
Dieselben geruhen, antwortete Wolfsberg, mit Ihrer unvergleichlichen Stupidität nicht zu capiren. Ich war mit Einem Wort, genau nach der Lehre des Pythagoras, schon in vielfachen Gestalten im Leben. Ich war König, Kaiser, Bettler, Vater, Sohn, lasterhaft, zur Tugend geneigt, glücklich und elend.
O, sagte der Indianische Schachspieler, Sie fangen an interessant zu werden, Männchen; fahren Sie nur so fort, so können Sie noch was leisten.
Können Sie uns nicht etwas Bestimmteres von Ihren frühern Verhältnissen mittheilen? fragte Sokrates.
Gern, erwiederte der Baron mit geläufiger Zunge, ich war z. B. zugegen, als Cäsar ermordet wurde.
Trefflich! rief der Leser; wer waren Sie denn dazumal?
Wer anders, als der berühmte Cassius, antwortete Wolfsberg.