Halt! schrie der aufgedunsene Redner, der noch immer mit der Zinnschnalle paradirte, halt! rief seine krächzende Stimme; das ist nur Windbeutelei! Denn wenn ich damals hätte leben können, so würde ich Cassius gewesen seyn: also ist es pur unmöglich, daß du selbiger gewesen!

Dieser leere Wunsch, und die etwanige Möglichkeit, sagte Wolfsberg spitzfindig, schließt doch wohl meine wirklich erlebte Wirklichkeit nicht aus?

Leerer Wunsch? schrie der aufgebrachte Dichter, in meinem ganzen großen Leibe und noch größerem Geiste ist kein einziger Wunsch, den man als leer verlästern dürfte! Leer! Ei, den ausgelernten Lehrer! Mit diesen Worten schlug er auf den jungen Baron ein. Sokrates wollte seinen ehemaligen Schüler zurechtweisen: da dieser aber, noch ergrollt, ihn ebenfalls nicht schonte, so verließ auch diesen die sokratische Ruhe. Doch, wie es auch wohl bei Vernünftigern zu geschehen pflegt, vergaß er den Beginn des Zanks, und sein thätiger Unwille wandte sich nach wenigen Augenblicken gegen Wolfsberg. Die Schachspieler, Melchior, der Baukünstler, ja Alle im Saale schienen plötzlich von der Ueberzeugung begeistert, daß es nothwendig sei, denjenigen, der schon als Cassius und in andern Zuständen Vieles gelitten, auch in diesem Momente mit empfindlichen Leiden zu überhäufen. Am grausamsten aber wüthete die Peitsche des Pygmäen-Bezwingers, dessen Seherkraft auf Rücken und Schultern des Armen Myriaden seiner kleinen Gegner erblicken mußte, weil er, unbarmherzig gegen sich und den Geschlagenen, in die Geister mit der Anstrengung aller Kräfte hinein arbeitete. Entsetzt stürzte Friedrich, der seinen fleißigen Arbeiter und Schatzheber unterliegen sah, mit fürchterlichem Geschrei zum Director, dessen Autorität und starkes Wort den armen, erschöpften Baron auch wirklich frei machte, der sich verdrießlich und zerschlagen nach seinem Zimmer begab, und den der Trost, welchen ihm Friedrich noch in der Thür zuraunte, daß die nun kommende Nacht die letzte und entscheidende sei, in diesem Augenblick nicht sonderlich erheben konnte.

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Als Friedrich seinen nächtlichen Schatzgräber abrief, fand er ihn sehr übel gelaunt. Die Arbeit wird mir zu schwer, sagte er verdrießlich; meine Kräfte nehmen ab, und ich muß fürchten, daß diese ganze ungeheure Anstrengung vergeblich gewesen ist; denn nach so manchen Wochen, nach so vieler herausgegrabenen Erde, da wir doch schon tief genug gekommen sind, zeigte sich noch immer nichts. Es wird auch fast unmöglich, die Erde aus der Tiefe noch höher herauf zu schaffen, da ich Alles allein verrichten muß.

Nur heut noch, flüsterte Friedrich; ich gebe Ihnen mein Wort, heut ist die letzte und entscheidende Nacht! Wir müssen nur Anstalt treffen, das viele Gold aufzubewahren, ohne daß man es bei uns bemerkt. Und noch Eins, verehrter Freund, in der letzten Nacht zeigt sich gewiß etwas Sonderbares oder Gespenstisches. Lassen Sie sich nicht überraschen; erschrecken Sie nicht, wenn Sie Stimmen hören, ein wunderliches Gepolter, Geschrei; wenn Lichter und Geister kommen, und uns das so sauer Errungene wieder zu entreißen streben. Denn das ist ihre Art, den Glücklichen noch zuletzt zu ängstigen, damit sie ihm seine Beute wieder entziehen. Darum hüten Sie sich heute besonders vor jedem Zweifel oder gottlosen Wort und Fluch; denn sonst versinkt unser Schatz gleich wieder so viele Klaftern tiefer, daß alsdann unsre Arbeit von Neuem und viel beschwerlicher anfangen müßte. Heut müssen wir besonders still seyn, und uns eine feierliche Manns- und Heldenstimmung geben.

Sie gingen langsam hinunter. Sie flüsterten unterwegs, was sie mit den Schätzen beginnen, welche Unternehmungen sie ausführen wollten, wie die Welt vor den ungeheuren Dingen erstaunen sollte, die alsdann auftreten würden. Wolfsberg sprach davon, wie er sich sein eignes Theater in seinem großen Palaste anlegen wolle, und nur den vorzüglichsten Künstlern gestatten, bei ihm aufzutreten; Friedrich dachte mehr darauf, den Director zu kränken, seinem Hause gegenüber ein anderes, noch größeres aufzuführen, und alle Menschen dort kostbar zu bewirthen die sein Gebieter nicht leiden könne.

Als sie unten waren, stellte Wolfsberg die Laterne wieder neben sich, und fing an seufzend zu graben, da ihm Arme und Rücken, ermüdet, wie sie waren, fast den Dienst versagten. Friedrich stand oben auf der lockern Erde, und konnte kaum seine heisern anordnenden Worte hinab gelangen lassen, so tief hatte sich Wolfsberg schon unter die Fundamente eingegraben. Eine schauerliche Stille umgab sie; ganz dumpf und fern hörten sie jetzt die große Uhr zwölf schlagen. Wolfsberg dachte nicht ohne Grausen daran, daß sich nach seines kleinen Freundes Voraussagung nun wohl etwas zeigen könne, und suchte seine Angst durch emsigere Arbeit zu betäuben. Friedrich stand hoch über ihm und zitterte an allen Gliedern; er wagte es nicht mehr hinab zu sehn; die Erdschollen, wie sie von unten aufgeworfen wurden, erklangen ihm fürchterlich, weil er in jedem Wurf Schritt und Tritt eines Geistes zu hören glaubte. In der größeren Anstrengung warf Wolfsberg die Laterne um, die nur ein dämmerndes Licht in der ausgegrabenen Kluft schimmern ließ; Friedrich stieß einen leisen Ausruf des Entsetzens aus, und als sich jetzt ein seltsames Gepolter vernehmen ließ, ein dumpfes, brausendes Murren, von dem man nicht unterscheiden konnte, woher es komme, setzte sich Wolfsberg in höchster Angst nieder, ein Geisterheer und furchtbare Erscheinungen erwartend. Sein Haar sträubte sich, als das Getöse zunahm; und jetzt fiel plötzlich mit schwerem Fall ein Wesen um seinen Hals, schlang sich zitternd und weinend an ihn fest und schien ihn erdrücken zu wollen. Als Wolfsberg sich etwas besann, erkannte er Friedrich, der von oben zu ihm herab gekugelt war, vom Schreck hinunter geworfen. Was wird aus uns werden? schluchzte dieser. Aber nur Muth, Muth, mein Leidensgefährte! Jetzt vernahm man etwas Bestimmteres, wie Reden, Schreien durch einander. Es kam näher; aber nicht aus dem Boden, sondern von dem Eingange des Kellers her; Lichtschimmer fingen an sich zu verbreiten. Aber da muß das heilige Donnerwetter drein schlagen! brüllte jetzt eine Stimme, und der Kleine ließ jetzt den Baron fahren, richtete sich auf, und sagte: Gott Lob! es ist nichts, es ist nur unser Herr Director.

Mordelement! schrie dieser von oben, wie sieht das hier in den Kellergeschossen aus, da müssen wenigstens zwanzig verrückte Spitzbuben dran gearbeitet haben. Gewiß ist der Schuft, der Friedrich, wieder auf seine alten Tollheiten verfallen, und hat ein Rudel Dummköpfe zu Gehülfen genommen. An dir aber will ich ein Exempel statuiren!

Herr Director, Barmherzigkeit! winselte der Kleine von unten hinauf.