Hier kommt Graf Birken, schrie Friedrich; er wollte sich erst gar nicht dazu bequemen.

Wolfsberg trat herein; der Arzt ging ihm entgegen, aber beide fuhren in demselben Augenblicke vor einander zurück. Sie, Herr von Wolfsberg hier? unter diesem Namen? Und so verwandelt? so abgefallen? So drückte mit wiederholten Ausrufungen der Arzt sein Erstaunen aus. Die Uebrigen im Saale waren nicht ruhiger. Fanny lag in Ohnmacht, und Wolfsberg, der jetzt erst die Gruppe sah, machte sich aus den Armen des umhalsenden jungen Mannes, der einmal über das andre: mein Adlerfels! rief, los und eilte der Niedergesunkenen zu Hülfe. Er kniete zu ihr nieder, er legte ihr Köpfchen auf seinen Schooß: o meine geliebte, meine theuerste, meine einzige Franziska! rief er in den zärtlichsten Tönen; entziehe Dich mir jetzt nicht wegen meiner Missethat, entfliehe mir nicht, denn ich bin kein Herzloser mehr: ich kehre zu Dir zurück, wenn Du mich noch würdigest, mich Dein zu nennen! Ich bin ja aus meinem tiefen Elende zu mir selber erwacht; o so erwache denn auch Du zu diesem Leben wieder!

Franziska schlug die ermatteten, aber schönen Augen auf. Sie konnte an ihr Glück nicht glauben, daß sie in dessen Armen lag, der sie mit so grausamem Hochmuthe von sich gestoßen hatte. Du mein? stammelte sie; gewiß?

Ja, mein süßes Herz, erwiederte Wolfsberg, der sich nun als Adlerfels ausgewiesen hatte; ja ich kehre mit Dir zurück, Du wirst meine Gattin, und alle Schmerzen, allen Hohn, den Du um meinetwillen ertragen hast, will ich Dir vergüten, wenn ich es vermag. Und unser Kind, das arme Würmchen, lebt es denn noch?

Die liebe Bertha, sagte die Entzückte, ist zu Hause, bei meiner Schwester. Gott! wie wird sich Alles freuen!

Ich gratulire, Fanny, sagte die gnädige Frau: nun gieb mir nur Strickkorb und Shawl her, daß ich es selber trage.

Bruder, rief der andre Schauspieler, wie wird das Publikum sich freuen, Dich in Deinen Effect-Rollen wieder auftreten zu sehn.

So eben, rief Friedrich herein springend, haben sie noch einen ganz neuen Narren eingefangen. Das geht scharf her.

Walther trat lachend ein und man verständigte sich sogleich. Anselm stellte ihn dem Baron vor und sagte ihm kurz, daß das edle Herz des frommen alten Herrn in Alles gewilligt habe, was er nur irgend als Mensch oder Rechtsgelehrter von ihm fordern könne. So laßt uns denn, rief Walther, nach dem Dorfe zurück kehren, von dem ich eben herkomme, denn wenn meine Augen nicht ganz zu Lügnern geworden sind, so haben sie dort meinen geliebten Raimund erblickt.

Wirklich war es Raimund gewesen, den Walther erst erspäht hatte. Stumm und in sich gekehrt hatte der Jüngling das Haus verlassen. Er begriff nicht, was ihm geschah; er wußte auch nicht, wo er hin wollte. So ging er dem Fußsteige nach, der ihn bald in den Wald führte. Er sann seinem verschwundenen Leben nach, und ihm ward fromm und heilig zu Sinne. War es doch, als fielen verhüllende Schleier von seinem Gemüthe und Herzen herunter. Er kam an einen grünen runden Platz im Walde, wo er sich unendlich bewegt fühlte. Er sah sich um, um sich zu erkennen, und eine alte Birke, in welcher noch die Namenszüge, die er einst eingegraben, fast unkenntlich verwachsen waren, erinnerte ihn an Alles. Er war noch ein Kind gewesen, als er hier einmal von seiner theuren Mutter Abschied genommen hatte; bis hieher hatte er sie begleiten dürfen, und von dieser Stelle kehrte er mit seinem Vater wieder nach dem Schlosse zurück. Er ahndete damals nicht, daß er nach einem Jahre schon beide Aeltern beweinen sollte. Das Gut wurde nachher vom Oheime vortheilhaft verkauft, und Raimund hatte seit seiner Kindheit diese Gegend nicht wieder gesehn. So wie er jetzt zu diesen Erinnerungen immer deutlicher erwachte, wie die Sehnsucht nach den Scenen seiner Kindheit, nach dem Kirchhofe, wo seine Aeltern ruhten, in ihm wuchs; so empfand er es, wie jene dumpfe Angst immer mehr verschwand, die bis dahin seinen Geist wie in einem finstern Kerker eingefangen hielt. Er verließ den Wald, da lag der kleine Fluß vor ihm, der vom Wohnsitze seiner Kindheit herströmte. Alle Wogen schienen ihn zu grüßen, jede Blume am Ufer ihm einen kindlichen Gruß zuzunicken. Da fand er schon die Mühle im engen Thal, die ihm als Knaben mit ihren rauschenden Rädern so wunderbar erschienen war. Sie ist ja jetzt nicht weniger wundervoll, sagte er zu sich, wenn ich gleich weiß, was und wozu sie da ist. Er ging vorüber, und wollüstige erleichternde Thränen strömten aus seinen Augen. Da war der Bergschacht, der ihm so entsetzlich vorgekommen war; er ging dicht hinan, und erinnerte sich der grauenvollen Sagen, die von ihm im Lande umgingen. Nun sah er schon den wohlbekannten Berg seines Geburtsortes, die rothe hohe Felswand und die von oben herabhangenden Bäume. Da schimmerte auch schon das Dach des Schlosses herüber. Es schmerzte ihn, daß er nicht in das Thor vertraut eintreten dürfe, daß fremde Menschen, die er nur wenig kannte, in den Zimmern wohnten, wo seine Wiege gestanden, wo sein Vater ihm vorgelesen, wo seine Mutter ihn in einer Krankheit auf ihrem Schooße eingesungen hatte. Auf dem Kirchhofe kniete er mit Andacht an der Gruft. Er nahm sich nun fest vor, seine Freunde wieder aufzusuchen, und nachzuforschen, wer ihm das Schicksal bereitet haben könne, das ihm erst jetzt seltsam erschien. Doch mußte er, ehe er weiter ging, die einsame Wiese hinter des Pfarrers Garten besuchen, den Spielplatz seiner Kindheit, wo er unter der hohen Linde so manchmal im grünen Grase halb eingeschlummert war, auf das Säuseln der Blätter, das Summen der Bienen, und das Plätschern des nahen Baches horchend, wo Alles wie süßer Geistergesang ihn anredete, und er noch lieblicher aus seinen Träumen Antwort gab. Nun stand er wieder unter dem Baume, und eine himmlische Müdigkeit ergriff ihn, wie damals; er tauchte die brennenden, thränennassen, jetzt so bleichen Wangen in das kühle grüne Gras, und die Bienen schwärmten im Baum, die Blätter schwatzten mit ihnen, das Flüßchen erzählte sich selbst eine alte Geschichte, und er entschlief wieder, wie in der Kindheit. — —